Beethoven oder Eisvogel: EZB lässt Europa über Euroscheine abstimmen
Wirtschaft

Beethoven oder Eisvogel: EZB lässt Europa über Euroscheine abstimmen

Die Europäische Zentralbank hat am 23. Juli eine öffentliche Abstimmung über das Design der nächsten Euro-Banknotenserie gestartet. Die Wahl zwischen historischen Persönlichkeiten und europäischen Vogelarten ist komplizierter als sie klingt.

27. Juli 2026, 2:40 Uhr 692 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Als die Europäische Zentralbank am 23. Juli ihre zehn Finalentwürfe für die neue Euroschein-Serie vorstellte, war der Streit schon da: Polen will „Maria Skłodowska-Curie“ auf dem 20-Euro-Schein, Frankreich besteht auf „Marie Curie“. Ein Streit um 14 Buchstaben, der zeigt, was auf dem Spiel steht. Zum ersten Mal seit der Euro-Einführung werden echte historische Persönlichkeiten die anonymen Architekturmotive ersetzen und wer die Scheine gestaltet, gestaltet eine europäische Erzählung.

Was zur Wahl steht: Beethoven auf dem Zehnerschein oder der Eisvogel

Die Abstimmung läuft bis zum 21. September 2026 unter surveys.ecb.europa.eu. Alle Menschen in Europa können teilnehmen, nicht nur EU-Bürger. Es gibt zwei Kandidatenthemen mit je fünf Entwürfen.

Das Thema „Europäische Kultur“ setzt auf historische Persönlichkeiten: Maria Callas auf dem 5-Euro-Schein, Ludwig van Beethoven auf dem Zehner, Marie Curie auf dem Zwanziger, Miguel de Cervantes auf dem Fünfziger, Leonardo da Vinci auf dem Hunderter und Bertha von Suttner, die österreichische Friedensnobelpreisträgerin, auf dem 200-Euro-Schein. Rückseitig sind Kulturszenen wie Chöre und Bibliotheken geplant.

Das Thema „Flüsse und Vögel“ ordnet jedem Schein eine europäische Vogelart und ein EU-Organ zu: Der Mauerläufer steht für das Europäische Parlament (5 Euro), der Eisvogel für die Europäische Kommission (10 Euro), der Bienenfresser für die EZB selbst (20 Euro), der Weißstorch für den Gerichtshof der EU (50 Euro), der Säbelschnäbler für den Europäischen Rat (100 Euro) und der Basstölpel für den Europäischen Rechnungshof (200 Euro). Auf der Rückseite: Flusslandschaften.

Warum das Ergebnis der Abstimmung nicht bindend ist

Beide Umfragen, die öffentliche und eine parallel laufende repräsentative Befragung durch ein unabhängiges Meinungsforschungsinstitut, fließen als Empfehlung in die finale Entscheidung ein. Der EZB-Rat trifft die eigentliche Wahl voraussichtlich Ende 2026. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte bei der Vorstellung: „Euro-Banknoten sind mehr als ein Zahlungsmittel. Sie sind eine der greifbarsten Ausdrucksformen Europas.“

Der Prozess dahinter begann 2021 mit einer ersten Bürgerkonsultation zu möglichen Themen. Im November 2023 verengte der EZB-Rat sieben Kandidaten auf die heutigen zwei Finalthemen. Im Juli 2025 wurde ein offizieller Designwettbewerb ausgeschrieben; über 1.200 Grafikdesigner bewarben sich. Die jetzt zur Abstimmung stehenden zehn Entwürfe sind das Ergebnis dieses Wettbewerbs.

Warum Personen heikler sind als Brücken

Die bisherigen Euro-Scheine, seit 2002 zunächst in der ersten Serie und seit 2013 in der Europa-Serie, zeigen absichtlich anonyme Architekturmotive: Fenster, Tore und Brücken, die keinem realen Gebäude entsprechen. Die Entscheidung war damals politisch begründet: Keine realen Gebäude, um Nationalstreitigkeiten zu vermeiden.

Der Curie-Namensstreit zeigt, warum historische Personen nicht weniger heikel sind. Polen argumentiert, die zweifache Nobelpreisträgerin sei als polnische Wissenschaftlerin geboren und ihr vollständiger Name gehöre auf den Schein. Frankreich verweist auf „Marie Curie“ als den in der Wissenschaft etablierten Namen. Die EZB hat eine Arbeitsversion mit „Marie Curie (Skłodowska)“ als Kompromiss vorgelegt, die in Polen als unzureichend gilt. Auf X fordern Nutzer außerdem Persönlichkeiten aus Osteuropa, die bisher im Thema „Europäische Kultur“ kaum vertreten seien.

Das Thema „Flüsse und Vögel“ umgeht solche Nationalstreitigkeiten, zieht dafür aber eine andere Kritik auf sich: Vögel transportieren keine gemeinsame europäische Geschichte. Der Eisvogel auf dem Zehner sagt nichts über Europa. Der Bienenfresser als Symbol der EZB tut es auch nicht.

Abstimmung bis 21. September, Scheine frühestens 2030

Die öffentliche Abstimmung läuft bis zum 21. September 2026. Der EZB-Rat entscheidet danach, voraussichtlich Ende 2026, welches Thema und welche konkreten Entwürfe umgesetzt werden. Bis die neuen Scheine tatsächlich in Geldbörsen landen, dauert es mindestens weitere drei bis vier Jahre: Sicherheitsmerkmale müssen entwickelt, zertifiziert und mit den nationalen Zentralbanken koordiniert werden. Frühester Ausgabetermin ist realistisch 2030.

Die aktuellen Scheine der Europa-Serie bleiben in jedem Fall gültiges Zahlungsmittel, auch nach Einführung der neuen Serie. Die EZB hat angegeben, die neuen Scheine sollten langlebiger sein und einen geringeren ökologischen Fußabdruck haben als die bestehenden.

Ob der Namensstreit um Marie Curie bis Ende 2026 gelöst ist, bleibt offen. Polen hat angekündigt, auf Regierungsebene bei der EZB zu intervenieren. Es wäre nicht das erste Mal, dass europäische Einigung an einem Namen scheitert und nicht das letzte.

Quellen (10)

Kommentare