
Batterie ohne Lithium: Lausitz-Fabrik scheitert am Geld
Quellen (9)
- Tagesspiegel: Altech gibt Batterie-Projekt in der Lausitz auftagesspiegel.de
- Niederlausitz Aktuell: Altech stellt Batteriefabrik in Schwarze Pumpe einniederlausitz-aktuell.de
- Die Sachsen: Altech gibt Batterie-Projekt aufdiesachsen.de
- Radio Cottbus: Batterieprojekt Cerenergy wird eingestelltradiocottbus.de
- PV Magazine: Altech erhält bedingte Finanzierungszusagepv-magazine.de
- Windbranche: Altech erhält Genehmigungen für Cerenergy-Batteriewerkwindbranche.de
- Ecoreporter: Altech kooperiert mit Fraunhofer Institutecoreporter.de
- Business Insider: Northvolt-Insolvenz Konsequenzen für Europabusinessinsider.de
- ZDF: Northvolt meldet Insolvenz anzdfheute.de
Die Technologie ist eine der interessantesten im europäischen Batteriesektor: eine keramische Festkörperbatterie aus Kochsalz und Nickel, ohne Lithium, ohne Kobalt, ohne seltene Erden. Das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme (IKTS) in Dresden hat sie entwickelt. Gebaut werden wird sie in Deutschland nicht, zumindest nicht jetzt: Das Projekt im Industriepark Schwarze Pumpe in der Lausitz wurde nach neun Monaten erfolgloser Investorensuche am 30. Juli 2026 eingestellt.
Was Cerenergy ist
Das Fraunhofer-IKTS hat die Cerenergy-Technologie, eine Natriumnickelchlorid-Festkörperbatterie für stationäre Speicheranwendungen, über mehrere Jahre entwickelt. Das Grundmaterial ist Natriumchlorid, also Kochsalz, kombiniert mit Nickel und einer keramischen Membran als Elektrolyt. Lithium, Kobalt und Grafit, die drei kritischen Rohstoffe in den marktdominierenden Lithium-Ionen-Akkus, werden nicht benötigt.
Das Fraunhofer-IKTS gibt die Lebensdauer der Cerenergy-Batterie mit mehr als 15 Jahren an. Die Zellen sind weder brennbar noch explosionsgefährdet, was bei Lithiumakkus unter bestimmten Bedingungen der Fall sein kann. Als stationäre Speichertechnologie, also für Netzstabilisierung, Industrieanlagen und Erneuerbare-Energien-Puffer, gilt Cerenergy als technologisch ausgereift.
2022 gründeten das Fraunhofer-IKTS und die australische Altech Group das Joint Venture Altech Batteries GmbH, um die Technologie zur Marktreife zu bringen. Standort sollte der Industriepark Schwarze Pumpe in Spremberg im sächsischen Teil der Lausitz sein. Bis 2024 lagen alle Baugenehmigungen vor. Im Januar 2026 erhielt Altech Advanced Materials AG, die börsennotierte deutsche Tochtergesellschaft, eine bedingte Finanzierungszusage.
Warum das Projekt dennoch scheiterte
Eine bedingte Finanzierungszusage ist kein Baugeld. Die Bedingung war typischerweise die Beteiligung eines strategischen Industriepartners, der sowohl Kapital einbringt als auch operative Expertise in der Skalierung von Batteriezellenproduktion mitbringt. Genau diesen Partner fand Altech nicht.
Laut der Ad-hoc-Mitteilung von Altech Advanced Materials AG vom 30. Juli 2026 wurden über neun Monate Gespräche "primär mit einem weltweit tätigen deutschen Industriekonzern" geführt. Diese Verhandlungen endeten ohne Ergebnis. Der Vorstand stellte fest, dass "die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Finanzierung und Inbetriebnahme so gering geworden ist, dass weitere Betriebskosten nicht mehr zu rechtfertigen sind".
