GAZ Hybrid: 40 Behörden gegen Russlands verdeckten Krieg
Deutschland hat seit dem Ukrainekrieg eine Reihe von Koordinierungszentren aufgebaut: für Terrorismus, für Extremismus, für Cyberangriffe, für Drohnenabwehr. Am 16. Juni 2026 kam ein weiteres hinzu. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt eröffnete in Berlin das Gemeinsame Abwehrzentrum Hybrid, kurz GAZ Hybrid. Vierzig Bundes- und Landesbehörden arbeiten seither in einer gemeinsamen Plattform zusammen. Der Zeitpunkt war kaum zufällig: Einen Tag zuvor war der russische Satiriker Semyon Skrepetsky in Polen auf offener Straße erschossen worden.
Was das GAZ Hybrid ist
Das GAZ Hybrid ist keine neue Behörde mit eigenen Befugnissen. Es ist eine Koordinierungsplattform, die auf dem Gelände des Bundesamts für Verfassungsschutz in Berlin-Alt-Treptow angesiedelt ist. Ständige Teilnehmer sind das BfV mit seinen Landesbehörden, das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter, die Bundespolizei, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), der Militärische Abschirmdienst (MAD), der Bundesnachrichtendienst (BND), der Generalbundesanwalt und die Bundeszollverwaltung.
Das Modell ist in Deutschland erprobt: Das Gemeinsame Terrorabwehrzentrum (GTAZ) koordiniert seit 2004 die Terrorismusbekämpfung, das Gemeinsame Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum (GETZ) den Extremismusbereich, das Nationale Cyberabwehrzentrum (NCAZ) die Cyberangriffe, das Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) die Drohnenbedrohungen. Das GAZ Hybrid schließt eine Lücke für Bedrohungen, die absichtlich mehrere dieser Kategorien gleichzeitig bedienen.
Fünf Arbeitsgruppen, fünf Bedrohungstypen
Das GAZ Hybrid gliedert sich laut Bundesinnenministerium in fünf Arbeitsgruppen. Die erste erstellt kontinuierliche Lagebilder und sucht nach Mustern in Einzelmeldungen, die bei Behörden isoliert ankommen. Die zweite tauscht zeitkritische operative Erkenntnisse behördenübergreifend aus. Die dritte analysiert Desinformation und koordinierte Einflussnahme. Eine vierte Gruppe vernetzt Sicherheitsbehörden mit Unternehmen und Wirtschaftsverbänden, die häufig erste Ziele hybrider Angriffe sind. Die fünfte erstellt Tiefenanalysen konkreter Phänomene für Ermittlungen und Präventionsarbeit.
Zu den Kernaufgaben des Zentrums zählen laut BMI: Spionageabwehr, Sabotagebekämpfung, Desinformationsanalyse, Proliferationsabwehr und transnationale Repression. Dobrindt sprach bei der Eröffnung von einer dunklen Bedrohung, die durch hybride Mittel wirke, ohne die Schwelle eines förmlichen Angriffs zu überschreiten.
Russland als Hauptakteur
Das Bundesinnenministerium benennt Russland als den am häufigsten relevanten Akteur in diesem Bereich. Als einer der größten Unterstützer der Ukraine steht Deutschland im direkten Visier russischer Dienste. 2023 wurden Anschläge auf Bahninfrastruktur dokumentiert, die Ermittler dem GRU zuschrieben. In mehreren EU-Ländern brannten 2024 Logistikanlagen, die Rüstungsgüter für die Ukraine zwischenlagerten. Estland, Polen und Deutschland identifizierten in diesen Fällen russische Verbindungen.
Neben Russland nennt das BMI China, Iran und Nordkorea als relevante Akteure. Die Übergänge zwischen staatlicher Spionage, organisierter Kriminalität und hybrid motivierten Angriffen sind dabei fließend. Ein russischer Hacker, der im Auftrag des GRU eine deutsche Rüstungsfirma ausspioniert und gleichzeitig Desinformation über ihre Produkte verbreitet, ist ein Fall für das NCAZ, das GAZ Hybrid und die Staatsanwaltschaft gleichzeitig. Genau diese Überschneidung war bisher der blinde Fleck.
Was das Zentrum noch nicht löst
Die institutionelle Architektur des GAZ Hybrid wirft zwei ungelöste Fragen auf. Erstens: parlamentarische Kontrolle. Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags überwacht die Nachrichtendienste, die jeweiligen Landesgremien die Landesbehörden. Das GAZ Hybrid als koordinierende Plattform liegt in einem Kontrollgraubereich: Kein einzelnes Gremium hat den übergreifenden Blick auf die Aktivitäten aller beteiligten Behörden im Verbund. Das BMI hat angekündigt, eine Berichtspflicht gegenüber dem Parlamentarischen Kontrollgremium zu etablieren, die Modalitäten sind jedoch noch nicht festgelegt.
Zweitens: Informationsteilung in der Praxis. Die strukturellen Hürden zwischen Polizei- und Nachrichtendienstbehörden existieren in Deutschland aus historischen Gründen bewusst. Das GAZ Hybrid setzt die Bereitschaft aller Beteiligten voraus, Erkenntnisse tatsächlich zu teilen. Frühere Koordinierungszentren zeigten, dass institutionelles Misstrauen zwischen Behörden in der Praxis oft stärker wiegt als gesetzliche Pflichten.
Erste Bewährungsprobe läuft bereits
Die Morde an russischen Dissidenten in Europa häufen sich: Skrepetskys Erschießung in Polen reiht sich in eine Chronik ein, die Litwinenko in London (2006) und Skripal in Salisbury (2018) umfasst. Das gemeinsame Muster ist der plausibel verneinbare Auftrag mit wechselnden Tatwaffen und Nationalitäten der Täter. Das GAZ Hybrid hat die explizite Aufgabe, genau solche Operationen zu erkennen, zuzuordnen und Prävention zu ermöglichen. Russlands Operationstempo in Europa wird nicht darauf warten, dass das Zentrum seine Anlaufphase abschließt.
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