Strom: 24 Cent für Wechsler, 40 Cent für den Rest
Wirtschaft

Strom: 24 Cent für Wechsler, 40 Cent für den Rest

Die deutschen Strompreise haben sich erholt: Wer jetzt wechselt, zahlt ab 24 Cent pro Kilowattstunde. Wer in der Grundversorgung bleibt, zahlt 40 Cent. Die Lücke von 566 Euro im Jahr war nie größer.

2. Juli 2026, 14:49 Uhr 791 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Vier Monate nach dem Beginn des Irankriegs sind die Strompreise für Neuvertragsabschlüsse wieder nahe dem Vorkriegsniveau angekommen. Der günstigste Tarif liegt am 2. Juli bei 24,22 Cent pro Kilowattstunde. Wer in der Grundversorgung seines Netzbetreibers geblieben ist, zahlt dagegen 40,39 Cent. Diese Lücke von 16 Cent entspricht bei einem typischen Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden einem Unterschied von 566 Euro im Jahr, mehr als in jedem vergleichbaren Zeitraum der vergangenen Jahre. Die Erholung ist real, aber sie ist ungleich verteilt.

Was Strom im Juli 2026 kostet

Laut Stromauskunft.de sind am 2. Juli 2026 die günstigsten Neukundentarife ab 24,22 Cent pro Kilowattstunde erhältlich. Das Vergleichsportal Finanztip errechnete Mitte Juni einen Durchschnittswert für Neukunden mit zwölfmonatiger Preisgarantie von 31,57 Cent. Der BDEW (Bundesverband Energie und Wasserwirtschaft) gibt den Bestandskundendurchschnitt aller deutschen Haushalte bei rund 37 Cent an, ein Wert, der im Januar 2026 noch bei 37,2 Cent lag. Damit sind die Marktpreise seit dem April-Hoch um schätzungsweise sieben Prozent gesunken, während die Grundversorgungspreise kaum nachgegeben haben.

Die Grundversorgung ist teuer aus einem strukturellen Grund: Grundversorger kalkulieren konservativer, kaufen auf dem Großhandel zu verschiedenen Zeitpunkten ein und geben Preissenkungen verzögert weiter. In Phasen sinkender Großhandelspreise bleibt die Grundversorgung deshalb über Monate oberhalb der Marktpreise. Das Bundeskartellamt überwacht, ob Versorger Preissenkungen pflichtgemäß und zügig weitergeben. Bisher gibt es keine öffentlichen Verfahren gegen konkrete Versorger.

Warum die Preise gefallen sind

Nach dem Beginn des Irankriegs am 28. Februar 2026 und der Blockade der Straße von Hormus Anfang März stiegen die Energiepreise an den Großhandelsmärkten zeitweise deutlich an. Rohöl verteuerte sich im April auf Werte, die das Ifo-Institut als "Schock" einstufte. Seit April haben sich die Märkte beruhigt. Der BDEW bestätigt, dass die physische Gasversorgung Deutschlands zu keiner Zeit ernsthaft gefährdet war: Norwegen deckt rund 44 Prozent des deutschen Gasbedarfs, Katar und USA liefern über LNG-Terminals, die Gasspeicher waren ausreichend gefüllt. Diese Diversifizierung, aufgebaut nach der Energiekrise 2022, hat sich als tragfähig erwiesen.

Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung geht in seinem Basisszenario davon aus, dass der Ölpreis bis August bei 85 Dollar je Barrel und der Gasgroßhandelspreis bei 47 Euro je Megawattstunde bleiben wird. Beide Werte liegen deutlich unter den Spitzenwerten aus dem März und April. Für Haushalte bedeutet das: Das Schlimmste dürfte vorbei sein.

Was der Schock die Wirtschaft gekostet hat

Auch wenn die Preise wieder fallen: Der Energiepreisschock des Frühjahrs hat reale wirtschaftliche Kosten hinterlassen. Das Ifo-Institut berechnete, dass Deutschland durch den Schock insgesamt 34 Milliarden Euro Kaufkraft verliert, verteilt auf 2026 und 2027. Umgerechnet sind das rund 400 Euro zusätzlicher Energieausgaben je Einwohner. Seinen Wachstumsausblick für 2027 senkte das Ifo von 1,2 auf 0,8 Prozent. Die Inflationsrate steigt laut Ifo-Prognose auf 2,9 Prozent im Jahresdurchschnitt 2026.

Das IMK warnte im Frühjahr, der Schock treffe die deutsche Wirtschaft "in einem Moment, in dem eine binnenwirtschaftliche Erholung erkennbar war". Im Risikoszenario des Instituts, also bei anhaltend hohen Energiepreisen und fortgesetzter Konfliktverschärfung, könnte das Wachstum 2026 auf 0,2 Prozent einbrechen. Die Bundesregierung senkte ihre eigene Wachstumsprognose für 2026 von 1,0 auf 0,5 Prozent und sprach im Konjunkturbericht von einer Abschwächung durch den Energiepreisschock.

Was ein Wechsel konkret bringt

Finanztip beziffert die Jahresersparnis beim Wechsel vom Grundversorgungstarif zum günstigsten Marktangebot auf rund 566 Euro, bei einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden. Das entspricht einer Ersparnis von etwa 40 Prozent. Für einen Haushalt mit höherem Verbrauch, etwa 5.000 Kilowattstunden, liegt die Ersparnis entsprechend höher.

Die Kehrseite von Billigtarifen: Viele der günstigsten Angebote sind Laufzeitverträge mit zwölf Monaten Preisbindung. Steigen die Großhandelspreise nach einer OPEC+-Entscheidung oder wegen neuer Marktturbulenzen wieder, ist der neue Tarif für ein Jahr gebunden. Finanztip empfiehlt deshalb Tarife mit Preisgarantie und ausreichender Vertragslaufzeit statt der günstigsten kurzfristigen Angebote. Wer einen laufenden Vertrag hat, sollte zunächst prüfen, wann er ausläuft und ob eine Kündigung auf den nächsten günstigen Termin möglich ist.

Was die OPEC+ entscheidet

Für die weitere Preisentwicklung ist die nächste OPEC+-Sitzung der relevante Termin. Das Kartell entscheidet über Fördermengen für die kommenden Monate. Wenn die Mitglieder die Produktion erhöhen, könnten die Großhandelspreise weiter sinken und die Tarifpreise mit Verzögerung folgen. Wenn das Kartell die Förderung drosselt oder der Iran-Konflikt eskaliert, könnten die April-Werte wieder erreichbar werden.

Für Verbraucher mit auslaufenden Verträgen ist das Timing derzeit günstig: Die Marktpreise sind gefallen, die Grundversorgungspreise haben noch nicht vollständig nachgezogen und die Auswahl an Festpreistarifen ist groß. Wie lange dieses Fenster offen bleibt, hängt wesentlich davon ab, was in der zweiten Julihälfte an den Energiemärkten passiert.

Quellen (10)

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