Das Grundstück geht für rund 675.000 Euro an die Gemeinde Spreetal zurück, auf deren Gebiet der sächsische Teil des Industrieparks liegt. Die Patentrechte auf die Cerenergy-Technologie bleiben beim Fraunhofer-Institut. Sie sind nicht verloren, aber sie werden vorerst nicht kommerziell genutzt.
Was das Muster bedeutet
Altech ist kein Einzelfall. Northvolt, der schwedische Batteriehersteller, der zur wichtigsten europäischen Antwort auf chinesische Batteriedominanz aufgebaut worden war, meldete Ende 2024 Insolvenz an. Das geplante Werk in Heide in Schleswig-Holstein wurde aufgegeben, obwohl die EU-Kommission direkte staatliche Fördermittel von rund 700 Millionen Euro genehmigt hatte. Schulden von fast 5,7 Milliarden Euro und Rückzug von Großkunden wie BMW hatten das Unternehmen in die Krise geführt.
Das Strukturproblem ist dasselbe: Eine Batteriezellenproduktion im industriellen Maßstab erfordert Anfangsinvestitionen in einer Größenordnung, die Start-ups und Forschungsgesellschaften allein nicht stemmen können. CATL in China und LG Energy Solution in Südkorea haben Milliarden in neue Technologien investiert und über Jahre Verluste in Kauf genommen, bis die Skalierung die Kosten drückte. Sie wurden dabei von Regierungen und nationalen Industriestrategien gestützt.
In Deutschland und Europa lautet die Frage bei ähnlichen Projekten zu früh: Wann kommt die Rendite? Das schreckt großindustrielle Partner ab, besonders wenn die Alternative ist, günstige Zellen aus Asien einzukaufen, statt selbst zu produzieren. Das Kritische-Rohstoffe-Argument, also der Hinweis auf die geopolitische Vulnerabilität einer Abhängigkeit von Lithium und Kobalt aus China, wiegt im Investitionsgespräch weniger als die Kalkulation der Batteriezellen pro Kilowattstunde.
Lausitz: Ein Rückschlag für den Strukturwandel
Schwarze Pumpe war einst eines der größten Braunkohlekraftwerke der DDR. Der Industriepark, der auf dem Gelände entstanden ist, gilt als Vorzeigeprojekt des sächsisch-brandenburgischen Strukturwandels nach dem Kohleausstieg. Das Cerenergy-Werk war eines der Projekte, die zeigen sollten, dass moderne Energieindustrie in der Lausitz möglich ist.
Der frühere sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) hatte das Altech-Projekt als Teil der industriellen Neuausrichtung der Region bezeichnet. Ob und wann ein vergleichbares Projekt nachrückt, ist offen. Der Industriepark Schwarze Pumpe verzeichnet laut Betreibern weiterhin Ansiedlungsinteresse, doch Batterieprojekte in diesem Maßstab brauchen neben Gelände und Genehmigungen einen industriellen Anker, den die Region bisher nicht gefunden hat.
Was das Fraunhofer-Patent als Nächstes macht
Das Fraunhofer-Institut behält die Patentrechte auf Cerenergy. Das Institut hat angekündigt, die Technologie weiterzuentwickeln und die Suche nach einem anderen Industriepartner fortzusetzen. Eine Produktion könnte also in einem anderen Land oder zu einem späteren Zeitpunkt entstehen, wenn die Marktbedingungen für stationäre Speicher sich weiter verbessert haben.
Für den Technologietransfer an einen ausländischen Partner bräuchte das Fraunhofer-Institut vermutlich Zustimmung der Bundesregierung: Strategische Technologien aus öffentlich finanzierter Forschung stehen zunehmend unter Ausfuhrkontrolle. Wie das Bundeswirtschaftsministerium in einem solchen Fall entscheiden würde, ist nicht vorab klar. Das Lausitz-Werk jedenfalls wird nicht gebaut. Die Batterie aus Kochsalz wartet auf einen Produzenten.
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