
60.000 in Ceuta: Schengen-Bruch erschüttert Europa
Quellen (12)
- Euronewseuronews.com
- ZDF heutezdfheute.de
- FAZfaz.net
- Süddeutsche Zeitungsueddeutsche.de
- Spiegel Auslandspiegel.de
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Al Jazeeraaljazeera.com
- Timetime.com
- Euronews DEde.euronews.com
- Berliner Zeitungberliner-zeitung.de
- ZDF Ceuta FAQzdfheute.de
- taztaz.de
Das Tribunal Supremo hatte Ende Juni geurteilt, dass Spanien Migranten, die Meeresbarriere von Ceuta schwimmend passieren, nicht mehr formlos zurückschicken darf. Drei Wochen später zeigte sich die Sprengkraft des Urteils: Innerhalb von 24 Stunden drangen rund 60.000 Menschen in die Exklave, mindestens 34 starben im Wasser. Als Reaktion setzte Italiens Regierung die Schengen-Freizügigkeit mit Spanien einseitig außer Kraft.
Ein Richterspruch als Zünder
Ende Juni 2026 entschied das Tribunal Supremo, dass die umstrittenen Schnellrückweisungen an der Meeresgrenze von Ceuta unzulässig sind: Wer den Landzaun umgeht und die Sperranlagen im Meer durchschwimmt, darf nicht mehr formlos zurück nach Marokko gebracht werden, sondern hat Anspruch auf ein geregeltes Asylverfahren. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez beschrieb die Folge des Urteils selbst: "Es scheint, dass sich diese Auslegung in den vergangenen Stunden wie ein Lauffeuer über die Netzwerke von Menschenhändlerorganisationen verbreitet hat." Die Guardia Civil bestätigte die Dynamik: zunächst ein langsames Tröpfeln an den Absperrungen, dann am Donnerstagmorgen eine Explosion.
Ceuta ist aus historischen Gründen eine spanische Exklave auf marokkanischem Boden, nur 18,5 Quadratkilometer groß, aber als EU-Territorium eine der wenigen direkten Landgrenzen zwischen der Europäischen Union und Afrika. Die Meeresbarriere am Tarajal-Strand ist der neuralgische Punkt: Wer sie passiert, steht auf spanischem Boden und kann auf europäisches Recht pochen. Dieses Prinzip haben spanische Behörden jahrelang durch Pushbacks faktisch ausgehebelt, nun aber mit einem klaren Verbot durch das höchste Gericht Spaniens.
Chaos und Tote an der Tarajal-Barriere
In der Nacht von Donnerstag auf Freitag drängten Zehntausende durch das Wasser am Tarajal-Strand. Die Strömungen, die Menschenmassen und die Dunkelheit kosteten Menschenleben. Die Guardia Civil barg mindestens 34 Tote aus dem Wasser, andere Quellen nannten bis zu 38 Opfer. Viele ertranken in der Strömung, andere kamen in der Stampede an der Barriere selbst ums Leben.
Spanien entsandte das Militär zur Unterstützung der Guardia Civil. Sánchez reiste am Freitag persönlich an den Grenzübergang Tarajal. Bis zum Abend hatten spanische Behörden registriert, dass über 48.000 der eingetroffenen Menschen bereits freiwillig nach Marokko zurückgekehrt waren. Regionalpräsident Juan Jesús Vivas sprach von einem humanitären Notstand bisher unbekannten Ausmaßes. Marokkos Botschafterin in Madrid, Karima Benyaich, teilte mit, die Situation sei "nicht von der marokkanischen Seite gewollt".
Italiens Schengen-Bruch und Europas Reaktion
Was die Krise diplomatisch zuspitzte, war Roms Reaktion. Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni kündigte gemeinsam mit Vizepremier Matteo Salvini und Außenminister Antonio Tajani an, die See- und Luftgrenzen zu Spanien für den regulären Personenverkehr zu kontrollieren: Wer zwischen beiden Ländern fliegt oder mit dem Schiff reist, muss seinen Pass vorzeigen, obwohl beide Staaten dem Schengenraum angehören. Das ist die erste einseitige Aussetzung der Schengen-Freizügigkeit zwischen zwei alten EU-Mitgliedern aus Anlass einer Migrationskrise in einem dritten Land.
Italien teilt keine Landgrenze mit Spanien, fürchtet aber, dass Migranten aus Ceuta durch Frankreich weiterziehen könnten. Paris verstärkte gleichzeitig die Kontrollen an der französisch-italienischen Grenze. Sánchez bestellte den italienischen Botschafter ein und bezeichnete die Maßnahme als inakzeptabel. Die EU-Kommission erklärte, sie verfolge die Lage genau und stehe zur Unterstützung bereit. Bundeskanzler Friedrich Merz rief Spanien auf, die Kontrolle über die Situation schnellstmöglich wiederherzustellen.
Was Ceuta über Europas Migrationsregime aussagt
Ceuta ist keine isolierte Ausnahmesituation, sondern eine Sollbruchstelle des europäischen Grenzsystems. Europas Migrationsregime basiert seit dem Dublin-Abkommen auf dem Grundsatz, dass der erste EU-Staat, den ein Migrant betritt, für das Asylverfahren zuständig ist. Wenn Spaniens oberstes Gericht die Pushbacks kippt, entsteht die Frage, was an ihre Stelle tritt. Die spanische Regierung hat darauf bislang keine kohärente Antwort.
Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Seenotretter wie Alarm Phone kritisierten Pushbacks an der Küste von Ceuta seit Jahren als rechtswidrig: Sie seien mit dem europarechtlichen Anspruch auf ein Asylverfahren unvereinbar. Das Tribunal Supremo bestätigt nun diese Einschätzung. Für Migranten bedeutet das ein geregeltes Verfahren statt formloser Abschiebung. Für Spaniens Regierung bedeutet es, eine bisher genutzte Praxis aufzugeben, ohne einen Ersatz in der Hand zu haben. Und für die EU als Ganzes bedeutet es, dass der Druck auf die Schengen-Architektur steigt, wenn einzelne Mitglieder wie Italien einseitig mit Grenzkontrollen reagieren.
Sánchez' Optionen in den nächsten Tagen
Mittelfristig ist Sánchez auf Kooperation mit Marokko angewiesen. Ohne Rabats aktive Grenzsicherung kann keine Regierung in Madrid die Exklaven Ceuta und Melilla wirksam kontrollieren. 2021 hatte Marokko die Grenzkontrollen kurzzeitig geöffnet, um Druck in einem Streit über die Westsahara-Politik Spaniens auszuüben. Das Muster ist dasselbe: Rabat nutzt die Grenzsicherung als diplomatisches Instrument. Was das Königreich diesmal als Gegenleistung für engere Kooperation verlangt, dürfte in den nächsten Tagen im direkten Dialog deutlich werden.
Italiens Schengen-Schritt und Frankreichs Grenzverstärkung erhöhen den Druck auf Madrid, schnell eine Lösung zu finden: bilateral mit Rabat und multilateral mit Brüssel. Ein Sondertreffen der EU-Innenminister ist nicht ausgeschlossen. Die Frage ist, ob diese Krise kurzfristig abflaut, weil die meisten Migranten schon zurückgekehrt sind oder ob sie den Beginn einer strukturellen Neubewertung der EU-Außengrenzpolitik markiert.
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