Erstmals ATACMS-Raketen Made in Germany
In Unterlüss, einer Gemeinde in der Lüneburger Heide, steht eine der ältesten Rüstungsfabriken Deutschlands. Ab 2027 soll dort etwas produziert werden, was in 40 Jahren NATO-Geschichte nie außerhalb der USA gefertigt wurde: ATACMS-Kurzstreckenraketen. Rheinmetall und Lockheed Martin unterzeichneten am Rande des NATO-Gipfels in Ankara ein Memorandum of Understanding für die erste Produktion dieses Systems außerhalb amerikanischen Bodens. Der Vertrag ist das konkreteste Symbol dafür, wie ernst Europa die Umverteilung der Verteidigungslast nimmt.
Was ATACMS ist und warum es bisher nur in Amerika gebaut wurde
Das Army Tactical Missile System, bekannt als ATACMS, ist eine ballistische Kurzstreckenrakete mit einer Reichweite von bis zu 300 Kilometern, entwickelt von Lockheed Martin. Die Ukraine setzt ATACMS seit Oktober 2023 gegen russische Logistikknoten, Treibstoffdepots und Munitionslager tief hinter der Front ein. Mit dieser Reichweite treffen ATACMS Ziele, die konventionelle Artillerie nicht erreicht. Produziert wurde das System in seiner gesamten Geschichte ausschließlich in den USA. Eine Lizenz zur Auslandsproduktion gab es nie.
Dass Lockheed Martin jetzt einer Auslandsproduktion zustimmt, ist ein Novum. In den USA gilt ATACMS als Kerntechnologie mit strategischer Bedeutung. Der US-Kongress hat in der Vergangenheit selbst Lieferungen an die Ukraine an Bedingungen geknüpft und verzögert. Eine Lizenz zur Produktion außerhalb amerikanischen Bodens war bisher politisch undenkbar.
Das Rheinmetall-Werk in Unterlüss wurde 1899 gegründet und beschäftigt rund 4.000 Menschen. Es fertigt Munition, Waffensysteme und gepanzerte Fahrzeuge. Nach dem Memorandum of Understanding soll dort ab 2027 zunächst die Fertigung von Raketentriebwerken und Lenkkomponenten beginnen. 2028 und 2029 folgt die Skalierung zum Vollbetrieb, um den europäischen und ukrainischen Bedarf von schätzungsweise 600 bis 800 Einheiten pro Jahr zu decken.
Ankara, 124,7 Milliarden und Deutschlands Fünfprozentziel
Der NATO-Gipfel fand am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara statt. Bundeskanzler Friedrich Merz meldete dort das deutsche Verteidigungsbudget für 2026: 124,7 Milliarden Euro. 2,69 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts entfallen damit auf Verteidigung. Nach NATO-Berechnungen übertreffen nur die USA die Ausgaben der Bundesrepublik. Laut mittelfristiger Finanzplanung will Deutschland bis 2029 das NATO-Kernziel von 3,5 Prozent des BIP für Verteidigungsausgaben erreichen, sechs Jahre vor der bündnisweit vereinbarten Frist 2035. Merz stellte klar: "Wir machen das aus eigenem Antrieb, weil wir sicher leben wollen."
Der ATACMS-Deal steht im Kontext dieser umfassenderen Verschiebung. Auf dem Gipfel unterzeichneten Unternehmen verschiedener NATO-Mitglieder Rüstungsverträge im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar. Zusätzlich plant die Allianz in den nächsten fünf Jahren mehr als 40 Milliarden Dollar in Drohnenabwehrtechnologien zu investieren. Dahinter steckt ein einfaches Kalkül: Wer für Rüstungslieferungen auf Washington angewiesen ist, ist verwundbar. Die Ukraine hat das erlebt. Mehrfach verzögerte Washington die Freigabe von ATACMS-Lieferungen aus politischen Gründen. Wer die Rakete im eigenen Land produziert, kann diese Abhängigkeit strukturell reduzieren.
Lizenzproduktion ist nicht dasselbe wie Rüstungsautonomie
Die Vereinbarung hat eine Grenze, die im Memorandum of Understanding selbst angelegt ist: Ob die Produktion tatsächlich anläuft, hängt von der formellen Genehmigung der US-Regierung für den Technologietransfer ab. ATACMS enthält Militärtechnologie, die nach US-Exportrecht besonderem Schutz unterliegt. Washington hat die Zustimmung signalisiert, aber eine verbindliche Freigabe liegt noch nicht vor. Selbst wenn die Fabrik anläuft, bleiben Designhoheit und Intellectual Property bei Lockheed Martin.
Das ist der grundlegende Unterschied zwischen Lizenzproduktion und strategischer Autonomie: Europa baut die Rakete, Amerika besitzt das Rezept und entscheidet über die Weitergabe der Technologie. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI weist in seinen aktuellen Daten darauf hin, dass bislang nur 16 Prozent der EU-Rüstungsexporte an andere EU-Mitglieder gehen. Trotz aller Bekenntnisse zur europäischen Verteidigungskooperation bleibt die Industrie nach innen fragmentiert. Daran ändert ein einzelner Deal wenig, auch wenn er historisch ist. Für Deutschland ist es zudem das erste Mal, dass US-Waffensystemtechnologie formal auf deutschem Boden produziert werden soll, was die Bundesregierung noch vor wenigen Jahren politisch ausgeschlossen hätte.
Ab 2027: Niedersachsen als Teststrecke für NATO 3.0
Der konkrete Zeitplan: 2027 beginnt Rheinmetall in Unterlüss mit der Fertigung von Triebwerken und Lenkkomponenten. 2028 soll die vollständige Montagelinie stehen, 2029 folgt der Vollbetrieb mit bis zu 800 Raketen pro Jahr. Hauptabnehmer sollen europäische NATO-Mitglieder und die Ukraine sein. Letztere würde damit erstmals auf eine Versorgungsquelle zurückgreifen können, die nicht von US-Exportgenehmigungen abhängt.
NATO-Generalsekretär Mark Rutte nannte die Ergebnisse des Ankara-Gipfels den Beginn von "NATO 3.0": ein Bündnis, das weniger von Washington dominiert wird und europäische Kapazitäten eigenständig aufbaut. Frankreich und Großbritannien führen ohne NATO-Flagge eine internationale Initiative mit 49 Ländern zur Sicherung der Schifffahrt im Persischen Golf, ohne US-Beteiligung. Kanada bestellte zwölf deutsche U-Boote für über 60 Milliarden kanadische Dollar. Das Muster ist dasselbe: Europa und seine Verbündeten rüsten sich auf, indem sie voneinander kaufen und ineinander investieren.
Unterlüss ist das sichtbarste Symbol dieser Logik. .sondern eine 127 Jahre alte Fabrik in der Lüneburger Heide, die ab 2027 erstmals eine US-Kurzstreckenrakete außerhalb Amerikas bauen wird.
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