Bermuda-Landschnecke: Bermuda-Landschnecke: 106.000 Tiere ausgewildert
Als 2014 in einer gepflasterten Allee im Herzen von Hamilton ein kleines braunes Gehäuse auftauchte, glaubten Biologen zunächst an eine Verwechslung. Die Bermuda-Landschnecke (Poecilozonites bermudensis) galt seit den frühen 1970er Jahren als in der Wildnis ausgestorben. Doch der Fund war echt. Im Februar 2026 gab der Chester Zoo bekannt, dass inzwischen mehr als 106.000 ausgewilderte Exemplare sechs stabile Kolonien auf den Außeninseln Bermudas besiedeln und die Art als gesichert gilt.
2014: Eine Allee, eine verschwindende Art
Die Bermuda-Landschnecke gehörte zur endemischen Tierwelt der Insel und wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts von ihrem Lebensraum verdrängt. Eingeschleppte invasive Arten, darunter Raubtiere und konkurrierende Schneckenarten aus Europa, fraßen Gelege und verdrängten die einheimische Schnecke aus ihren Habitaten. Die letzten bekannten Sichtungen in freier Natur datieren aus den frühen 1970er Jahren. Danach galt die Art als ausgestorben, international als Poecilozonites bermudensis auf der Roten Liste geführt.

Die Entdeckung einer kleinen Population in einer betonierten Allee des Stadtzentrums 2014 war daher eine zoologische Überraschung: Tiere, die in einem unerwarteten städtischen Nischenraum überlebt hatten, abgeschirmt von den Haupthabitaten der Insel. Drei Jahre später, 2017, folgte ein zweiter Fund: eine weitere Restpopulation auf Port's Island, einer 6,7 Hektar großen Insel im Great Sound. Beide Entdeckungen zusammen lieferten das genetische Ausgangsmaterial für das Zuchtprogramm.
2016 bis 2022: Zucht auf drei Kontinenten, 27 Standorte
Der Chester Zoo in England übernahm die Führung des internationalen Programms, gemeinsam mit der Bermuda-Regierung und der Umweltorganisation Biolinx Environmental Research. Schnecken wurden in speziell konstruierten Behältern unter kontrollierten Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen gezüchtet. Die geringe Größe der ausgewachsenen Tiere von wenigen Millimetern stellte besondere Anforderungen, ermöglichte aber gleichzeitig die Haltung großer Tierzahlen auf kleiner Fläche. Auch Zoos in Kanada beteiligten sich an der Nachzucht.
Zwischen 2019 und 2022 wurden 106.000 Schnecken, Adulte und Jungtiere, an 27 Standorten auf dem Festland Bermudas und auf Außeninseln ausgewildert. Eine Studie im Fachjournal Oryx wertete die Ergebnisse aus: Alle sechs Auswilderungsstandorte auf abgelegenen Außeninseln gelten als erfolgreich. Die Kolonien wachsen, vermehren sich und haben sich etabliert. Die Auswilderungen auf dem Haupteiland dagegen schlugen fehl, nach Einschätzung der Forschenden aufgrund des höheren Feinddrucks durch eingeschleppte Arten auf dem Festland.
Eine 2025 publizierte Genomstudie sequenzierte das vollständige Erbgut der Bermuda-Landschnecke und lieferte die wissenschaftliche Grundlage für das weitere Management der genetischen Vielfalt in Zucht- und Wildpopulationen. Der Chester Zoo erklärte im Februar 2026 zum Reverse the Red Day, dem internationalen Tag gegen Artenaussterben, die Art gelte nun als sicher und gesichert.
Im Vergleich: Was Zuchtprogramme leisten können
Die Bermuda-Landschnecke steht in einer Reihe mit anderen Arten, die intensive Schutzprogramme vor dem Aussterben bewahrten. Der Iberische Luchs (Lynx pardinus) galt 2002 mit unter 100 Individuen als gefährdetste Katze der Welt. Durch systematische Schutzmaßnahmen, Aufzucht in Gefangenschaft und gezielte Auswilderungen stieg die Population bis 2024 auf 2.401 Tiere. Die IUCN stufte den Iberischen Luchs im Juni 2024 von gefährdet auf anfällig herab, ein Status, der auf der Roten Liste eine Erfolgsgeschichte markiert.
Der Kalifornische Kondor (Gymnogyps californianus) war 1987 noch dramatischer an der Grenze: Nur 27 Tiere existierten noch. Alle wurden in Gefangenschaft gebracht. Das US Fish and Wildlife Service begann 1992 mit Wiederauswilderungen. Bis 2024 wurden 410 Kondore in die freie Wildbahn entlassen. Das Muster ist in beiden Fällen ähnlich: Wenn die Wildpopulation zusammengebrochen ist, kann kontrollierte Zucht Zeit kaufen. Die Bedingungen im Habitat müssen parallel verbessert werden, damit ausgewilderte Tiere überleben.
Invertebrate sind dabei selten die Hauptfigur solcher Aufmerksamkeit. Säugetiere und Vögel dominieren die Erfolgsgeschichten des Artenschutzes, weil sie charismatischer sind und mehr öffentliches Interesse wecken. Dass ein Team internationaler Zoos zehn Jahre lang Aufwand für eine wenige Millimeter große Schnecke betreibt, ist ungewöhnlich und setzt einen Präzedenzfall, der auch für andere bedrohte Invertebraten ohne öffentliche Strahlkraft relevant ist.
Warum das Haupteiland noch aussteht
Sechs stabile Kolonien auf Außeninseln sind ein Erfolg, aber kein vollständiger. Die Versuche, die Bermuda-Landschnecke auf dem Haupteiland anzusiedeln, schlugen alle fehl. Auf den kleinen, abgelegenen Außeninseln sind invasive Raubtiere weniger präsent oder absenter. Auf dem dichtbesiedelten Haupteiland sind es vor allem eingeschleppte Ratten und Schneckenräuber, die frisch ausgewilderte Tiere dezimieren, bevor sie sich reproduzieren können.
Für eine langfristig stabile Population müsste die Art auch das Haupteiland zurückerobern, wo ursprünglich die Kernhabitate lagen. Das würde voraussetzen, dass invasive Arten in Teilen des Haupteilandes kontrolliert werden, ein aufwendiges und kostenintensives Vorhaben. Bis dahin hängt die Zukunft der Bermuda-Landschnecke von den sechs Insel-Kolonien ab. Sie sind klein und isoliert, aber vorerst sicher.
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