
Brand im Hohen Venn: Entwarnung, aber Moor beschädigt
Quellen (13)
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Wikipedia: Großbrand im Hohen Venn 2026de.wikipedia.org
- ZDF Liveblog (Monschau Entwarnung)zdfheute.de
- ZDF Liveblog (Regen)zdfheute.de
- Aachener Zeitung (Liveblog)aachener-zeitung.de
- Ostbelgien Direkt (König Philippe)ostbelgiendirekt.be
- Ostbelgien Direkt (Erholung des Moores)ostbelgiendirekt.be
- ORF (Brand unter Kontrolle)orf.at
- Handelsblatt (Forstbeamter: unwiderruflich zerstört)handelsblatt.com
- BRF Nachrichten (Evakuierungen)brf.be
- Lokalo — Feuer eingekreist, noch nicht gelöscht (20. August)lokalo.de
- ZEIT Online Liveblog — Hitze und Waldbrände Europa 2026zeit.de
- Aachener Zeitung (Evakuierung aufgehoben, Regen)aachener-zeitung.de
Fünf Tage nach dem Ausbruch gibt es für die Eifelstadt Monschau vorerst Entwarnung: Der Brand im belgischen Naturschutzgebiet Hohes Venn ist nach Angaben des belgischen Innenministers Bernard Quintin an der Front in Richtung Deutschland teilweise unter Kontrolle gebracht. Im Hürtgenwald auf nordrhein-westfälischer Seite gilt das Feuer bereits als eingedämmt. Was bleibt, ist ein Schaden, der schwer zu beziffern ist: 3.200 Hektar Hochmoor und Heideland wurden seit dem 14. August vernichtet, mehr als bei jedem anderen Waldbrand in Belgien seit dem Jahr 1911.
Belgiens König Philippe besuchte am Montag das Krisenzentrum der Provinz in Vottem, um sich von den Verantwortlichen über die Lage informieren zu lassen und den Einsatzkräften seinen Dank auszusprechen. Rund 30 Bewohner der Monschauer Ortschaft Kalterherberg konnten am Dienstag noch nicht in ihre Häuser zurückkehren.
Fünf Tage, 3.200 Hektar
Der Brand brach am 14. August gegen Mittag im belgischen Teil des Naturparks Hohes Venn aus. Die Ausbreitung verlief rasend schnell: Bis zum Abend des 14. August brannten rund 100 Hektar, am Morgen des 15. August bereits 850 Hektar, am Abend 2.700 Hektar. Bis zum 18. August wuchs die Brandfläche auf rund 3.200 Hektar. In der belgischen Brandgeschichte war lediglich ein Feuer größer: 1911 brannten im selben Gebiet rund 3.900 Hektar.
Die Löscharbeiten gestalteten sich von Beginn an als internationales Großprojekt. Neben belgischen Feuerwehrkräften waren Chinook-Hubschrauber der Niederlande mit Bambi Buckets im Einsatz, die Bundeswehr entsandte NH90-Hubschrauber und Tschechien sowie Schweden schickten Einsatzkräfte. Die EU koordinierte über den europäischen Katastrophenschutzmechanismus Unterstützung. Auf der deutschen Seite kämpften mehr als 240 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Rettungsdiensten und Polizei. Auf der belgischen Seite mussten rund 600 Anwohner zeitweise evakuiert werden.
Die Feuerfront näherte sich der deutschen Grenze bis auf 300 Meter. Für Teile von Monschau-Kalterherberg ordneten die Behörden in der Nacht zum 16. August die sofortige Evakuierung von zwei Siedlungsgebieten an. Die Ausbreitung ließ nach, als Regen und nachlassende Winde die Lage vorübergehend entspannten. Für Dienstag wurden jedoch wieder stärkere Böen erwartet.
Warum Torfboden so schwer zu löschen ist
Die besondere Gefährlichkeit des Brandes liegt in der Beschaffenheit des Untergrunds. Das Hohe Venn ist kein gewöhnlicher Wald, sondern eine Hochmoor- und Heidelandschaft, in der jahrhundertealte Torfschichten den Boden bilden. Torf ist abgestorbenes, über Jahrtausende unter Luftabschluss angehäuftes pflanzliches Material. Er brennt nicht wie Holz, sondern glüht und schwelt unter der Oberfläche weiter, auch wenn die oberirdischen Flammen gelöscht sind. Schweres Löschgerät versinkt im Moor, der Hubschraubereinsatz wird zur wichtigsten Methode.
