
Donau auf Rekordtief: Ungarns AKW erstmals vollständig offline
Quellen (11)
- ORF: Ungarn nimmt AKW Paks vom Netzorf.at
- Pester Lloyd: Paks vor Komplettabschaltungpesterlloyd.net
- Berliner Zeitung: Ungarns AKW abgeschaltetberliner-zeitung.de
- Handelsblatt: Rumänien ruft Notstand aushandelsblatt.com
- ORF: Rumänien ruft Notstand ausorf.at
- t-online: Kraftwerke fahren in Europa heruntert-online.de
- Tagesanzeiger: Kernkraftwerke abgeschaltettagesanzeiger.ch
- t-online: Kreuzfahrten fallen aust-online.de
- kosmo.at: Erst Rumänien, jetzt Ungarnkosmo.at
- Euronews: Rekord-Niedrigwasser legt Wrack freide.euronews.com
- VOL.AT: Historische Wasserkrisevol.at
Das Kernkraftwerk Paks 90 Kilometer südlich von Budapest hat in 44 Betriebsjahren nie vollständig stillgestanden. Am Wochenende ist genau das geschehen: Die Donau führt so wenig Wasser, dass die Ansaugpunkte der Kühlpumpen trockenliegen. Ministerpräsident Péter Magyar gab die Komplettabschaltung persönlich am Kraftwerksgelände bekannt. Fast gleichzeitig rief Rumänien für den gesamten August den nationalen Energienotstand aus, weil auch das Kernkraftwerk Cernavodă kaum noch Kühlwasser bekommt. Erstmals trifft die europäische Hitzewelle die Atomkraft in einem Ausmaß, das ganze Volkswirtschaften unter Druck setzt.
Die Donau als Lebensader europäischer Kraftwerke
Der Durchfluss der Donau liegt derzeit bei rund 1.650 Kubikmetern pro Sekunde. Der Julischnitt beträgt normalerweise 4.750 Kubikmeter, also fast das Dreifache. An der bayerischen Messstelle Pfelling ist der Pegel auf 216 Zentimeter gesunken, was den bisherigen Rekord von 221 Zentimetern aus dem August 2022 schlägt. Bis zum 4. August rechnen Hydrologen mit einem weiteren Rückgang auf etwa 1.500 Kubikmeter pro Sekunde. Das historische Allzeittief stammt aus dem Jahr 1985, als nur noch 1.400 Kubikmeter flossen.
Kernkraftwerke brauchen Flusswasser aus zwei Gründen: als Kühlmittel im sekundären Kreislauf und als Quelle für den ständigen Wasserausgleich. Bei extrem niedrigem Wasserstand liegen die Ansaugpunkte der Pumpen über dem Wasserspiegel, was den Betrieb unmöglich macht. Das ist keine theoretische Grenze, sondern eine physikalische. Paks wird diese Schwelle nach Angaben des Betreibers MVM bei einem Pegelstand von minus 134 Zentimetern am Standort erreichen; der aktuelle Wert lag zuletzt bei minus 112 Zentimetern, Tendenz fallend.
Dass die Dürre so weit geht, ist auch deshalb überraschend, weil sowohl der Sommer 2024 als auch 2025 mit rechtzeitigen Regenfällen endeten, bevor die Niedrigwasserschwelle der Kraftwerke erreicht wurde. 2026 ist das anders. In Ungarn legte die Trockenheit auch einen Rumpf aus dem Zweiten Weltkrieg frei, der jahrzehntelang im Flussbett verborgen lag.
Paks und Cernavodă: Zwei Kraftwerke an der Grenze
Paks ist Ungarns einziges Kernkraftwerk und deckt mit vier Reaktorblöcken knapp die Hälfte der nationalen Stromproduktion, insgesamt rund 2.000 Megawatt. Eine Komplettabschaltung gab es seit dem Bau in den frühen 1980er-Jahren nie. Ministerpräsident Magyar schätzt die Mehrkosten für den nötigen Stromimport auf 100 bis 200 Milliarden Forint, umgerechnet 315 bis 630 Millionen Dollar, die Spanne hängt von der Dauer des Ausfalls ab. Wie lange Paks offline bleibt, ist von den Niederschlagsmengen in den österreichischen und slowakischen Einzugsgebieten der Donau abhängig, die derzeit ebenfalls ausbleiben.
