Hitzewelle: Frankreichs Atomkraftwerke am Limit
Das Wirtschaftsministerium in Paris erteilte am Samstag eine Ausnahme von Umweltschutzregeln, um die Stromversorgung zu sichern. Das Bugey-Kraftwerk an der Rhone darf seitdem heißeres Kühlwasser in den Fluss einleiten als normalerweise erlaubt. Der Grund: Frankreich steckt in seiner zweiten schweren Hitzewelle in sechs Wochen, diesmal mit einem neuen geografischen Datum. Zum ersten Mal muss auch das Kraftwerk Chooz an der Maas in Nordfrankreich abschalten, nahe der belgischen Grenze.
Drei Kraftwerke, drei Flüsse, drei Einzugsgebiete
Seit dem Wochenende produzieren drei Reaktoren keinen Strom: das Kraftwerk Golfech an der Garonne in Südwestfrankreich, Bugey bei Lyon an der Rhone und Chooz an der Maas in der Ardennenregion. Acht weitere Reaktoren laufen nach Angaben von EDF unter ihrer Nennleistung.
Der Mechanismus ist bei allen drei Standorten derselbe: Atomkraftwerke entziehen Flüssen Wasser, nutzen es zur Kühlung und leiten es erwärmt zurück. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASNR legt für jedes Kraftwerk individuelle Temperaturobergrenzen fest, bis zu denen das eingeleitete Kühlwasser die Umgebungstemperatur des Flusses erhöhen darf. Bei extremer Außenhitze wird das Flusswasser selbst so warm, dass EDF ohne Grenzwertüberschreitung nicht mehr kühlen kann. Die Abschaltung ist dann keine technische Entscheidung, sondern eine regulatorische Pflicht zum Schutz der Flussökosysteme.
Golfech und Bugey waren bereits während der Rekordhitzewelle Ende Juni betroffen. Chooz ist neu. Das Kraftwerk liegt an der Maas, gut 750 Kilometer nördlich von Golfech, in einem völlig anderen Flusseinzugsgebiet. Dass auch der nördliche Teil Frankreichs jetzt Temperaturen erreicht, die Reaktorabschaltungen erzwingen, zeigt die geografische Ausdehnung des aktuellen Hitzeereignisses.
Die Ausnahme, die das Dilemma benennt
Die entscheidende Neuerung gegenüber dem Juni: Das Wirtschaftsministerium erteilte am Samstag für das Bugey-Kraftwerk eine Ausnahmegenehmigung von den Temperaturobergrenzen für die Rhone, mit dem expliziten Ziel, die Sicherheit des Stromnetzes zu gewährleisten. Gültig ist sie bis zum 20. Juli.
Das ist ein seltener Schritt. Normalerweise setzt die ASNR die Grenzwerte durch. Dass das Wirtschaftsministerium eingreift und die Umweltregeln vorübergehend außer Kraft setzt, zeigt, wie knapp die Spielräume geworden sind. Frankreich bezieht laut EDF rund 70 Prozent seines Stroms aus Kernenergie. Fallen gleichzeitig mehrere Reaktoren aus, gerät die Versorgungssicherheit unter Druck.
Greenpeace kritisiert genau dieses Muster als strukturelle Schwäche. Die Umweltorganisation argumentiert, dass ein System, das in Extremhitzephasen zwischen Naturschutz und Netzstabilität abwägen muss, keine verlässliche Grundlastversorgung für ein sich erwärmendes Klima darstellt. Die Antiatom-Organisation Sortir du nucléaire fordert angesichts der Situation eine beschleunigte Energiewende hin zu erneuerbaren Quellen, die nicht auf Kühlwasserverfügbarkeit angewiesen sind.
Ein Muster in sechs Wochen
Ende Juni musste Frankreich zum ersten Mal in diesem Jahr Reaktoren wegen Hitze drosseln: Golfech, Bugey und Nogent-sur-Seine waren betroffen. Die Hitzewelle „Hartmut“ hatte landesweit Temperaturrekorde gebrochen, in der südwestfranzösischen Gemeinde Pissos wurden 44,3 Grad Celsius gemessen.
Jetzt, sechs Wochen später, sind Golfech und Bugey wieder dabei. Nogent-sur-Seine fehlt, Chooz ist hinzugekommen. Es sind verschiedene Hitzeereignisse, die verschiedene Teile des Landes treffen. Das Chooz-Kraftwerk an der Maas in den Ardennen stand noch nie während einer Hitzewelle still.
Über lange Zeitreihen hat Hitze die französische Kernkraftproduktion im Jahresdurchschnitt um rund 0,3 Prozent reduziert. Das klingt marginal. Es ist der Mittelwert über alle Jahreszeiten und alle Jahre, in denen Hitzewellen die Ausnahme waren. Wenn Hitzeereignisse häufiger und geografisch ausgedehnter werden, steigt dieser Wert. Wie stark, darüber laufen bei Klimaforschern und Energieplanerinnen derzeit intensive Debatten.
Was für Europas Strommarkt gilt
Frankreich ist der größte Stromexporteur der Europäischen Union. EDF betreibt 57 Reaktoren, die in normalen Jahren rund 70 Prozent des französischen Strombedarfs decken. Fällt ein erheblicher Teil dieser Kapazität gleichzeitig aus, sinkt der Exportüberschuss und Mitteleuropa wird abhängiger von anderen, teureren Quellen. Während der Junihitzewelle stiegen die Spotpreise an der europäischen Strombörse EEX um mehr als zehn Prozent, weil Gaskraftwerke einspringen mussten. Frankreich blieb trotzdem Nettoexporteur; der Netzbetreiber RTE sah die Versorgungssicherheit zu keinem Zeitpunkt gefährdet.
Deutschland, die Schweiz und Österreich importieren in Hochlastsituationen regelmäßig Strom aus Frankreich. Dieser Puffer ist gerade kleiner. Das bedeutet keine Abschaltungen, aber höhere Marktpreise, solange die Hitzewelle anhält.
Was der 20. Juli zeigen wird
Das konkrete Datum ist der 20. Juli: Bis dahin gilt die ministerielle Ausnahme für Bugey. Danach muss die Regierung neu entscheiden. Lässt die Hitze nach, können die Reaktoren unter Standardbedingungen wieder hochgefahren werden. Hält die Wärme an, braucht es eine neue Ausnahmegenehmigung oder Bugey bleibt vorübergehend offline.
Für Golfech und Chooz gelten eigene Zeitlinien, die EDF noch nicht kommuniziert hat. Auch der Status der acht gedrosselten Reaktoren bleibt offen.
Frankreich plant bis 2038 den Bau von sechs neuen Druckwasserreaktoren. Für die ersten beiden, am Standort Penly am Ärmelkanal, löst die Meerwasserkühlung das Kühlwasserproblem. Für rund 50 Binnenlandstandorte gilt das nicht. Wie die nächste Generation der Kernkraftwerke mit häufigeren Hitzewellen umgehen soll, hat die französische Energiepolitik bislang nicht beantwortet.
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