
IG Metall plant Lohnaufschlag für Boom-Branchen
Quellen (7)
- Handelsblatt: IG-Metaller fordern Flexibilität nach unten und obenhandelsblatt.com
- Handelsblatt: Kommentar — Zuschläge nur in Boom-Branchen? Eine gute Ideehandelsblatt.com
- hasepost: IG Metall plant renditeabhängige Gehaltsaufschlägehasepost.de
- ad-hoc-news: Metall-Tarifrunde — 3,7 Millionen kämpfen ab Oktober um Löhnead-hoc-news.de
- IG Metall: Tarifrunde Metall- und Elektroindustrieigmetall.de
- tixio: IG Metall erwägt flexible Gehaltsaufschläge für Betriebetixio.de
- IG Metall Niedersachsen-Sachsen-Anhalt: Verhandlungen Metall- und Elektroindustrie 2026nieder-sachsen-anhalt.igmetall.de
Rüstungsfirmen schreiben Rekordgewinne, Automobilhersteller bauen Zehntausende Stellen ab: Die Metallbranche ist tief gespalten. Vor der Herbst-Tarifrunde 2026, die für 3,8 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie gilt, schlagen zwei regionale IG-Metall-Bezirksleiter, darunter Daniel Friedrich vom Bezirk Küste, ein Modell vor, das den Tarifvertrag nach Unternehmensrendite staffelt. Profitable Betriebe sollen Lohnaufschläge zahlen, die Krisenbranchen entlasten. Es wäre eine der grundlegendsten Änderungen an der Tarifarchitektur der Metallbranche seit Jahrzehnten.
Die Spaltung der Metallbranche
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall beziffert den Stellenabbau in der Metall- und Elektroindustrie seit 2019 auf knapp 340.000 Jobs. Das trifft vor allem Automobilhersteller und ihre Zulieferer, die mit dem Strukturwandel zur Elektromobilität, gesunkener Nachfrage und asiatischer Konkurrenz kämpfen. Volkswagen, Mercedes und BMW haben in den vergangenen Jahren erheblich Personal abgebaut oder Produktionskapazitäten eingefroren.
Gleichzeitig prosperieren andere Teilsektoren der gleichen Branche. Die Rüstungsindustrie verzeichnet durch die europäische Aufrüstung infolge des Ukrainekriegs volle Auftragsbücher. Medizintechnikunternehmen, Luft- und Raumfahrtfirmen sowie Energietechnikhersteller profitieren von langfristigen Megatrends. Siemens und viele mittelständische Spezialisten, die sogenannten Hidden Champions im Maschinenbau, befinden sich in einer grundlegend anderen Lage als ein Automobilzulieferer in der Lausitz.
Das Problem für die IG Metall: Ein Flächentarifvertrag, der für alle gleich gilt, kann dieser Spaltung strukturell nicht gerecht werden. Ein Abschluss, der die Gewinnsituation der Boom-Branchen spiegelt, überfordert die Krisenbetriebe. Ein Abschluss, der auf die Krisenrealität der Autoindustrie zugeschnitten ist, verschenkt Verteilungsspielraum in den profitablen Segmenten.
Das neue Modell: Rendite bestimmt den Aufschlag
Die Antwort der beiden Bezirksleiter: Der allgemeine Tarifabschluss, der für alle 3,8 Millionen Beschäftigten gilt, fiele moderat aus. Dafür würden Unternehmen ab einem bestimmten Renditeniveau automatisch verpflichtet, ihren Beschäftigten einen Lohnaufschlag zu zahlen. Die Profite der Boom-Unternehmen kämen unmittelbar bei den Arbeitnehmern an, ohne die Krisenbetriebe mit einem einheitlich hohen Abschluss zu belasten.
Das Prinzip ist nicht völlig neu. Im geltenden Flächentarifvertrag der Branche können Unternehmen, deren Nettoumsatzrendite 2,3 Prozent oder weniger beträgt, das Transformationsgeld (18,4 Prozent eines Monatsentgelts) verschieben, kürzen oder streichen. Die IG Metall will jetzt die Gegenseite dieser Flexibilität etablieren: eine automatische Aufwärtskorrektur bei überdurchschnittlicher Profitabilität. Beschäftigte in Rüstungsfirmen, Luft- und Raumfahrtunternehmen, Medizintechnik, Energietechnik und Maschinenbau-Hidden-Champions sollen profitieren. Das Handelsblatt kommentiert den Vorschlag als „gute Idee“: Er schütze Beschäftigte in Krisenbetrieben vor überzogenen Tariferhöhungen und sichere trotzdem, dass Gewinne in der Boombranche nicht spurlos an den Arbeitnehmern vorbeigehen.
Was Arbeitgeber und Gewerkschaft trennt
Gesamtmetall hat sich zu diesem Vorschlag noch nicht öffentlich positioniert. Der Arbeitgeberverband hat in den vergangenen Tarifrunden grundsätzlich Flexibilität befürwortet, sofern sie nach unten geht. Ob eine symmetrische Flexibilität, also auch nach oben, auf Zustimmung trifft, ist offen. Arbeitgeber könnten argumentieren, dass renditeabhängige Lohnpflichten die Planungssicherheit von Unternehmen einschränken und in ertragsstarken Jahren den Aufschwung bremsen.
Gewerkschaftsintern ist die Debatte über den richtigen Weg nicht abgeschlossen. Das klassische Solidaritätsprinzip in Einheitsgewerkschaften wie der IG Metall lautet: Ein Tarifvertrag gilt für alle gleich, unabhängig vom Unternehmensgewinn. Das stärkt die schwächsten Betriebe und verhindert, dass Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt werden. Das neue Modell durchbricht diesen Konsens. Für Beschäftigte in der Rüstungsindustrie, die von Kriegskonjunktur profitieren, ist das ein Gewinn. Für Automobilbeschäftigte, die sowieso unter Druck stehen, ändert sich möglicherweise wenig zum Besseren. Als möglichen Schwellenwert haben die Bezirksleiter eine Umsatzrendite von 4,6 Prozent ins Gespräch gebracht, ab der eine Sonderzahlung verdoppelt würde.
Friedenspflicht endet am 31. Oktober
Im September entscheiden die Tarifkommissionen aller sieben IG-Metall-Bezirke über die konkreten Forderungen, die der Vorstand dann als gemeinsame Tarifforderung für die Oktober-Verhandlungen verabschiedet. Der bestehende Flächentarifvertrag aus dem November 2024 läuft Ende Oktober 2026 aus. Die Friedenspflicht endet am 31. Oktober um Mitternacht. Ab dem 1. November sind Warnstreiks rechtlich möglich.
Für 3,8 Millionen Beschäftigte entscheiden die nächsten Wochen, mit welchem Modell sie in die Verhandlungen gehen. Das neue Modell ist ein Signal, dass die IG Metall die Heterogenität der Branche nicht mehr mit einem einfachen Einheitssatz abdecken will. Ob daraus tatsächlich ein neues Tarifprinzip wird oder ob es in den Verhandlungen mit Gesamtmetall aufgerieben wird, wird die Herbstrunde zeigen.
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