Bangladesch: System hinter dem billigen T-Shirt
Investigativ

Bangladesch: System hinter dem billigen T-Shirt

Bangladesch exportiert Textilien im Wert von 39 Milliarden Dollar jährlich und bricht Rekord um Rekord. Die vier Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter dahinter verdienen einen Mindestlohn, der über die Hälfte unterhalb des Lebenshaltungslohns liegt und in subkontrahierten Fabriken ist Kinderarbeit nahezu universell.

22. Juli 2026, 6:39 Uhr 1547 Wörter · 8 Min. Lesezeit

Ein H&M-Shirt kostet im europäischen Einzelhandel zwischen 20 und 50 Euro. Die Näherin, die es zusammengenäht hat, verdiente dafür nach Schätzungen der Clean Clothes Campaign zwischen einem und eineinhalb US-Dollar. Bangladesch exportierte im Fiskaljahr 2024/25 Textilien und Bekleidung im Wert von 39,35 Milliarden US-Dollar, ein Rekordwert mit neun Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Die vier Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter, die diese Zahlen ermöglichen, leben von einem Lohn, der laut der Fair Labor Association 51,78 Prozent unter dem geschätzten Lebenshaltungslohn liegt.

Rana Plaza, dreizehn Jahre danach

Der 24. April 2013 ist ein Datum, das in der Modebranche niemand gerne ausspricht. Als der Rana-Plaza-Komplex in Savar bei Dhaka zusammenfiel und 1.134 Menschen unter den Trümmern begrub, zwang das Unglück Konzerne wie H&M, Inditex und Gap zu sichtbaren Reaktionen. Der International Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh wurde gegründet, Sicherheitsinspektionen begannen, Dutzende marode Fabriken wurden geschlossen. Die bangladeschische Textilbranche bezeichnete die Zeit danach als Reformphase.

Dreizehn Jahre später hat Bangladesch den Exportrekord gebrochen. Die Strukturen, die 2013 zur Katastrophe führten, sind teilweise noch intakt. Seit 2020 trägt der RMG Sustainability Council (RSC) die Sicherheitsverantwortung, die zuvor beim Accord lag. Laut einer Analyse der Clean Clothes Campaign aus dem Jahr 2025 ist der RSC durch starken Arbeitgebereinfluss geschwächt. Fabrikbetreiber sind in den Leitungsgremien überrepräsentiert und können Inspektionsergebnisse faktisch verzögern. Der Worker Rights Consortium, eine unabhängige US-amerikanische Arbeitsrechtsorganisation, kommt zu demselben Schluss: Die RSC-Struktur muss grundlegend umgebaut werden, bevor wirksame Durchsetzung möglich ist.

Dass Sicherheitsmängel weiter tödlich sein können, zeigte der Oktober 2025. Am 14. Oktober entzündete sich in Dhaka-Mirpur ein Chemielager; das Feuer griff auf die benachbarte NR-Fashion-Textilfabrik über. Das Dach der Fabrik war zur Tatzeit verriegelt. Sechzehn Menschen starben, darunter Jugendliche unter vierzehn Jahren. Industriall Global Union, die internationale Gewerkschaftsföderation, dokumentierte, dass mehrere der Todesopfer an toxischen Gasen aus dem Chemielager erstickten, weil Fluchtwege blockiert waren. Zwei Tage später brach in der Adams Caps and Textile Limited in der Export Processing Zone Chattogram erneut Feuer aus. Beide Fabriken standen auf den Lieferkettenlisten exportierender Marken.

Der Mindestlohn und die Lohnfalle

Im Dezember 2023, nach wochenlangen Streiks und teils gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstrantinnen, setzte die bangladeschische Regierung den Mindestlohn für Textilarbeiterinnen auf Taka 12.500 monatlich fest. Das entspricht je nach Wechselkurs etwa 113 bis 133 US-Dollar, eine Erhöhung von 56 Prozent gegenüber dem Satz von 2018. Die Streikenden hatten Taka 23.000 gefordert.

Die Fair Labor Association (FLA) beziffert den Lebenshaltungslohn für die Region Dhaka auf Taka 33.368 bis 51.000 monatlich. Das ist das Minimum für Miete, Essen, Schulmaterial, einfache Krankenvorsorge und gelegentliche Ersparnisse in einem Leben ohne materielle Armut. Der gesetzliche Mindestlohn liegt 51,78 Prozent unter dieser unteren Grenze. Mit den in der Branche üblichen Überstunden, die Clean Clothes Campaign in Feldstudien erfasst hat, kommen Fabrikarbeiterinnen im Durchschnitt auf rund Taka 20.000 monatlich, etwa 163 US-Dollar. Das reicht für die Grundausgaben. Nicht für mehr.

