Megafeuer bei Bordeaux: 220.000 auf der Flucht
International

Megafeuer bei Bordeaux: 220.000 auf der Flucht

Ein Waldbrand in der Gironde nahe Bordeaux hat sich zum größten Brandereignis Frankreichs seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. 220.000 Menschen mussten die Region verlassen. Das Feuer hat inzwischen seine eigene Witterung erzeugt und ist 15 Kilometer vom Stadtrand Bordeaux entfernt.

28. Juli 2026, 19:04 Uhr 1015 Wörter · 6 Min. Lesezeit

Was am 22. Juli als Routineeinsatz bei der Ortschaft Saumos im Département Gironde begann, ist in fünf Tagen zur größten zivilen Evakuierung Frankreichs seit dem Zweiten Weltkrieg geworden. 220.000 Menschen haben die Region zwischen Atlantikküste und Bordeaux verlassen müssen. Das Feuer hat 42.000 Hektar vernichtet, eine Fläche größer als die Stadt Köln und erzeugt inzwischen seine eigene Gewitterwolke, die unberechenbare Winde produziert. Vier Feuerwehrleute sind ums Leben gekommen.

Von 10.000 auf 42.000 Hektar in fünf Tagen

Am Mittwoch, 22. Juli, entzündete ein Gerät zur Rodung landwirtschaftlicher Flächen den trockenen Kiefernforst bei Saumos. Bis Freitag, 24. Juli, waren rund 10.000 Hektar verbrannt und 63.000 Menschen evakuiert. Präsident Emmanuel Macron hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die EU-Katastrophenhilfe angefordert: Löschflugzeuge aus Kroatien, Portugal, Tschechien und der Slowakei wurden in die Gironde verlegt.

Was folgte, übertraf alle Prognosen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag veränderte der Brand seine Richtung zweimal und fraß sich mit einer Geschwindigkeit, die Feuerwehrleute als "extrem virulent und unberechenbar" beschrieben, durch neue Waldgebiete. Bis Montag, 27. Juli, hatte die Brandfläche allein im Gironde die Marke von 42.000 Hektar überschritten. Über ganz Frankreich hochgerechnet sind seit Jahresbeginn rund 98.000 bis 115.000 Hektar Vegetation verbrannt, so Innenminister Laurent Nuñez. Das übertrifft den bisherigen Rekord des Jahres 2022 deutlich. "Wir erleben ein Feuer beispiellosen Ausmaßes", sagte Nuñez.

Ein Feuer, das seine eigene Atmosphäre erzeugt

Die entscheidende Gefahr geht seit dem Wochenende von einem atmosphärischen Phänomen aus, das Meteorologen als Pyrocumulonimbus bezeichnen: Das Feuer hat genug Energie entwickelt, um eine eigene Gewitterwolke zu bilden, die Winde in unvorhersehbare Richtungen lenkt. Feuerwehrsprecher beschrieben, das Feuer "generiere seine eigene Witterung und breite sich unberechenbar aus".

Ein Pyrocumulonimbus kann Feuerfronten von der Hauptbrandrichtung abkoppeln und Funkenflug über mehrere Kilometer ermöglichen. Das erklärt, warum trotz 2.500 eingesetzter Feuerwehrleute und europäischer Luftunterstützung ein Einschließen des Brandes bislang nicht gelungen ist. Der Wind aus dem Atlantik könnte den Vormarsch in Richtung Bordeaux verlangsamen. Dreht der Wind auf Ost, wäre die Situation nach Angaben der Präfektur Gironde sofort kritischer.

Rauch über Bordeaux: Eine Nacht voller Husten

Die Flammen sind seit Sonntag, 26. Juli, rund 15 Kilometer vom Stadtrand der Metropolregion Bordeaux entfernt. Bürgermeister Thomas Cazenave sprach von "Feuer vor den Toren der Metropole", betonte aber, eine Evakuierung der Stadt selbst sei nicht geplant. Gleichzeitig war die Luft in weiten Teilen der Stadt vom Rauch der brennenden Kiefernwälder durchzogen.

Der Nachrichtensender France 24 berichtete, Einwohner hätten "die Nacht mit Husten verbracht", die Atemluft sei spürbar beeinträchtigt. Im Hafen von Canet-en-Roussillon, Hunderte Kilometer südlich, legte sich toxischer Qualm über die Jachthäfen. In Bordeaux selbst bildete sich eine schwärzliche Wolke über den Vororten im Westen der Stadt. Die Präfektur Gironde riet Bewohnern umliegender Gemeinden, Fenster geschlossen zu halten und auf körperliche Aktivität im Freien zu verzichten.

Tausende Evakuierte haben in der Messe Bordeaux und in behelfsmäßig eingerichteten Aufnahmelagern Unterkunft gefunden. 240 Häuser wurden bislang zerstört. Zusammen mit den Bränden in den spanischen Provinzen Toledo und Ávila, wo ebenfalls mehr als 150.000 Menschen evakuiert wurden, sind in Frankreich und Spanien insgesamt mehr als 375.000 Menschen von ihren Wohnorten vertrieben worden.

