Deutsche Industrie verliert im Wettbewerb Boden
Wirtschaft

Deutsche Industrie verliert im Wettbewerb Boden

In Wolfsburg, Ingolstadt und Sindelfingen prüfen Automobilhersteller unrentable Werke, BASF und Evonik planen Produktionsverlagerungen. Das Ifo-Institut identifiziert zwei Ursachen: Energiekosten, die seit 2019 um bis zu 380 Prozent gestiegen sind, sowie das Fehlen eines europäischen Gegenstücks zum US-Investitionsprogramm IRA.

20. Juli 2026, 20:48 Uhr 825 Wörter · 5 Min. Lesezeit

In Krefeld und Ludwigshafen, den Kernstandorten der deutschen Grundchemie, bereiten Konzerne wie Evonik und BASF derzeit Entscheidungen über die Verlagerung von Produktionskapazitäten vor. In Wolfsburg, Ingolstadt und Sindelfingen diskutieren Automobilhersteller über Werke, die unter den aktuellen Kostenbedingungen nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. Das Ifo-Institut München hat im April 2026 aus einer Umfrage unter deutschen Industriebetrieben ermittelt, was diese Bewegungen antreibt: Ein Viertel aller Industrieunternehmen verliert gegenüber der internationalen Konkurrenz Boden, in der Automobilbranche und der Metallverarbeitung ist es jeder dritte Betrieb.

Was die Ifo-Umfrage misst

Das Ifo-Institut befragt seit 1994 quartalsweise Industrieunternehmen nach ihrer Selbsteinschätzung zur Wettbewerbsposition. Gefragt wird getrennt nach zwei Märkten: innerhalb der Europäischen Union und auf außereuropäischen Märkten. Die Antworten sind keine Bilanzkennzahl, aber als Frühindikator empirisch valide: In früheren Zyklen korrelierte diese Selbsteinschätzung eng mit tatsächlichen Marktanteilsverschiebungen in den Folgequartalen.

Im April 2026 berichteten 25,2 Prozent der Industrieunternehmen von sinkender Wettbewerbsfähigkeit auf außereuropäischen Märkten, 15,5 Prozent sahen sich auch innerhalb der EU im Rückstand. Im Januar hatte die außereuropäische Quote noch bei 31,2 Prozent gelegen. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Konjunkturumfragen, beschrieb den Trend als schleichenden Wettbewerbsverlust, der sich durch alle Industriebranchen ziehe.

Die sektoralen Unterschiede sind frappierend. In der Automobilindustrie berichten 38 Prozent der Unternehmen von Wettbewerbsverlusten auf Auslandsmärkten, in der Metallverarbeitung sind es 38,3 Prozent, im Maschinenbau 31,8 Prozent. Am anderen Ende des Spektrums stehen wissensintensive Branchen wie Pharmaindustrie und Medizintechnik, die von internationaler Nachfrage profitieren.

Bemerkenswert ist dabei, dass die Zahlen zwischen Januar und April von 31,2 auf 25,2 Prozent gesunken sind. Das deutet nicht auf eine Entspannung hin: Der Rückgang erklärt sich teilweise dadurch, dass Unternehmen mit schwacher Wettbewerbsposition bereits Kapazitäten ins Ausland verlagert haben und aus der Umfrage herausfallen, weil die betroffenen Standorte geschlossen wurden.

Warum der Irankrieg und der amerikanische IRA gleichzeitig wirken

Die Ursachenanalyse führt in zwei Richtungen. Kurzfristig: Der Irankonflikt, der seit Ende Februar 2026 andauert, hat den europäischen Gaspreis (TTF) auf rund 60 Euro je Megawattstunde verdoppelt. Das Ifo-Institut beziffert in seiner Sommerprognose 2026 den Wachstumsverlust durch den Energiepreisanstieg auf 0,4 Prozentpunkte für 2026 und erneut 0,4 Punkte für 2027. Bei einem erwarteten Gesamtwachstum von 0,8 Prozent bedeutet das: Ohne Energieschock hätte Deutschland rund die Hälfte stärker gewachsen.