In Rumänien ist Block 1 des Kernkraftwerks Cernavodă, mit einer Leistung von 706 Megawatt, bereits seit Ende Juli abgeschaltet. Zusammen liefern die beiden Cernavodă-Blöcke rund 20 Prozent des rumänischen Stroms. Um Block 2 am Netz zu halten, hat die Regierung unter Ministerpräsident Ilie Bolojan Mittel für eine Notumleitung aus einem nahe gelegenen Kanal bereitgestellt. Gleichzeitig laufen Gespräche mit der Ukraine, Griechenland und Bulgarien über Stromimporte während der Abendspitzen. Für den gesamten August gilt der landesweite Energienotstand.
Serbien hat im Juli durch die niedrigen Pegelstände nur ein Viertel der geplanten Kraftstoffmenge über die Donau erhalten, weil Schiffe deutlich weniger Ladung aufnehmen können. In Budapest musste die Schiffspassage teils eingestellt werden. Der Reiseveranstalter Nicko Cruises stornierte seit Mitte Juli zwölf Donaukreuzfahrten.
Wenn Kernkraft auf Klimawandel trifft
Die Ereignisse dieser Woche zeigen eine strukturelle Schwachstelle im europäischen Energiesystem: Kernkraftwerke, die für stabile Wassermengen gebaut wurden, geraten durch häufigere und intensivere Dürreperioden unter Druck. Das ist kein neues Phänomen. Bereits 2003 und 2019 mussten französische AKW ihre Leistung wegen zu warmen Kühlwassers drosseln. 2022 war es die Kombination aus Dürre und Hitze, die europäische Kraftwerke zum Herunterfahren zwang. 2026 erreicht das Muster eine neue Intensität: Erstmals wird ein Kernkraftwerk wegen rein hydraulischer Gründe komplett stillgelegt, nicht wegen Überhitzung des Kühlwassers.
Die Folgen gehen über den Stromsektor hinaus. Der Rhein führt ebenfalls Niedrigwasser. Der Chemiekonzern LyondellBasell hat am Standort Wesseling die Produktion von Butadienprodukten unter Berufung auf höhere Gewalt gedrosselt. BASF prüft ähnliche Maßnahmen, sollte der Rheinpegel weiter sinken. Chemische Rohstoffe, die bisher per Binnenschiff transportiert wurden, müssen auf Schienen oder Lkw verlagert werden, was Kapazitäten und Kosten beeinflusst.
Für die ungarischen Haushalte bedeutet die Paks-Abschaltung zunächst keine sofortigen Stromausfälle, weil Ungarn über Verbindungsleitungen zu Österreich, der Slowakei, Rumänien und Kroatien verfügt. Allerdings ist der Marktpreis für Strom in der Region durch die gleichzeitigen Ausfälle in Ungarn und Rumänien deutlich gestiegen. Die Differenz trägt der Staat, bislang. Ob und wann diese Kosten an Endkunden weitergegeben werden, hat die Regierung offen gelassen.
Niederschläge in zwei Wochen erwartet
Meteorologische Prognosen zeigen für Ostmitteleuropa ab etwa dem 10. bis 15. August möglicherweise eine Abschwächung der Hochdrucklage. Bis dahin gilt der Fokus den oberen Einzugsgebieten in den Alpen und den Karpaten: Selbst wenn es in Budapest regnen würde, brauchte das Wasser Tage, um die Pegelstände an Paks zu erhöhen. Praktisch hängt die Rückkehr von Paks ans Netz also von Wetterereignissen im österreichischen und slowakischen Bergland ab.
Cernavodă-Block 2 ist stabiler, solange die Wasserumleitung funktioniert und ausreichend Wasser im Kanal verbleibt. Rumäniens Regierung hat Notfallbehörden in Bereitschaft versetzt, legt aber keine konkreten Prognosen vor, ab wann Block 1 wieder hochgefahren werden kann. Für den europäischen Strommarkt bedeutet das: Mindestens zwei bis drei Wochen Engpass in Ostmitteleuropa, mit Preiseffekten, die sich weit über die Region hinaus bemerkbar machen.
Kommentare