Das Institute for Human Rights and Business (IHRB) formulierte 2025 in einer Analyse den Kern des Strukturproblems: Lebenshaltungslöhne für Textilarbeiterinnen in Bangladesch werden nicht möglich, solange Marken den Einkaufsdruck auf ihre Lieferanten nicht verringern. Die Rechnung ist konkret. Würde ein Modekonzern auf einem Shirt mit einem Einzelhandelspreis von 29 Euro den Lohnanteil auf ein existenzsicherndes Niveau anheben, stiegen die Beschaffungskosten um wenige Eurocent. Die Gewinnmarge des Konzerns bliebe nahezu unberührt. Al Jazeera dokumentierte 2023, dass globale Modeketten ihren bangladeschischen Lieferanten während der Coronakrise häufig weniger zahlten als die tatsächlichen Produktionskosten. Den Verlust trugen die Fabriken und ihre Beschäftigten.

Was das in der Praxis bedeutet, hat der Business & Human Rights Resource Centre 2025 aufgezeichnet: Arbeiterinnen, die aktiv für Exportmarken produzieren, sammelten Essensabfälle aus Containern, weil ihr Lohn für ausreichende Ernährung nicht reichte.

Kinderarbeit in der unsichtbaren Zulieferkette

Im Februar 2025 veröffentlichten die Rights Lab der University of Nottingham und GoodWeave International die bislang umfassendste Studie zur verborgenen Lieferkette der bangladeschischen Textilindustrie. Das Forschungsteam befragte über 2.000 Beschäftigte in 20 Industrieclustern in Dhaka und Chattogram. Das Ergebnis zur Kinderarbeit war eindeutig: Alle befragten Minderjährigen in subkontrahierten Fabriken waren illegal als Arbeitskräfte eingesetzt. Einhundert Prozent.

Subkontrahierte Fabriken sind der blinde Fleck des Kontrollsystems. Die großen Exportbetriebe, die direkt mit H&M oder Zara zusammenarbeiten, unterliegen nominell RSC-Sicherheitsinspektionen. Wenn Aufträge zu groß oder Fristen zu eng werden, reichen sie Arbeit an kleinere, unregistrierte Betriebe weiter. Diese sind dem Radar der Prüfer vollständig entzogen. Die Nottingham-Studie dokumentiert in diesen Betrieben nicht nur Kinderarbeit, sondern auch Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden täglich bei sechs Wochentagen sowie systematisch verzögerte Lohnzahlungen.

Neben der Subkontrahierung blockiert eine zweite Struktur bessere Bedingungen: das faktisch nicht existierende Recht auf gewerkschaftliche Organisierung. Amnesty International dokumentierte im November 2025, dass in Bangladeschs Export Processing Zones gesetzliche Restriktionen kollektives Verhandeln verhindern. Genau dort, wo die Exportproduktion konzentriert ist und die Abhängigkeit von einzelnen Großaufträgen am größten ist, fehlt die kollektive Gegenmacht der Beschäftigten. Das Bangladesh Centre for Worker Solidarity und Justice Makers Bangladesh verzeichnen für 2026 systematische Lohnverzögerungen sowie Polizeigewalt gegen Proteste in mehreren Industriezentren. Laut der GoodWeave-International-Studie der University of Nottingham Rights Lab vom Februar 2025 berichten 56 Prozent der befragten Fabrikarbeiterinnen von Drohungen oder Misshandlungen am Arbeitsplatz.

Wie das System sich selbst stabilisiert

Die strukturelle Logik der bangladeschischen Textilindustrie lässt sich auf drei Mechanismen reduzieren, die sich gegenseitig verstärken.

Erstens: Einkaufsmacht als Druckmittel statt als Hebel für bessere Bedingungen. H&M arbeitet nach eigenen Angaben mit über 1.000 Lieferantenfabriken in Bangladesch zusammen. Laut WWD Sourcing Journal hat der Konzern in den Jahren 2025 und 2026 Bestellmengen bei zahlreichen Lieferanten reduziert, in Einzelfällen Aufträge vollständig gestrichen. Betroffen sind unter anderem Fabriken wie Reedisha, HAMS Garments und NAFA Apparels. Für Betriebe, die von einem einzigen Großkunden abhängen, bedeutet das existenzielle Bedrohung. In diesem Klima wird eine Lohnforderung zur persönlichen Risikoabwägung.

