Erstmals die Hälfte: 51 Prozent der Welt sozial abgesichert
In den Jahren 2020 bis 2022 erreichten staatliche Notprogramme rund 1,7 Milliarden Menschen erstmals mit direkter finanzieller Unterstützung. Die Covid-Pandemie war nicht nur eine Katastrophe, sondern auch der stärkste Treiber für die Ausweitung sozialer Sicherungssysteme in der Geschichte. Das Ergebnis: Erstmals sind mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung durch mindestens ein staatliches System abgesichert. Die Weltbank belegt in ihrem State of Social Protection Report 2025 einen Anstieg von 41 Prozent im Jahr 2010 auf 51 Prozent im Jahr 2022. Der Bericht trägt den Untertitel „The 2-Billion-Person Challenge", denn so viele Menschen fallen noch immer durch jedes Netz.
Was „soziale Absicherung“ in diesem Bericht bedeutet
Der Begriff umfasst in der Weltbankmethodik alle staatlich organisierten Sicherungssysteme: Rente, Krankenversicherung, Arbeitslosenhilfe und Invaliditätshilfe, Kindergeld oder direkte Sozialtransfers. Schon wer einen einzigen dieser Ansprüche hat, gilt als „abgedeckt“. Das ist eine niedrige Schwelle. Der Bericht unterscheidet deshalb zwischen formal abgedeckt und angemessen geschützt. Nach dieser engeren Definition gelten zwei Milliarden Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen als nicht ausreichend abgesichert.

Für weite Teile Afrikas bedeutet „abgedeckt“ oft wenig mehr als nominelle Existenz eines Programms. Laut Weltbank haben in der Region nur rund 14 Prozent der Bevölkerung tatsächlich Zugang zu mindestens einem Sozialsystem. In Äthiopien etwa sind fünf Prozent erfasst, in Eswatini fast 40 Prozent. Die Unterschiede innerhalb des Kontinents sind enorm.
Wie zehn Prozentpunkte in zwölf Jahren gelangen
Den stärksten Beitrag leistete die Reaktion auf die Covid-Pandemie. Allein zwischen 2020 und 2022 erreichten staatliche Notprogramme 1,7 Milliarden Menschen in Entwicklungsländern, die zuvor keinerlei Sozialleistungen erhalten hatten. Dass viele dieser Systeme schnell skalieren konnten, hatte eine Voraussetzung: digitale Infrastruktur für Identifikation und Auszahlung.
Länder mit funktionierenden digitalen Systemen konnten Transferleistungen innerhalb von Wochen ausrollen. Bangladesch erreicht heute rund 30 Prozent seiner Haushalte mit Sozialtransfers, wie die Weltbank belegt. Äthiopiens Productive Safety Net Programme schützt rund acht Millionen Menschen in chronisch unterversorgten Regionen vor akutem Hunger. Diese Systeme waren nicht über Nacht entstanden, sondern über Jahrzehnte aufgebaut worden, oft mit langer internationaler Unterstützung.
Wo Milliarden weiter durchs Netz fallen
Drei Viertel der Menschen in einkommensschwachen Ländern haben überhaupt keinen Zugang zu sozialen Dienstleistungen. Gleichzeitig verlagert sich die extreme Armut geografisch. Während 2013 noch rund 50 Prozent der global Ärmsten in Südasien und Ostasien lebten, sind es heute nur noch 15 Prozent, weil Länder wie Indien und China erhebliche Fortschritte erzielt haben. In Afrika hingegen lebt heute mehr als die Hälfte der global extrem Armen, Tendenz steigend.
Kritiker des Berichts, darunter die Social Protection Floors Coalition, bemängeln, dass die Weltbank eine zu breite Definition von „Abdeckung“ verwendet und damit echte Schutzlücken verdeckt. Der Bericht selbst räumt ein, dass die Qualität der Systeme stark variiert und formale Abdeckung nicht mit realer Sicherheit gleichzusetzen ist.
Vergleichbare Fortschritte in der Geschichte
Der Sozialschutzmeilenstein reiht sich in eine Reihe historisch dokumentierter Fortschritte.
Die Rate extremer Armut, definiert als weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag, sank von rund 38 Prozent im Jahr 1990 auf unter neun Prozent im Jahr 2024, wie Our World in Data auf Basis von Weltbank-Daten zeigt. Weltweit fiel die Kindersterblichkeit unter Fünfjährigen von 12,8 Millionen Todesfällen im Jahr 1990 auf unter 5 Millionen im Jahr 2022 (UNICEF). Die Alphabetisierungsrate stieg von rund 56 Prozent Mitte des 20. Jahrhunderts auf über 87 Prozent heute (UNESCO). Alle drei Fortschritte beruhen auf demselben Mechanismus: staatliche Infrastruktur, langfristige Finanzierung und internationale Koordination.
Der Weltbank-Bericht argumentiert, dass Sozialschutzsysteme diese Trends nicht nur begleitet, sondern aktiv verstärkt haben: Haushalte mit stabilem Einkommensschutz investieren mehr in Bildung und Gesundheit ihrer Kinder, was den intergenerationalen Armutskreislauf durchbricht.
18 Jahre bis zur Vollabdeckung der Ärmsten
Die Weltbank beziffert den Rückstand auf 18 Jahre, um alle Menschen in extremer Armut zu erreichen und auf 20 Jahre, um die ärmsten 20 Prozent der Haushalte in Niedrigeinkommensländern einzubeziehen. Bis 2030 will die Organisation 500 Millionen weitere Menschen mit Sozialschutz erreichen, die Hälfte davon Frauen.
Drei Voraussetzungen nennt der Bericht dafür: höhere Staatseinnahmen in Entwicklungsländern (durch verbesserte Steuererhebung oder internationale Schuldenentlastung), digitale Basisinfrastruktur und politischer Wille. Der Meilenstein von 51 Prozent ist real. Er ist aber auch ein Spiegel: Für fast die Hälfte der Menschheit gehört ein staatliches Sicherheitsnetz noch immer nicht zur Realität.
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