Gasspeicher auf Allzeittief: Ministerium appelliert
Wirtschaft

Gasspeicher auf Allzeittief: Ministerium appelliert

Die deutschen Gasspeicher stehen Mitte August bei knapp 50 Prozent, so niedrig wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Das Wirtschaftsministerium hat erstmals öffentlich eingeräumt, dass die Lage ernst ist und direkt an Händler appelliert, einzulagern. Beim aktuellen Tempo sind maximal 60 Prozent bis November realistisch.

Quellen (16)
  1. INES: Gasspeicherverband — Füllstände auf Rekordtief (t-online)t-online.de
  2. Tagesspiegel: Gasspeicherverband warnt vor Versorgungsunsicherheittagesspiegel.de
  3. Handelsblatt: Ministerium appelliert an Händlerhandelsblatt.com
  4. t-online: Reiche-Ministerium räumt Gas-Probleme eint-online.de
  5. Stuttgarter Zeitung: Gasspeicher-Füllstand bei 50 Prozentstuttgarter-zeitung.de
  6. it-boltwise: BDEW warnt vor Panikmaßnahmenit-boltwise.de
  7. heise online: Gasspeicherstände erreichen historischen Tiefstandheise.de
  8. Deutschlandfunk: Füllstände auf Rekordtief — BDEW warnt vor Panikmachedeutschlandfunk.de
  9. Die Welt: Füllstände der Gasspeicher fallen auf Rekordtiefwelt.de
  10. ZEIT Online: Gasspeicher Deutschland Füllstand Novemberzeit.de
  11. ZFK: Gasreserve nimmt Gestalt an — 24 TWh als Krisenpufferzfk.de
  12. Cleanthinking: Gasreserve 2026 kommt zu spät für Winter 2026/27cleanthinking.de
  13. Handelsblatt: Plan für strategische Gasreserve soll bis August durchs Kabinetthandelsblatt.com
  14. Wetterauer Zeitung: Reiche prüft Finanzierung der Gasreserve neuwetterauer-zeitung.de
  15. Trading Economics: TTF-Gaspreise steigen wegen Iran-Spannungentradingeconomics.com
  16. ZDF Heute: Gas-Versorgung und Speicherfüllständezdfheute.de
21. August 2026, 13:14 Uhr980 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Die deutschen Gasspeicher stehen in diesem August so leer wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2011. Bei einem Füllstand von knapp 50 Prozent ist das Bundeswirtschaftsministerium öffentlich aufgetreten: Es räumte ein, die Situation sei „sehr niedrig“, nannte Gasversorgungssicherheit „oberste Priorität“ und appellierte am 19. August direkt an Gashändler, ihre gebuchten Kapazitäten zu nutzen. Was fehlt, ist der wirtschaftliche Anreiz zum Einlagern und den hat Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zu Jahresbeginn gezielt abgeschafft.

Was den August 2026 von allen bisherigen Tiefständen trennt

Gut 49 Prozent Füllstand Mitte August: Diese Zahl allein klingt nach einem Problem, das Deutschland aus dem Jahr 2022 kennt. Doch Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Gasspeicherverbands INES, formuliert präziser: Der aktuelle Stand sei „mit Abstand der tiefste Füllstand zu dieser Zeit, der seit Aufzeichnung der Speicherfüllstände in Deutschland aufgetreten ist.“ Die systematische Erfassung beginnt im Jahr 2011.

Im gleichen Zeitraum des Vorjahres lagen die deutschen Gasspeicher bei 67 Prozent. Die Differenz von 17 Prozentpunkten entspricht rund 42 Terawattstunden Gas, die im Vergleich zu August 2025 fehlen. Zum Vergleich: 42 Terawattstunden entsprechen ungefähr dem deutschen Gasverbrauch in rund zehn Januartagen.

Das Winterziel laut Energiewirtschaftsgesetz lautet 80 Prozent bis zum 1. November. Selbst der Fernleitungsnetzbetreiberverband FNB-Gas hat inzwischen erklärt, dieses Ziel sei „kaum noch erreichbar, auch nicht mit Einlagerungsraten von bis zu 1,2 Terawattstunden pro Tag“, dem höchsten je in Deutschland beobachteten Marktwert. Das gesetzliche Maximum ist damit rechnerisch außer Reichweite, selbst wenn der Markt auf absolutes Limit hochgefahren würde.

Das Ministerium räumt ein: „Oberste Priorität“

Am 19. August 2026 tat das Bundeswirtschaftsministerium etwas, was es bislang vermieden hatte: Es appellierte öffentlich an Gashändler, ihre gebuchten Kapazitäten zu nutzen. Ein Ministeriumssprecher bezeichnete die Gasversorgungssicherheit als „oberste Priorität“ und räumte ein, dass der Befüllungsstand „sehr niedrig“ sei.

Konkret geht es um Folgendes: Derzeit sind rund 74 bis 78 Prozent der deutschen Gasspeicherkapazitäten von Händlern gebucht. Was diese Händler mit ihren Kapazitäten machen, bleibt ihre kaufmännische Entscheidung. Das Ministerium hat keine direkten Weisungsbefugnisse gegenüber privaten Händlern und ist damit auf Appelle angewiesen.

BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae betont, dass das gesetzliche 80-Prozent-Ziel „zu einem gewissen Zeitpunkt physisch nicht mehr erreichbar“ sei, das gewichtete Ziel von 70 Prozent aber noch möglich bleibe, wenn auch „es wird immer enger.“ Der Verband warnt gleichzeitig vor staatlichen Gaseinkäufen als Preistreiber und spricht sich gegen das aus, was er „Panikmaßnahmen“ nennt.

Die Gasspeicherumlage und die Folgen ihrer Abschaffung

Den wirtschaftlichen Anreiz, der Händler in der Vergangenheit zur Einlagerung motivierte, gab es bis Ende 2025: die Gasspeicherumlage. Sie zahlte Speicherbetreibern einen Zuschuss, der kommerzielle Einlagerung auch bei ungünstigen Marktpreisen attraktiv machte. Wirtschaftsministerin Reiche schaffte die Umlage zum 1. Januar 2026 ab. Die Entlastung für Verbraucher und Unternehmen beträgt rund drei Milliarden Euro jährlich.

Die Kehrseite zeigt sich jetzt: Weil die Beschaffungskosten für Gas aktuell häufig über den erzielbaren Winterverkaufspreisen liegen, rechnet sich Einlagerung nicht. Händler kaufen kein Gas, das sie mit Verlust wieder verkaufen würden. Energieverbände und die Deutsche Umwelthilfe hatten zu Jahresbeginn auf genau diesen Zielkonflikt hingewiesen: Ohne finanziellen Anreiz entscheide allein der Marktpreis darüber, wie schnell die Speicher gefüllt werden. Das Ministerium hatte damals betont, die Versorgung bleibe stabil. Jetzt appelliert es an die Händler, was die Umlage einst strukturell sichergestellt hätte.

Was 60 Prozent Füllstand im November für Haushalte bedeutet

Der DVGW rechnet beim aktuellen Einlagerungstempo von rund 0,1 Prozentpunkten täglich mit einem Füllstand von etwa 60 Prozent zum 1. November. Das wäre 20 Prozentpunkte unter dem gesetzlichen Ziel.

Für einen normalen Winter ist ein Füllstand von 60 Prozent handhabbar. Haushalte müssen dann nicht mit Abschaltungen rechnen. Bei einem kalten Winter jedoch, wie er statistisch alle zehn bis fünfzehn Jahre vorkommt, drohen erhebliche Preissprünge und gezielte Drosselungen bei energieintensiven Industriebetrieben. Wer einen variablen Gastarif hat, muss bei Extremkälte mit spürbaren Aufschlägen rechnen.

INES geht noch weiter: Selbst wenn alle derzeit gebuchten Kapazitäten bis zum Winter vollständig gefüllt würden, reiche das gespeicherte Gasvolumen bei extrem niedrigen Temperaturen nicht aus, um die Versorgung vollständig abzusichern. Diese Einschätzung setzt voraus, dass die buchbaren Kapazitäten überhaupt ausgeschöpft werden, wofür es derzeit keinen wirtschaftlichen Anreiz gibt.

September und Oktober: Das letzte Fenster

Die Einlagerungssaison endet faktisch mit dem Oktober. Wenn die Temperaturen im November sinken, steigt die Nachfrage nach Gas und Einlagerung macht dann wirtschaftlich keinen Sinn mehr. Das Bundeswirtschaftsministerium hat angekündigt, eine strategische Gasreserve für künftige Versorgungssicherheit zu prüfen, die Finanzierungsfrage ist aber noch offen.

Am 1. November wird der Füllstand gesetzlich gemessen. Was dann unter 80 Prozent liegt, ist eine rechtliche Verfehlung, für die das Energiewirtschaftsgesetz keine direkten Sanktionen gegen private Händler vorsieht. Bis dahin muss das Ministerium entscheiden, ob öffentliche Appelle ausreichen oder ob es zu staatlichen Instrumenten greift, die der BDEW als kontraproduktiv ablehnt. Zwei Monate bleiben für diese Entscheidung.

Update 23. August, 09:12 Uhr: Die von Wirtschaftsministerin Reiche angekündigte strategische Gasreserve nimmt konkretere Formen an. Laut Branchenberichten sind 24 Terawattstunden geplant, rund zehn Prozent der deutschen Gesamtspeicherkapazität. Die Aufbaukosten werden auf 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro geschätzt, die Finanzierung soll über eine Umlage auf Gasverbraucher oder den Staatshaushalt erfolgen, die Entscheidung ist noch offen. Ursprünglich war ein Kabinettsbeschluss für Mitte August angepeilt, der sich jedoch verzögert hat. Für den Winter 2026/27 kommt die Reserve in jedem Fall zu spät: Die erste Befüllung ist erst für den Sommer 2027 geplant.

Update 24. August, 15:09 Uhr: Die Hormuskrise im Golf verschärft den Einlagerungsdruck zusätzlich. Die TTF-Gaspreise sind wegen der Hormusspannungen ungewöhnlich hoch, was die wirtschaftliche Logik der Einlagerung weiter untergräbt: Händler zahlen aktuell Sommerpreise, die über den erwarteten Winterverkaufspreisen liegen. Wer jetzt einlagert, rechnet mit Verlust. Das ZDF berichtet, das Ministerium halte 60 bis 70 Prozent zu Winterbeginn für ausreichend bei durchschnittlichem Temperaturverlauf, hält aber an 80 Prozent als Zielmarke fest. Diese Entwicklung macht das Winterziel noch unrealistischer als bisher.

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