
Michigan: Progressiver schlägt AIPAC-Millionen
Quellen (10)
- Al Jazeeraaljazeera.com
- NBC Newsnbcnews.com
- NPRnpr.org
- Detroit Newsdetroitnews.com
- Bridge Michiganbridgemi.com
- The Intercepttheintercept.com
- Washington Postwashingtonpost.com
- Truthouttruthout.org
- The Intercept / AIPAC spendingtheintercept.com
- Ballotpedia Mike Rogersballotpedia.org
Die Auszählung dauerte mehr als zwölf Stunden, der Vorsprung blieb die ganze Nacht unter einem Prozent: Abdul El-Sayed hat die demokratische Senatvorwahl im US-Bundesstaat Michigan gewonnen. Mit 48,5 zu 47,5 Prozent gegenüber der Abgeordneten Haley Stevens setzte sich der 41-jährige Arzt und ehemalige Gesundheitspolitiker durch, obwohl seine Gegnerin mehr als zehnmal so viel Wahlkampfgeld zur Verfügung hatte. Für AIPAC ist es die größte Niederlage seit dem Einstieg in die direkte politische Wahlkampffinanzierung im Jahr 2022.
54 Millionen Dollar auf der Verliererseite
Der Vorwahl-Werbemarkt in Michigan war in den vergangenen Wochen von einem Ungleichgewicht geprägt, das in der Geschichte der US-Senatvorwahlen kaum ein Vorbild hat. Das Gesamtvolumen der externen Wahlkampfausgaben lag laut Berichten bei rund 60 Millionen Dollar, davon entfielen rund 54 Millionen auf Haley Stevens, knapp 5 Millionen auf El-Sayed. Das Verhältnis liegt bei fast elf zu eins. Den Löwenanteil der Stevens-Finanzierung trug AIPAC, das American Israel Public Affairs Committee, das seit 2022 massiv in Vorwahlen investiert, um Kandidaten mit kritischen Positionen zu Israel auszusortieren.
Die Strategie schlug diesmal fehl. AIPAC-Anzeigen porträtierten El-Sayed als Sicherheitsrisiko und betonten seine muslimische Herkunft sowie seine Kritik an Israels Krieg in Gaza. El-Sayed hatte Israels Vorgehen in Gaza öffentlich als Völkermord bezeichnet und ein Ende der US-Militärhilfe gefordert. Das Kalkül seiner Gegner war offenbar, dass solche Positionen in einem breiten Wählerfeld nicht mehrheitsfähig sind. Dieses Kalkül ging nicht auf.
Wer El-Sayed ist und was er will
Abdul El-Sayed, Jahrgang 1984, ist kein neues Gesicht in der demokratischen Partei Michigans. 2018 kandidierte er für das Gouverneursamt, unterlag aber in der Vorwahl. Er ist Arzt, Rhodes Scholar und lehrte Public Health an der Columbia University. Politisch steht er im linken Flügel der Demokraten: Seine Hauptforderungen sind ein staatliches Universalkrankenversicherungssystem nach dem Vorbild Medicare for All, ein Ende der US-Militärhilfe an Israel und die Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE. Er lehnte Zuwendungen aus Unternehmenskreisen ab und finanzierte seine Kampagne überwiegend mit kleinen Einzelspenden.
Unterstützt wurde er von Senator Bernie Sanders und Abgeordneter Alexandria Ocasio-Cortez, die Michigan-Vorwahl als Testfall für die Stärke der progressiven Bewegung gegen den demokratischen Parteiestablishment rahmten. Stevens hingegen hatte die Unterstützung des regulären Parteiapparats, zahlreicher Gewerkschaften und des Großteils der gewählten demokratischen Amtsträger Michigans.
Warum Michigan der entscheidende Schlüsselstaat ist
Michigan ist für die Demokraten aus zwei Gründen zentral. Erstens geografisch: Der Staat im sogenannten Blue Wall ist in jedem nationalen Wahlzyklus seit 2016 umkämpft. Zweitens demografisch: Im Großraum Detroit, besonders in Dearborn, lebt eine der größten arabisch-amerikanischen und muslimischen Gemeinschaften der USA. Diese Wählergruppe hatte 2024 massiv gegen Präsident Biden protestiert, unter anderem durch Protestwahlen in der Vorwahl, eben wegen der US-Gaza-Politik. El-Sayed verkörpert für diese Gruppe eine direkte politische Vertretung.
Dass El-Sayed diese Mobilisierung gelingen könnte, zeigt das Ergebnis selbst: Mehr als 100.000 Michiganwähler stimmten 2024 in der demokratischen Präsidentschaftsvorwahl mit "uncommitted", um gegen Bidens Gaza-Politik zu protestieren. Die arabisch-amerikanische Gemeinschaft im Großraum Detroit war dabei federführend. El-Sayeds knapper Sieg heute deutet darauf hin, dass diese Mobilisierung weiterhin trägt und sich von einer punktuellen Protestreaktion in eine dauerhafte politische Kraft wandelt.
Sein Gegner Mike Rogers ist ein republikanischer Politiker mit bundesweit bekanntem Namen. Der frühere FBI-Agent führte im US-Repräsentantenhaus den Geheimdienstausschuss, beriet mehrere Präsidenten in Sicherheitsfragen und scheiterte 2024 knapp bei einem früheren Anlauf auf einen Senatssitz. Rogers läuft für den Sitz von Senator Gary Peters, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidiert. Das Rennen gilt laut Wahlbeobachtern als eines der teuersten und kompetitivsten des gesamten Zyklus 2026.
November: Entscheidung über die Senatsmehrheit
Die Midterm-Wahlen im November 2026 könnten die Mehrheitsverhältnisse im US-Senat verschieben. Derzeit halten die Republikaner eine knappe Mehrheit. In den Rennen, die politische Analysten als wechselwählerträchtig einschätzen, liegt Michigan ganz oben. El-Sayed gilt als mobilisierungsstark bei jüngeren und progressiven Wählern, als Arzt und Gesundheitsreformer könnte er auch moderate Wähler ansprechen. Gleichzeitig birgt seine Positionierung zu Israel und ICE Risiken in einem Staat, in dem auch konservative Gewerkschaftsmitglieder und ältere demokratische Wähler abstimmen.
Rogers wiederum positioniert sich als Kandidat der nationalen Sicherheit mit bipartisaner Erfahrung, was ihm im Herbst bei gemäßigten Wählern helfen könnte. Für beide Seiten steht viel auf dem Spiel: Für die Demokraten wäre ein Sieg in Michigan ein wichtiger Schritt zum Rückgewinn der Senatsmehrheit; für die Republikaner gilt der Sitz als verteidigbar, aber keineswegs sicher. Für AIPAC ist der November eine weitere Möglichkeit, die Ergebnisse der Vorwahl zu korrigieren. Ob 54 Millionen Dollar in der Vorwahl nicht reichten, aber weitere Millionen im Herbst den Ausschlag geben können, wird eine der interessantesten Fragen des US-Wahlherbstes 2026 sein.
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