Die dritte Hitzewelle und was sie anders macht

Die Brände in Frankreich und Spanien wurden durch die dritte europaweite Hitzewelle dieses Sommers ausgelöst. Meteorologen bezeichnen 2026 damit bereits als die schlimmste Hitzewellen-Saison seit Beginn systematischer Aufzeichnungen. Was die Situation im Gironde von früheren großen Bränden unterscheidet, ist die Kombination aus drei Faktoren, die gleichzeitig wirksam sind: ausgetrocknete Kiefernmonokultur aus dem 19. Jahrhundert, die sich durch die gesamte Landschaft zwischen Atlantik und Bordeaux zieht; monatelang ausbleibende Niederschläge; und Nachttemperaturen, die so hoch geblieben sind, dass das Feuer keine natürliche Ruhephase fand.

Die Wälder rund um Arcachon wurden im 19. Jahrhundert zur Dünenkonsolidierung gepflanzt. Sie sind dicht und seit Jahrzehnten kaum ausgedünnt worden. Brandschutzschneisen, die nach dem Großbrand von 2022 angelegt wurden, haben in einigen Bereichen eine Verlangsamung ermöglicht, reichten aber nicht aus, um den Brand aufzuhalten, weil das Pyrocumulonimbus-Phänomen den Funkenflug über diese Barrieren hinweg ermöglichte.

Wenn der Wind dreht: Die nächsten 72 Stunden

Meteorologen erwarten in den nächsten drei Tagen keine grundlegende Verbesserung der Wetterlage. Die Temperaturen bleiben deutlich über dem saisonalen Durchschnitt, Niederschläge sind nicht in Sicht. Entscheidend wird sein, ob der Atlantikwind standhält, der den Vormarsch in Richtung Bordeaux bisher verlangsamt hat.

Innenminister Nuñez kündigte an, Frankreich werde in der nächsten Sitzung des Europäischen Katastrophenschutzmechanismus beantragen, den EU-Waldbrandpool dauerhaft aufzustocken. Bisher stehen Europa im Hochsommer nur etwa 22 Löschflugzeuge zur Verfügung, ein Defizit, das in diesem Sommer bereits in Griechenland, Spanien und nun in Frankreich spürbar wurde. Macron erklärte, Frankreich werde die verwüsteten Gebiete wiederaufbauen. Was das für eine Fläche von der Größe Kölns bedeutet, die in wenigen Tagen aus einem Kiefernforst zu verkohlter Erde wurde, wird die Regionalregierung Nouvelle-Aquitaine in den kommenden Wochen herausarbeiten müssen.

Update 29. Juli, 07:10 Uhr: Staatspräsident Emmanuel Macron besuchte am Montag das Katastrophengebiet in der Gironde und traf Einsatzkräfte vor Ort. "Wir müssen durchhalten. Ich weiß, dass manche alles verloren haben. Wir werden diesen Kampf gemeinsam gewinnen", sagte er. Macron kündigte an, Frankreich werde "einen anderen Wald" wiederaufforsten und bezeichnete die Lage als schwieriger als "zu irgendeinem Zeitpunkt seit dem Zweiten Weltkrieg". Die wirtschaftlichen Folgen nehmen konkrete Konturen an: Der Präsident der Handelskammer Gironde erklärte, die Tourismussaison sei für die Region vorbei. Tourismus generiert in der Gironde rund 3,2 Milliarden Euro Jahresumsatz bei mehr als 40.000 Arbeitsplätzen. Die Präfektur riet Urlaubern, bis zur Eindämmung des Feuers nicht in die Region zu reisen. In der Weinwirtschaft wächst unterdessen die Sorge vor Rauchton: Brände setzen Aromen frei, die sich selbst in weit entfernten Lagen im Traubenjahrgang absetzen können. Als vierte Hitzewelle des Sommers aufzieht, mussten weitere 4.000 Menschen von Touristenstandorten evakuiert werden.

Update 29. Juli, 21:00 Uhr: Das Gironde-Feuer gilt seit dem Morgen des 29. Juli offiziell als stabilisiert. Feuerwehrkräfte hielten die Brandfront in einer ruhigen Nacht in Schach; die verbrannte Fläche blieb nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez bei rund 42.000 Hektar, ohne sich auszuweiten. Nuñez betonte ausdrücklich: stabilisiert bedeute nicht eingedämmt. Auch die Brände in Spanien nähern sich einer vorläufigen Kontrolle. Die Stabilisierung gilt als fragil: Meteorologen prognostizieren für Mittwoch das Aufziehen der nächsten Hitzewelle mit Temperaturen von über 40 Grad Celsius im Südwesten Frankreichs, die Lage erneut verschärfen könnte.

Quellen (16)

Kommentare