Erschwerend kommt hinzu, dass das Hohe Venn nach Jahrzehnten der Entwässerung seinen natürlichen Wasserschutz verloren hat. Der Moorlebensraum, der bei ausreichend hohem Wasserstand praktisch nicht brennt, hat sich durch historische Drainagesysteme verändert. Im Zuge von Renaturierungsprojekten wurden zwar 674 Kilometer an Drainagegräben in den vergangenen Jahren geschlossen. Doch der Hitzesommer 2026 mit anhaltender Trockenheit hat selbst für renaturierte Bereiche die Brandgefahr drastisch erhöht. Ein belgischer Forstbeamter bezeichnete den Verlust der Moorflächen als unwiderruflich zerstört.
Jahrtausende in zwei Wochen vernichtet
Für Moorforscher ist das Ausmaß des Schadens schwer einzuordnen. Tanja Sanders vom Thünen-Institut für Waldökosysteme erklärt, dass Moore anders brennen als Vegetation: Entscheidend sei, wie tief das Feuer in den Torfkörper eingedrungen ist. Waldvegetation kann sich innerhalb weniger Jahre erholen, ein komplexes Waldökosystem in einigen Jahrzehnten. Ein Torfkörper hingegen braucht Jahrhunderte bis Jahrtausende, um sich zu bilden. Was in der Hochmoorlandschaft des Hohen Venns über Jahrtausende gewachsen ist, kann durch ein einziges Feuer in Tagen vernichtet werden.
Holger Sticht, Landesvorsitzender des BUND in Nordrhein-Westfalen, verwies auf die Doppelfunktion des Moorlands: Intakte Hochmoore sind nicht nur Lebensraum für spezialisierte Pflanzen und Tiere, sondern auch bedeutende Kohlenstoffspeicher. Wenn Torf verbrennt, wird der gebundene Kohlenstoff als CO2 freigesetzt. Der Brand im Hohen Venn ist damit auch ein Klimaereignis: Er trägt zu denselben Emissionen bei, die Bedingungen für den nächsten Brand schaffen.
Das Paradoxon des Klimawandels zeigt sich hier besonders deutlich. Das Hohe Venn funktionierte Jahrtausende lang als natürlicher Brandschutz, wassergesättigt und nahezu unbrennbar. Der anhaltende Hitzesommer 2026 hat diese Schutzfunktion systematisch untergraben. Die Waldbrände dieser Saison sind nicht nur eine Folge des Klimawandels, sondern verstärken ihn durch freigesetzte Kohlenstoffemissionen.
Was jetzt für Monschau und Belgien folgt
Die Löscharbeiten sind nach Angaben der belgischen Behörden noch nicht abgeschlossen. Obwohl die Front in Richtung Monschau eingedämmt ist, bleiben zahlreiche Glutnester im Torfboden aktiv. Stärkere Winde, wie sie für Dienstag angekündigt wurden, können solche Glutnester schnell wieder zu offenen Bränden anfachen. Die rund 30 Bewohner aus Kalterherberg warten auf die endgültige Freigabe.
Für die Renaturierung des Hohen Venns stellt der Brand eine extreme Belastungsprobe dar. Jahrelange Bemühungen, die Wasserstände im Moor zu stabilisieren und Drainagen zu schließen, konnten nicht verhindern, dass ein ausreichend heißer und trockener Sommer das Ökosystem an seine Grenzen treibt. Nach Einschätzung mehrerer Experten wird die Frage, wie schnell sich das Hohe Venn erholt, davon abhängen, wie tief das Feuer in den Torfkörper eingedrungen ist. Klarheit darüber wird erst nach dem vollständigen Erlöschen möglich sein.
Aktualisierungen
Update 20. August, 12:09 Uhr: Die gesamte Brandzone im Hohen Venn ist inzwischen eingekreist. Regen, kühlere Temperaturen und eine höhere Luftfeuchtigkeit haben eine weitere Ausbreitung verhindert. Vollständige Entwarnung gibt es jedoch nicht: Im Torfboden des Moores können unterirdische Glutnester, sogenannte Zombiebrände, noch wochenlang weiterglimmen und jederzeit wieder aufflackern. Auch im Westerwald in Rheinland-Pfalz, wo ein separates Feuer ausgebrochen war, wurden die Evakuierungsmaßnahmen inzwischen aufgehoben.
Update 20. August, 18:05 Uhr: Die seit Sonntagnacht evakuierten Bewohner der Gebiete Ruitzhof und Geisberg im Monschauer Ortsteil Kalterherberg dürfen ab sofort in ihre Häuser zurückkehren. Die Stadtverwaltung Monschau hob die Evakuierungsanordnung für mehrere Straßen am Mittwochnachmittag auf; rund 30 Bewohner aus 17 Häusern sind betroffen. Für den Abend wird starker Regen erwartet, der die Löscharbeiten weiter erleichtern soll. Unterirdische Glutnester im Torfboden gelten weiterhin als Risiko.
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