Zweitens: Fabrikschließungen in großem Maßstab als informelles Disziplinierungsinstrument. Zwischen August 2024 und Juni 2026 schlossen über 400 Textilbetriebe dauerhaft ihre Tore, die meisten aufgrund fehlender Aufträge und finanzieller Schwierigkeiten. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 verloren laut Prothom Alo mindestens 20.000 Arbeiterinnen ihren Arbeitsplatz. Wer noch eine Stelle hat, registriert das. Die Angst vor Entlassung wirkt als informelles Lohndämpfungsinstrument, das Mindestlohnerhöhungen durch sozialen Druck konterkariert.

Drittens: Governance-Architektur zugunsten von Fabrikbetreibern. Bangladesh ratifizierte im November 2025 alle elf grundlegenden ILO-Instrumente, ein symbolisch wichtiger Schritt. Das Cornell University Global Labour Institute wies in einem Bericht vom Februar 2025 nach, dass Ratifizierung und tatsächliches Enforcement in Bangladesch erheblich auseinanderfallen. Der RSC, der nominell für Gebäudesicherheit zuständig ist, ist nach Einschätzung von Clean Clothes Campaign und Worker Rights Consortium strukturell außerstande, wirksam zu agieren, solange Arbeitgebervertreter Entscheidungen faktisch blockieren können.

H&M, LkSG und das Dokumentationsproblem

Für deutsche Konsumenten ist dieser Befund keine Abstraktion. H&M, Inditex mit der Marke Zara, C&A, Marc O'Polo und Esprit beziehen erhebliche Teile ihrer Produktion aus Bangladesch. Ihre öffentlichen Nachhaltigkeitsberichte verweisen auf Codes of Conduct, Audit-Programme und Lieferantenschulungen. Die dokumentierten Bedingungen in subkontrahierten Zulieferfabriken zeigen, dass diese Instrumente an ihre strukturellen Grenzen stoßen: Audits finden in registrierten, zertifizierten Betrieben statt. Die unregistrierten Subkontraktoren, in denen die Nottingham-Studie Kinderarbeit auf 100 Prozent der befragten Minderjährigen beziffert, bleiben systematisch außen vor.

Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG), seit Januar 2024 für Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten in Kraft, verpflichtet zur Risikoanalyse und zu Präventionsmaßnahmen in direkten Zulieferbeziehungen. Die Bundesanstalt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) ist für die Kontrolle zuständig. Bisher hat die BAFA kein einziges Bußgeld verhängt. Ob die Sorgfaltsprüfung tatsächlich bis in die dritte und vierte Zulieferebene reicht, wo Kinderarbeit dokumentiert ist, bleibt offen.

Was die EU-Richtlinie bis 2027 klären muss

Die EU-Richtlinie zur unternehmerischen Nachhaltigkeitssorgfaltspflicht (CS3D) wurde 2024 verabschiedet und muss bis Juli 2028 in nationales Recht umgesetzt sein. Sie geht weiter als das LkSG: Sie sieht eine zivilrechtliche Haftung für Sorgfaltspflichtverletzungen vor und soll explizit auch indirekte Zulieferbeziehungen einbeziehen, wenn Unternehmen ein geschäftliches Verhältnis zu ihnen unterhalten.

Ob CS3D die Subkontrahierungs-Grauzone tatsächlich schließt, hängt von der nationalen Umsetzung und der Auslegung des Begriffs "etablierte Geschäftsbeziehung" ab. Kritische Beobachter wie die Clean Clothes Campaign warnen, dass der Begriff eng ausgelegt werden könnte und Subkontraktoren erneut außen vor ließe.

Der Kern des Problems ist kein Informationsproblem. Die Nottingham-Studie, die GoodWeave-Dokumentation, die Amnesty-Berichte, die Clean-Clothes-Analysen: Die Missstände in Bangladeschs subkontrahierten Fabriken sind seit Jahren dokumentiert. Was fehlt, sind verbindliche Einkaufspreise, die Lebenshaltungslöhne ermöglichen, eine RSC-Governance ohne Arbeitgebervetorecht und Haftungsregelungen, die Marken für Bedingungen auch in indirekten Zulieferbetrieben verantwortlich machen.

Bangladeschs Textilindustrie beschäftigt vier Millionen Menschen, davon 80 Prozent Frauen und finanziert mehr als 80 Prozent der nationalen Exporterlöse. Das Argument, dass der Sektor Beschäftigung schafft und Einkommen ermöglicht, die es ohne ihn nicht gäbe, ist nicht falsch. Es reicht nur nicht als Antwort auf die Frage, warum ein Sektor mit 39 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz Löhne zahlt, die mehr als die Hälfte des Lebenshaltungslohns unterschreiten und Fabrikbrände produziert, bei denen das Dach verriegelt ist.

Quellen (19)

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