Femizid an Brandenburger Schule: Zwei Tote
Gesellschaft

Femizid an Brandenburger Schule: Zwei Tote

Ein 19-Jähriger tötete am 27. August an einer Privatschule in Gosen-Neu Zittau seine Ex-Freundin und einen Erzieher mit einem Messer. Die Tat steht in einem Muster: 2024 wurde in Deutschland alle knapp drei Tage eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet.

Quellen (9)
  1. Tagesspiegeltagesspiegel.de
  2. t-online: Schule schockt Brandenburgt-online.de
  3. Stuttgarter Zeitungstuttgarter-zeitung.de
  4. t-online: Polizei kannte Verdächtigent-online.de
  5. IT Boltwise: Messerangriffit-boltwise.de
  6. Berliner Abendblatt: Gedenkgottesdienstberliner-abendblatt.de
  7. Staatsanwaltschaften Brandenburg: Haftantrag nach Tötungsverbrechenstaatsanwaltschaften.brandenburg.de
  8. BKA: Straftaten gegen Frauen 2024bka.de
  9. Nachrichten.at: Zwei Tote an Schulenachrichten.at
1. September 2026, 8:24 Uhr722 Wörter · 4 Min. Lesezeit

In der Docemus-Privatschule im brandenburgischen Gosen-Neu Zittau, einem Ort im Landkreis Oder-Spree rund 25 Kilometer südöstlich von Berlin, starben am 27. August 2026 zwei Menschen durch Messerstiche: eine 18-jährige Schülerin und ein 30-jähriger Erzieher. Der Beschuldigte, ein 19-jähriger Deutscher, ist der frühere Freund der Schülerin und wurde noch am Tatort festgenommen. Brandenburgs Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke nannte die Tat unmissverständlich: einen feigen Femizid.

Verhaftung am Tatort, Haftantrag am Folgetag

Die ersten Notrufe gingen um 13:45 Uhr bei der Polizei ein. Einsatzkräfte trafen wenig später an der Docemus-Schule ein, einer Privatschule im Ortsteil Neu Zittau. Sie nahmen den 19-jährigen Deutschen noch am Tatort fest. Beide Opfer starben trotz sofortiger medizinischer Versorgung noch vor Ort. Die zunächst kursierende Meldung über einen Amoklauf schlossen Ermittler schnell aus: Es handelt sich um eine Beziehungstat.

Am 28. August stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) Haftantrag wegen zweifachen Mordes aus niedrigen Beweggründen. Dieses Merkmal nach § 211 Strafgesetzbuch trifft auf Motive zu, die sittlich auf tiefster Stufe stehen, darunter die Weigerung, das Ende einer Beziehung zu akzeptieren. Der Beschuldigte soll seiner Ex-Freundin nachgestellt haben; er besuchte eine andere Schule in der nahegelegenen Stadt Erkner. Bei einer Verurteilung wegen zweifachen Mordes nach § 211 StGB droht lebenslange Freiheitsstrafe.

Ermittler bestätigten zudem, dass der 19-Jährige der Polizei nicht völlig unbekannt war. Im Jahr 2023 hatte er bei einem Fußballspiel einen verbotenen Gegenstand mitgebracht; die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren damals wegen Geringfügigkeit ein. Ob dieser Vorfall ein Frühwarnsignal hätte sein können, ist Teil der laufenden Ermittlungen.

