ARD und ZDF schalten drei TV-Sender bis Ende 2026 ab
Gesellschaft

ARD und ZDF schalten drei TV-Sender bis Ende 2026 ab

Am 31. Dezember 2026 gehen tagesschau24, ARD alpha und One offline. 21 Radioprogramme folgen. Hinter dem Rückbau steckt ein 538-Millionen-Euro-Ausfall durch die Beitragsblockade mehrerer Bundesländer, ein Reformstaatsvertrag und ein BVerfG-Urteil, das erst im Herbst erwartet wird.

7. Juli 2026, 23:02 Uhr 738 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer am 1. Januar 2027 tagesschau24 einschaltet, sieht einen leeren Kanal. Das Gleiche gilt für ARD alpha und One. Drei Fernsehprogramme enden am 31. Dezember 2026 um Mitternacht, dazu kommen 21 Radioprogramme aus allen ARD-Landesanstalten. Was wie ein radikaler Kahlschlag klingt, folgt einem Reformvertrag, den die Rundfunkanstalten und die Bundesländer seit Dezember 2025 umsetzen. Worum es wirklich geht: um 538 Millionen Euro, die den Sendern fehlen, weil mehrere Länder den Rundfunkbeitrag seit Jahren blockieren.

Was ist der Reformstaatsvertrag?

Am 1. Dezember 2025 trat der neue Reformstaatsvertrag für ARD, ZDF und Deutschlandradio in Kraft. Er schreibt vor, was der Rundfunkkritik der letzten Jahre entgegenkommen soll: weniger lineare Kanäle, mehr digitale Angebote, keine Doppelstrukturen zwischen den Anstalten. Von 70 Radioprogrammen bleiben künftig 53. Drei der bisher separaten TV-Sender enden.

Konkret ab dem 31. Dezember 2026 abgeschaltet werden: tagesschau24 (ARD-Nachrichtenkanal), ARD alpha (Bildungskanal der bayerischen ARD-Anstalt BR) und One (Kulturkanal, früher EinsPlus). Bei ZDF enden ZDFneo und ZDFinfo in ihrer bisherigen Form. Stattdessen entstehen ab 2027 drei gemeinsame ARD/ZDF-Angebote unter neuen Dachmarken: „neo" für junges Publikum, „info" als Dokumentationskanal und ein neu ausgerichtetes Phönix, das sich stärker auf live Politikereignisse und parlamentarische Debatten konzentriert.

Was sich mit diesen neuen Namen ändert: Die Inhalte der eingestellten Sender sollen „primär digital" weitergeführt werden, über Mediatheken und Streamingdienste. Ob das Reichweite bei jenen Zuschauern erhält, die bisher linear geschaut haben, ist offen.

Das eigentliche Problem: 538 Millionen Euro Ausfall

Der Reformstaatsvertrag kommt nicht aus dem Vakuum. Sein Hintergrund ist ein Finanzstreit, der seit 2021 läuft. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) empfahl 2024 eine moderate Erhöhung des Rundfunkbeitrags von 18,36 auf 18,94 Euro im Monat. Die Ministerpräsidentenkonferenz lehnte ab. Der Beitrag blieb eingefroren. Über zwei Jahre summiert sich der Ausfall für ARD, ZDF und Deutschlandradio auf rund 538 Millionen Euro.

ARD und ZDF haben dagegen Verfassungsbeschwerde eingereicht. Das Bundesverfassungsgericht verhandelte am 23. Juni 2026 in Karlsruhe. Ein Urteil wird für den Herbst 2026 erwartet. Bis dahin läuft der Sparkurs. Dass Karlsruhe den Sendern in der Sache recht geben könnte, ändert nichts an der Situation bis zum Urteil: Die Einsparungen laufen bereits, die Abschalttermine stehen fest.

Juristen bewerteten die Beitragsblockade mehrerer Länder als verfassungsrechtlich problematisch. Ein Gutachter sprach öffentlich von einem Vorgehen „aus Angst vor der AfD" ohne sachliche Begründung für die Abweichung von der KEF-Empfehlung.

Wer die Hauptlast trägt: die Freien

Die Gewerkschaft ver.di warnt seit Monaten vor den Folgen für Beschäftigte. Festangestellte Redakteurinnen und Redakteure genießen durch Tarifverträge und Arbeitsrecht Kündigungsschutz. Freie Mitarbeiter nicht. Sie werden als erste von Streichlisten bei Tatort-Produktionen, Magazin-Formaten und Regionalbeiträgen getroffen.

MDR, die mitteldeutsche ARD-Anstalt, geht laut Berichten einen ungewöhnlichen Weg: Freie sollen bis zu 90 Prozent ihres bisherigen Honorarvolumens erhalten, auch wenn ihnen keine Aufträge mehr erteilt werden. Eine Lösung, die Kapazitäten bindet, ohne Inhalte zu produzieren. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisierte öffentlich, dass Mitarbeiter über die internen Bedingungen nur anonym berichten, weil sie berufliche Nachteile fürchten. „Ein Klima der Angst", nennt der DJV die Zustände in mehreren Redaktionen.

Kulturverbände, Wohlfahrtsorganisationen und ein breites Bündnis von Gewerkschaften forderten gemeinsam eine „zukunftsfeste Reform statt Kahlschlag". Ihr Argument: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei kein Luxusmodell, sondern Infrastruktur für demokratische Meinungsbildung. Gerade ARD alpha, das einzige Bildungsfernsehen im deutschen Angebot, sei durch eine Streaming-Alternative nicht gleichwertig ersetzbar für ältere Menschen und Haushalte ohne schnelles Internet.

Sechs Monate bis zur Abschaltung

Bis zum 31. Dezember 2026 laufen tagesschau24, ARD alpha und One noch. Was danach kommt, zeigt sich an konkreten Daten: Am 1. Januar 2027 senden neo und info unter gemeinsamer ARD/ZDF-Trägerschaft. Phönix bleibt auf Sendung, aber ohne die ZDF-Führungsverantwortung; die Programmgestaltung konzentriert sich auf Parlamentsdebatten, politische Großereignisse und Live-Übertragungen.

Unverändert bleiben 3sat, arte, KiKA und funk. Diese Programme sind bereits durch multilaterale Verträge oder Jugend-/Kulturmandate abgesichert, die eine einfache Abschaltung komplizierter machen.

Das BVerfG-Urteil im Herbst wird zeigen, ob die Länder für die finanzielle Lücke geradestehen müssen. Selbst wenn Karlsruhe die Beitragsblockade für verfassungswidrig erklärt: Die abgeschalteten Sender kehren nicht zurück. Ihre Infrastruktur, ihr Personal und ihre Sendelizenzen werden bis dahin abgewickelt. Eine KEF-Empfehlung von 2025 sieht ab 2027 einen Beitrag von 18,64 Euro vor, statt der ursprünglich geforderten 18,94 Euro. Ob die Länder das diesmal beschließen, ist offen.

Quellen (9)

Kommentare