Brasiliens Atlantikwald: 15.000 Hektar zurück
Am 1. Mai 2026 startete Brasilien ein Restaurierungsprogramm für 15.000 Hektar degradiertes Land im nördlichen Rio de Janeiro. Das Ziel: einen der artenreichsten und am stärksten zerstörten Wälder der Erde zurückzubringen. Ob das Programm hält, was es verspricht, hängt von einem strukturellen Problem ab, das Forscher seit Jahren benennen.
Einst 150 Millionen Hektar, heute Fragmente
Die Mata Atlântica erstreckte sich vor der Ankunft europäischer Siedler über rund 150 Millionen Hektar entlang der brasilianischen Küste sowie über Teile Argentiniens und Paraguays. Heute stehen noch rund zwölf Prozent dieses ursprünglichen Waldes, aufgeteilt in tausende kleiner Inseln. Rund 80 Prozent dieser Reste sind Fragmente kleiner als 50 Hektar, zu klein für viele Tierarten, die auf zusammenhängende Waldgebiete angewiesen sind.

Trotz seiner Zerstückelung gilt der Atlantikwald als eines der artenreichsten Ökosysteme der Erde: Er beherbergt nach Angaben von UNEP mehr als 20.000 Pflanzenarten, rund 40 Prozent davon kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor. Im Einzugsgebiet der Mata Atlântica lebt gleichzeitig die Mehrheit der brasilianischen Bevölkerung, mehr als 120 Millionen Menschen. Das machte den Wald über Jahrzehnte zum Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Naturschutz.
Das neue Programm: BNDES und 15.000 Hektar in Rio
Das am 1. Mai 2026 gestartete Programm richtet sich auf 15.000 Hektar degradiertes Land im Norden des Bundesstaates Rio de Janeiro. Die brasilianische Entwicklungsbank BNDES finanziert das Projekt im Rahmen ihrer Forstenstrategie, die ökologische Restauration mit Instrumenten der Bioökonomie verbindet. Laut Programmbeschreibung sollen die Maßnahmen ausschließlich in Schutzgebieten stattfinden und heimische Artenvielfalt in den Vordergrund stellen.
15.000 Hektar entsprechen rund 150 Quadratkilometern. Im Maßstab der gesamten Mata Atlântica ist das ein kleiner, aber symbolisch gewichtiger Schritt: Der Atlantikwald trägt seit 2022 das UN-Siegel eines "World Restoration Flagship", eine von zehn weltweit ausgezeichneten Vorhaben zur Ökosystemwiederherstellung.
Der Pakt hinter dem Programm: 300 Organisationen, Ziel 2050
Das Rio-Programm ist Teil eines größeren Rahmens, des Restaurationspaktes für den Atlantikwald (PACTO), einer 2009 gegründeten Koalition aus mehr als 300 Organisationen, Forschungseinrichtungen und Behörden in Brasilien, Argentinien und Paraguay. Ihr Ziel: 15 Millionen Hektar Atlantikwald bis 2050 wiederherstellen, rund 30 Prozent des Gesamtbioms.
Zwischen 2011 und 2015 wurden bereits rund 700.000 Hektar heimischer Wälder restauriert. Das im Rahmen der Bonn Challenge gesetzte Ziel von einer Million Hektar bis 2020 gilt nach Angaben des Paktes als erreicht. Zwischen 2023 und 2025 mobilisierte die Initiative laut UNEP rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Das Kapital soll reichen, um 280 Millionen Bäume zu pflanzen, 70.000 Arbeitsplätze zu schaffen und 54 Millionen Tonnen CO2 zu binden.
Im Vergleich: Was anderswo dauerhaft funktioniert hat
Costa Rica bietet das bekannteste Gegenbeispiel zu einer Abholzungsgeschichte in den Tropen. Im Jahr 1987 lagen nur noch rund 21 Prozent der Landesfläche unter Wald, nachdem Jahrzehnte der Rodung für Viehwirtschaft und Ackerbau die ursprünglichen Regenwälder weitgehend vernichtet hatten. Durch eine Kombination aus Nationalparks, einem Abholzungsverbot und staatlichen Zahlungen an Landbesitzer für Ökosystemleistungen wuchs die Waldbedeckung bis 2020 auf fast 60 Prozent. CNN bezeichnete Costa Rica als erstes tropisches Land der Erde, dem es gelungen ist, Abholzung dauerhaft umzukehren.
Für den Atlantikwald zeigen neuere Forschungsdaten besonders günstige Signale. Wissenschaftler des CIFOR-ICRAF fanden, dass der Wald sich natürlich schneller regeneriert als bislang angenommen. Bei einer Kombination aus natürlicher Wiederbewaldung und aktiver Aufforstung könnten bis 2035 bis zu 21,6 Millionen Hektar wiederhergestellt sein, mehr als das ursprüngliche Ziel des PACTO. Diese natürliche Regeneration würde die Restaurationskosten im Vergleich zu reinen Pflanzprogrammen um 90,6 Milliarden US-Dollar senken.
Die entscheidende Hürde: Restauration muss dauerhaft halten
Die größte Gefahr für langfristigen Erfolg liegt nicht im Pflanzen, sondern im Erhalten. Eine in Nature Communications veröffentlichte Studie, die 1,9 Millionen Grundstücke im Atlantikwald zwischen 1985 und 2022 auswertete, zeigt: Viele restaurierte Flächen wurden später erneut abgeholzt. Der Effekt war auf privaten Grundstücken besonders ausgeprägt. Indigene Ländereien und Agrarsiedlungen dagegen wiesen deutlich bessere Langzeitergebnisse auf, weil die Kontrolle über das Land dort stabiler ist.
Ein zweites strukturelles Problem benennt Mongabay: Der Wiederaufbau hängt stark vom Markt für heimische Pflanzen ab. Kleinstbauern könnten Millionen von Setzlingen liefern und damit die Restaurationsgeschwindigkeit verdoppeln, fehlen aber bisher verlässliche Abnehmer und Preisgarantien. Das BNDES-Programm in Rio de Janeiro setzt bewusst auf Schutzgebiete, was Abholzungsrückfälle unwahrscheinlicher macht. Ob dieses Modell auf die gesamten 15 Millionen Hektar des PACTO skalierbar ist, bleibt die offene Kernfrage der brasilianischen Waldrestaurierung.
Kommentare