Strukturell: Deutschlands Industrie zahlt selbst in Normalphasen deutlich mehr für Energie als amerikanische Konkurrenten, die vom Schiefergasboom der letzten Dekade profitieren. Nach BDI-Berechnungen sind die Energiekosten für Stahl, Grundchemie und Aluminium seit 2019 um 200 bis 380 Prozent gestiegen, weit mehr als in den USA oder China. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten mit dem Inflation Reduction Act (IRA) ein Subventionsprogramm von 400 Milliarden Dollar über zehn Jahre aufgelegt, das Ansiedlungen für Klimatechnologie und industrielle Modernisierung gezielt fördert. China investiert parallel massiv in staatliche Industrieförderung.

Bertram Kawlath, Präsident des Maschinenbauverbands VDMA, formulierte die Konsequenz auf dem Maschinenbaugipfel 2026 klar: Deutsche Unternehmen träfen heute Standortentscheidungen für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Ohne eine dem IRA vergleichbare europäische Antwort würden viele Neuinvestitionen nach Nordamerika abfließen, statt in Deutschland realisiert zu werden.

Wer die Kosten trägt und wer profitiert

Für Beschäftigte in der Schwerindustrie und der Grundstoffindustrie ist der Wettbewerbsverlust unmittelbar spürbar. Chemieunternehmen wie Evonik und BASF haben Produktionskapazitäten an energiegünstigere Standorte verlagert. Im Maschinenbau werden Investitionsentscheidungen verschoben oder ins Ausland verlagert. Nach Zahlen des Verbands der Automobilindustrie stehen bundesweit 225.000 Stellen unter dem Druck des Strukturwandels, zu dem sinkende Wettbewerbsfähigkeit beiträgt.

Für Verbraucher zeigt sich der Effekt mittelbar: Wenn Grundstoffproduktion teurer wird oder ins Ausland wandert, steigen die Vorleistungspreise für Endprodukte. Der Ifo-Sommerbericht 2026 prognostiziert eine Inflationsrate von 2,9 Prozent für das Gesamtjahr, die auch auf erhöhte Industriekosten zurückgeht.

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), mahnt zur Vorsicht bei der Schlussfolgerung. Er warnt vor einer Vollkaskomentalität der Unternehmen, die erwarteten, der Staat werde sie gegen strukturelle Risiken absichern und alte Strukturen zementieren. Deutschlands Zukunft liege nicht in Erhaltungssubventionen für Industrien, die weltweit unter Druck geraten, sondern in der Förderung von Innovation, Digitalisierung und dem Aufbau neuer Wertschöpfungsketten. Staatliche Mittel sollten Transformation fördern, nicht verhindern.

Die IG Metall, die Gewerkschaft für den Kern der betroffenen Industrien, betont eine andere Facette: Der Wettbewerbsdruck dürfe nicht als Begründung herhalten, um Lohnzurückhaltung zu rechtfertigen oder Mitbestimmungsrechte auszuhöhlen. Transformation könne nur mit den Beschäftigten gelingen, nicht gegen sie. Investitionshilfen des Staates unterstützt die Gewerkschaft ausdrücklich, verlangt aber Bedingungen zur Beschäftigungssicherung als Gegenleistung.

Bundesregierung will Energiepreisdeckel bis August beschließen

Die Bundesregierung hat angekündigt, bis Ende August 2026 einen Energiepreisstabilisierungsmechanismus für energieintensive Industrien auf den Weg zu bringen. Auf EU-Ebene laufen parallele Beratungen über ein Investitionspaket, das dem amerikanischen IRA ähneln soll; eine Entscheidung wird für das dritte Quartal 2026 erwartet.

Kawlath vom VDMA beziffert das verbleibende Zeitfenster auf 18 Monate: In diesem Rahmen fielen die wesentlichen Standortentscheidungen für neue Kapazitäten. Wer bis Ende 2027 kein verlässliches Energiepreisniveau und kein Investitionsförderprogramm sehe, werde neue Werke nicht in Deutschland bauen. Wohlrabe vom Ifo-Institut sieht den Augustentschluss der Bundesregierung als ersten Test: Die Geschwindigkeit der politischen Reaktion entscheide, ob Deutschland als Industriestandort stabilisiert werden könne oder ob die Abwärtsdynamik sich selbst verstärke.

Quellen (11)

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