Chrome 150 schließt letzte Lücke für Werbeblocker
Wer seit Herbst 2024 noch einen vollwertigen Werbeblocker im Chrome-Browser betrieben hat, nutzte eine unsichtbare Brücke: die Entwicklereinstellung kExtensionManifestV2Disabled, die Google für Nutzer offen gelassen hatte, die Abschaltung alter Erweiterungen nicht hinnehmen wollten. Am Dienstag, 30. Juni 2026, reißt Google diese Brücke ab. Mit dem Update auf Chrome 150 endet der Notbetrieb. Für die rund 40 Millionen Nutzer von uBlock Origin auf Chrome läuft eine Übergangsphase aus, die Google nie als dauerhaft bezeichnet hatte.
Was Manifest V3 eigentlich ist
Wer in Chrome eine Erweiterung installiert, verlässt sich auf eine technische Schnittstelle, mit der das Add-on in den Browser eingreift. Diese Schnittstelle heißt Manifest. Seit 2024 verlangt Google von allen Chrome-Erweiterungen die neue Version dieser Schnittstelle: Manifest V3. Die alte Version, Manifest V2, wird schrittweise abgeschaltet.
Der Unterschied ist für Werbeblocker entscheidend. Unter Manifest V2 konnten Erweiterungen wie uBlock Origin Netzwerkanfragen in Echtzeit abfangen, bevor eine Werbeanzeige überhaupt geladen wurde. Unter Manifest V3 sind nur noch statische Filterlisten erlaubt, mit maximal 30.000 Regeln. uBlock Origin arbeitete zuletzt mit mehr als 300.000 Filterregeln. Das ist der Grund, warum MV3-Varianten der gleichen Erweiterung deutlich weniger Werbung blockieren.
Google begründete den Wechsel mit Sicherheitsargumenten: Erweiterungen, die beliebige Netzwerkanfragen abfangen können, seien ein Risiko. Kritiker, darunter die Electronic Frontier Foundation und Mozilla, sahen das anders: Die Beschränkungen träfen fast ausschließlich Werbeblocker und Tracking-Schutz-Erweiterungen, während Google als Konzern, der seinen Umsatz mit Werbung macht, der größte Nutznießer der Einschränkung sei.
Warum jetzt und warum Chrome 150
Die Abschaltung von Manifest V2 begann schrittweise. Im Oktober 2024 entfernte Google uBlock Origin aus dem Chrome Web Store. Wer die Erweiterung bereits installiert hatte, konnte sie über einen versteckten Schalter im Chrome-Entwicklermodus weiterbetreiben: die Flagge kExtensionManifestV2Disabled, die im Browser-Quellcode als temporäre Ausnahme hinterlegt war.
Diese Flagge entfernt Chrome 150 am 30. Juni vollständig. Einen Monat später, mit Chrome 151, fallen laut Google-Roadmap alle verbleibenden MV2-Ausnahmen weg. Wer nach dem 30. Juni Chrome startet und uBlock Origin installiert hat, erhält eine Fehlermeldung: Die Erweiterung sei nicht mit dem aktuellen Browser kompatibel und sei deaktiviert worden.
Was das konkret bedeutet: Drei Optionen für 40 Millionen Nutzer
Laut Schätzungen von Browseranalytikern nutzten zuletzt rund 40 Millionen Menschen uBlock Origin auf Chrome. Ihre Optionen ab dem 30. Juni:
- Firefox: Mozilla hat Manifest V3 eingeführt, aber gleichzeitig erklärt, Manifest V2 dauerhaft zu unterstützen. uBlock Origin läuft auf Firefox in vollem Funktionsumfang. Die Umstiegsbarriere ist niedrig: Lesezeichen und Passwörter lassen sich importieren und Firefox hat einen integrierten Tracking-Schutz.
- Brave: Der Chromium-basierte Browser blockiert Werbung auf Browserebene, unabhängig von der Erweiterungs-API. Googles MV3-Beschränkungen betreffen Brave nicht, weil der eigene Schutzmechanismus tiefer im Browser sitzt als eine Erweiterung. uBlock Origin funktioniert auf Brave ebenfalls in einem nahezu vollwertigen Modus.
- uBlock Origin Lite (MV3): Der Entwickler Raymond Hill hat eine MV3-kompatible Version seiner Erweiterung veröffentlicht. Sie ist deutlich eingeschränkter: keine Echtzeit-Filterlisten, statische Regeln, kein Element-Picker. Hill selbst nannte die MV3-Einschränkungen im Jahr 2022 in einem GitHub-Kommentar einen "Rückschritt für Datenschutz" und empfahl Firefox als Alternative.
Wer keine Änderungen vornimmt, surft ab dem 30. Juni auf Chrome ohne funktionierenden Werbeblocker. Chrome selbst bietet eine eingeschränkte Tracking-Schutz-Funktion in den Datenschutzeinstellungen, die nach Einschätzung unabhängiger Tests deutlich weniger Tracker blockiert als ein vollwertiger Adblocker.
Firefox als Gewinner und der blinde Fleck des Browsermarkts
Chrome hält laut Browsermarkt-Analyse von StatCounter einen globalen Marktanteil von rund 65 Prozent. Jede Änderung, die Google im Browser vornimmt, betrifft damit die Mehrheit aller Internetnutzer weltweit. Während Firefox und Brave als Alternativen zur Verfügung stehen, ist der Wechselaufwand für Gelegenheitsnutzer hoch. Viele kennen die Einstellungsseiten ihres Browsers nicht, wissen nicht wie sie Erweiterungen migrieren und setzen voraus, dass ihr Browser schlicht funktioniert.
Die Entscheidung, wann genau welche technische Flagge im Chrome-Quellcode entfernt wird, trifft Google intern und ohne öffentliche Konsultation. Die Europäische Union hatte im Rahmen des Digital Markets Act geprüft, ob Google als Gatekeeper verpflichtet werden kann, Manifest V2 beizubehalten. Konkretes Ergebnis gab es nicht. Ab dem 30. Juni ist das eine theoretische Frage.
Für Nutzer, die auf Firefox oder Brave wechseln, endet damit auch eine Abhängigkeit: Mozilla und Brave können Google nicht zwingen, ihre Browserarchitektur nicht zu ändern. Aber Mozilla und Brave können, anders als Google, selbst entscheiden, welche Erweiterungsstandards sie unterstützen wollen.
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