Der Erzieher, der eingriff

Der 30-jährige Erzieher war nicht das eigentliche Ziel des Angriffs. Er bemerkte die Situation und schritt ein, um die Schülerin zu schützen. Er wurde dabei mit dem Messer attackiert und erlag seinen Verletzungen. Sein Tod ist rechtlich kein Kollateralschaden: Die Staatsanwaltschaft hat auch für seine Tötung Haftantrag wegen Mordes gestellt, ebenfalls mit dem Tatvorwurf der niedrigen Beweggründe.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach noch am Abend des 27. August sein Beileid aus: "Bei einem furchtbaren Angriff sind zwei Menschen ums Leben gekommen. Diese Tat erschüttert unser gesamtes Land." Innenminister Jan Redmann dankte den Einsatzkräften für das schnelle Eingreifen. Mehrere Hundert Menschen versammelten sich am selben Abend mit Kerzen und Blumen vor dem Schulgebäude. Die Docemus-Schule hat für den 3. September einen Gedenkgottesdienst angekündigt; für den 4. September ist eine weitere Gedenkveranstaltung mit Schweigeminute vor dem Schulgelände geplant.

Dass der Erzieher starb, weil er helfen wollte, ist ein Detail, das in der öffentlichen Reaktion besonders schwer wiegt. In der kriminologischen Literatur gilt das Einschreiten von Dritten als einer der wenigen empirisch belegten Faktoren, der Opfer von Beziehungsgewalt im entscheidenden Moment schützen kann. In Gosen-Neu Zittau kostete dieser Eingriff einen Unbeteiligten das Leben.

Knapp alle drei Tage eine Frau: Femizid als Muster

Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD) griff bewusst den Begriff "Femizid" auf, der in Deutschland rechtspolitisch umstritten ist. Er beschreibt die gezielte Tötung von Frauen, häufig durch (Ex-)Partner, die das Ende einer Beziehung nicht akzeptieren. Ob dieser Begriff Eingang ins Strafgesetzbuch finden sollte, ist seit Jahren Gegenstand politischer Auseinandersetzungen.

Die Häufigkeit solcher Taten zeigt der aktuelle Bericht des Bundeskriminalamts: Im Jahr 2024 wurden 132 Frauen durch ihren (Ex-)Partner getötet, statistisch gesehen eine Frau alle knapp drei Tage. Im Vorjahr 2023 waren es noch 155 Frauen. Die Gesamtzahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland stieg 2024 auf 265.942 Personen, ein neuer Höchststand. Rund 80 Prozent der Opfer von Partnerschaftsgewalt sind Frauen.

Befürwortende einer gesetzlichen Verankerung des Femizid-Begriffs argumentieren, die explizite Benennung des Musters schärfe das gesellschaftliche Bewusstsein und signalisiere, dass es sich nicht um tragische Einzelfälle handele, sondern um ein strukturelles Problem. Kritiker verweisen darauf, dass das geltende Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe denselben Sachverhalt bereits strafrechtlich erfasse und dass eine neue Kategorie keinen zusätzlichen Schutz biete. Der Fall in Gosen-Neu Zittau wird diese Debatte erneut befeuern.

Was in dieser Debatte oft fehlt: die Frage der Prävention. Partnerschaftsgewalt eskaliert selten abrupt; Stalking, Bedrohungen und Kontrollverhalten nach Trennungen sind häufige Vorläufer. Die Stellen, an denen Interventionen möglich wären, reichen von Beratungsangeboten über Täterarbeitsprogramme bis hin zu rechtlichen Schutzanordnungen. Wie gut diese Strukturen in Brandenburg aufgestellt sind, wird die politische Aufarbeitung der Tat zeigen müssen.

Hauptverhandlung in Frankfurt (Oder)

Das Verfahren liegt bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder). Der 19-Jährige befindet sich in Untersuchungshaft; das zuständige Landgericht hat noch keinen Hauptverhandlungstermin angesetzt. In Brandenburg ist die Tat einer der schwersten Kriminalfälle des Jahres: ein Femizid, begangen auf einem Schulgelände, mit dem Tod eines Erziehers, der helfen wollte.

Korrektur 17. September, 19:43 Uhr: Ein Zitat berichtigt. Ministerpräsident Woidke sagte nach übereinstimmenden Berichten: Bei einem furchtbaren Angriff sind zwei Menschen ums Leben gekommen.

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