Schüsse in Göttingen: Polizist außer Lebensgefahr
Mitten in Göttingen, während tausende Besucher des Stadtfestes einige hundert Meter entfernt feierten, fiel Samstagabend um 22:15 Uhr ein Schuss auf einen Polizisten. Der Beamte wurde schwer verletzt und schwebte zunächst in Lebensgefahr. Mehr als 36 Stunden später ist der Schütze noch immer flüchtig. Die Mordkommission bittet die Öffentlichkeit um Hinweise.
Konfrontation auf der Weender Landstraße
Polizeibeamte rückten in der Nacht zum Sonntag zu einer Auseinandersetzung im Bereich der Weender Landstraße aus. Die Straße gehört zu den Hauptverbindungsachsen der Göttinger Innenstadt und grenzt an die Bundesstraße 27, die aus der Stadt herausführt. Zwei rivalisierende Göttinger Großfamilien gerieten in Konflikt. Schüsse fielen. Mindestens ein Beamter wurde getroffen, schwer verletzt und mit akuter Lebensgefahr in ein Krankenhaus gebracht.
Am Sonntagmorgen gab Polizeipräsidentin Tanja Wulff-Bruhn Entwarnung: Der Beamte sei außer Lebensgefahr. „Wir wollen den Schützen kriegen“, sagte sie. Ein Großaufgebot der Polizei durchkämmte die Innenstadt, auch ein Hubschrauber kam zum Einsatz. Für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden, erklärte die Behörde. Die Nacht der Kulturen, die an jenem Abend tausende Besucher in die Innenstadt gezogen hatte, fand mehrere hundert Meter entfernt statt. Die Auseinandersetzung blieb auf die beteiligten Gruppen begrenzt, lokalisiert auf einem Gehweg neben der Bundesstraße 27.
Ob ein oder mehrere Schüsse auf den Beamten abgegeben wurden, war auch am Montag noch Teil der Ermittlungen. Nach Polizeiangaben wurde mit einer echten Schusswaffe gefeuert. Der oder die Täter konnten trotz sofortiger Großfahndung nicht gestellt werden.
Rivalisierende Familien und das Problem der Zeugen
Was die Polizei bisher über den Hintergrund sagt: Zwei rivalisierende Göttinger Großfamilien gerieten in Streit, der in Schüssen endete. Zu Herkunft, Identität und dem konkreten Auslöser der Konfrontation hat die Polizeidirektion aus ermittlungstaktischen Gründen keine näheren Angaben gemacht. Die Mordkommission ermittelt wegen versuchten Totschlags.
Das Niedersächsische Landeskriminalamt dokumentiert in einem jährlichen Lagebild Clangewalt in der Region. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle vermerkte darin wiederholt, dass Konflikte innerhalb familiärer Netzwerke häufig außerhalb des deutschen Rechtssystems ausgetragen werden: Polizeibehörden werden oft erst informiert, wenn die Eskalation so weit fortgeschritten ist, dass eine Vertuschung nicht mehr möglich ist. Göttingen gehört zu den vom LKA identifizierten Schwerpunkten in Niedersachsen. Im Göttinger Polizeibezirk wurden in der Vergangenheit Fälle mit familiären Netzwerken verschiedener Herkunft dokumentiert, darunter Strukturen mit Bezug zum Westbalkan und zum Nahen Osten.
Genau darin liegt die ermittlungstaktische Schwierigkeit dieses Falls: Zeugen aus dem Milieu rivalisierender Familiennetzwerke machen selten belastende Aussagen gegenüber der Polizei. Auch wenn Täter und Tatumstände dem näheren Umfeld bekannt sein sollten, führen innere Loyalitätsmuster dazu, dass verwertbare Hinweise von innen selten nach außen dringen. Die Mordkommission ist deshalb auf externe Beobachter angewiesen.
Innenministerin Behrens: „Wer angreift, verachtet den Rechtsstaat“
Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) äußerte sich öffentlich zu dem Vorfall. „Diese Eskalation der Gewalt ist erschreckend und absolut inakzeptabel“, erklärte sie. „Wer einen Polizisten auf so brutale Weise angreift, verachtet den Rechtsstaat und greift damit uns alle an.“ Sie stellte in Aussicht, die Ermittlungen engmaschig zu begleiten.
Der Vorfall reiht sich in einen bundesweiten Trend ein. Das Bundeskriminalamt verzeichnete für 2024 einen neuen Höchststand: 46.367 Gewalttaten gegen Polizeibeamte, von denen 106.875 Einsatzkräfte betroffen waren, ein Anstieg von 38,5 Prozent seit 2015. Schusswaffenangriffe auf Polizisten bei innerfamiliären Konflikten zwischen rivalisierenden Netzwerken bleiben dabei statistisch selten, sind jedoch nicht ohne Präzedenz: Im Juni 2026 schoss ein Mann in Dortmund bei einer Geiselnahme auf einen Beamten und traf ihn; die Schutzweste verhinderte Schlimmeres. In Göttingen war kein solcher Schutz wirksam genug, um einen schweren Verletzung zu verhindern. Der Beamte überlebte.
Mordkommission bittet um Zeugenhinweise aus der Weender Landstraße
Die Mordkommission der Polizeidirektion Göttingen sucht Personen, die in der Nacht zum Sonntag im Bereich der Weender Landstraße Beobachtungen gemacht haben: Wer hat Personen gesehen, die sich nach den Schüssen schnell entfernten? Wer kennt Fahrzeuge, die in auffälliger Weise aus dem Bereich fuhren?
Ein Fahndungserfolg nach mehr als 36 Stunden wird schwieriger, je länger die Täter unerkannt bleiben. Innenministerin Behrens hat signalisiert, dass das Land Niedersachsen hinter den eingesetzten Beamten steht. Sollte das Verfahren zur Anklage führen, wird es sich voraussichtlich auch mit den Strukturen jener rivalisierenden familiären Netzwerke auseinandersetzen müssen, die in Göttingen seit Jahren polizeibekannt sind. Ein Stadtfest in unmittelbarer Nähe hat das nicht verhindert.
Aktualisierungen
Update 17. Juni, 17:04 Uhr: Am Dienstagabend, 16. Juni, hat sich ein 16-jähriger Göttinger gemeinsam mit seinem Anwalt bei der Polizeidirektion Göttingen gestellt. Staatsanwaltschaft Braunschweig und Polizei Göttingen bestätigten das in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Gegen den Jugendlichen lag bereits ein europäischer Haftbefehl vor. Er ist dringend tatverdächtig, am Samstagabend bei der Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Großfamilien mehrere Schüsse abgefeuert zu haben, durch die der Polizeibeamte schwer verletzt wurde. Die Ermittlungen zum genauen Tathergang und zum Hintergrund der Tat dauern an.
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