Wenigste Geburten seit 1946: Deutschland schrumpft
Gesellschaft

Wenigste Geburten seit 1946: Deutschland schrumpft

Zum ersten Mal seit fünf Jahren verliert Deutschland Einwohner. 654.300 Geburten, der niedrigste Stand seit 1946 und ein halbierter Zuwanderungsüberschuss von 235.000 Menschen ergeben ein Minus von 110.000 Personen. Der Anteil der über 60-Jährigen wächst weiter, während gleichzeitig die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge in Rente gehen.

23. Juni 2026, 23:24 Uhr 540 Wörter · 3 Min. Lesezeit

Das Statistische Bundesamt meldet für 2025 genau 654.300 Geburten, nach eigener Einschätzung den niedrigsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig halbierte sich der Wanderungsüberschuss auf 235.000 Menschen, weil weniger Ukrainer einreisten und mehr Deutsche und Ausländer das Land verließen als zuvor. Das Ergebnis ist ein Rückgang der Gesamtbevölkerung um 110.000 auf 83,5 Millionen, der erste seit 2020.

Was hinter der 654.000-Zahl steckt

Seit dem Babyboom der 1960er Jahre war Deutschlands Geburtenrate nie so niedrig. Die Gesamtfertilitätsrate, also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, fiel 2025 auf 1,32, nachdem sie 2021 noch bei 1,58 lag. Einem geringfügigen Anstieg nach der Coronapandemie folgte ein steiler Rückgang in vier aufeinanderfolgenden Jahren. Den stärksten Einbruch verzeichneten nach vorläufigen Länderauswertungen junge Frauen zwischen 25 und 35 Jahren, also die Hauptkohorte für Familiengründungen.

Dem Geburtenrückgang stehen etwa 1.010.000 Sterbefälle gegenüber, womit das Geburtendefizit auf rund 352.000 Personen stieg, ebenfalls ein Nachkriegsrekord. Den Überschuss der Sterbefälle gleicht seit Jahrzehnten die Zuwanderung aus. 2025 reichte sie dazu nicht mehr.

Warum die Zuwanderung nicht mehr ausgleicht

Im Jahr 2022, auf dem Höhepunkt der ukrainischen Fluchtbewegung, verzeichnete Deutschland einen Wanderungsüberschuss von etwa 1,5 Millionen Menschen. Seitdem sinkt dieser Wert kontinuierlich: 2024 lag er noch bei rund 430.000, 2025 nur noch bei 235.000. Die Bundesregierung wertet den Rückgang als Beleg für ihre restriktivere Migrationspolitik.

Dieser Befund trifft sich aber mit einer demografisch ungünstigen Entwicklung. Der Deutsche Familienverband nannte die neuen Zahlen einen „dramatischen Weckruf“, der nicht auf zufällige Ausschläge zurückzuführen sei, sondern auf jahrzehntelange strukturelle Benachteiligung von Familien: zu wenig Kitaplätze, hohe Wohnkosten, ein Steuersystem, das Doppelverdiener mit Kindern systematisch belaste. Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft, das den Rückgang der Geburten auf wirtschaftliche Unsicherheit und verschlechterte Wohnbedingungen zurückführt.

Eine Ironie der Lage: Wer die Zuwanderung als Problem sieht, bekommt jetzt weniger davon, aber zugleich auch weniger Geburten. Beides zusammen ergibt erstmals seit fünf Jahren einen Bevölkerungsrückgang.

Regional: Wachstum nur noch in drei Stadtstaaten

Der Rückgang trifft das Land ungleich. Ostdeutschland verlor 2025 mit minus 0,5 Prozent deutlich stärker als der Bundesdurchschnitt von minus 0,1 Prozent. In absoluten Zahlen schrumpfte Westdeutschland um 68.000 Personen, Ostdeutschland um 57.000. Bevölkerungswachstum verzeichneten nur noch Berlin mit plus 0,4 Prozent, Hamburg mit plus 0,4 Prozent und Bremen mit plus 0,3 Prozent. Alle anderen 13 Bundesländer verloren Einwohner.

Der Anteil der Menschen ab 60 Jahren stieg auf 31 Prozent der Gesamtbevölkerung, ein Anstieg von 0,5 Prozentpunkten gegenüber 2024. Damit verschiebt sich das Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern weiter zugunsten der Älteren.

Der Lastenwechsel, der sich bis 2040 verschärft

Für Deutschlands Sozialsysteme bedeuten die Zahlen eine Vorverlagerung der bekannten Strukturprobleme. Die Bundesbank rechnet damit, dass die Arbeitsbevölkerung bis 2070 um rund 10 Millionen Personen schrumpfen wird, sofern die Zuwanderung auf aktuellem Niveau bleibt. Der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge 1959 bis 1967 ist bereits im Gang, ab 2035 folgen die schwächer besetzten Jahrgänge in die Erwerbstätigkeit.

Die Bundesregierung will mit gesteigerter legaler Fachkräftezuwanderung gegensteuern: Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ermöglicht seit 2023 Einreisen auch ohne formell anerkannten Abschluss. Ob das ausreicht, ist unter Ökonomen umstritten. Der aktuelle Wanderungsüberschuss von 235.000 Menschen umfasst alle Kategorien zusammen: Arbeit, Familie, Asyl und Bildung. Arbeitsökonomen weisen darauf hin, dass die tatsächlich für den Arbeitsmarkt verfügbaren Neuzugänge einen deutlich kleineren Teil dieser Zahl ausmachen, als zur Kompensation des demografischen Rückgangs nötig wäre.

Quellen (8)

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