Irans Hinrichtungswelle: 28 Demonstranten seit März getötet
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Irans Hinrichtungswelle: 28 Demonstranten seit März getötet

Seit den Protesten zum Jahreswechsel 2025/26 hat Iran mindestens 28 Demonstranten hingerichtet. Mindestens 60 weitere warten auf ihre Vollstreckung. Deutschland und mehr als 30 weitere Länder haben die Exekutionen verurteilt.

Quellen (10)
  1. Shabtabnews: Shahram Sadeghi 27th protester executedenglish.shabtabnews.com
  2. Amnesty International: End escalating campaign (Juli 2026)amnesty.org
  3. Amnesty UK: 60 lives at riskamnesty.org.uk
  4. Euronews: Isfahan public executions Juli 28euronews.com
  5. Beck Aktuell: Deutschland + 30 Länder verurteilen Hinrichtungenbeck-aktuell.de
  6. T-Online: Iran legt britisches Kraftwerk lahmt-online.de
  7. Iran Journal: Hinrichtung Sadeghiiranjournal.org
  8. Tagesspiegel: Hinrichtungswelle im Irantagesspiegel.de
  9. Hengaw: Execution Shahram Sadeghi Karajhengaw.net
  10. Amnesty International: Further Information protesters at riskamnesty.org
24. August 2026, 9:30 Uhr843 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 16. August wurde Shahram Sadeghi in Karaj gehängt. Der Demonstrant war wegen des Vorwurfs verurteilt worden, am 8. Januar sein Auto in Sicherheitskräfte gelenkt zu haben. Sein Todesurteil erging am 30. Mai, erpresst durch Geständnisse, die nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen unter Folter entstanden. Sadeghi war der 27. Mensch, den Iran seit März 2026 für seine Beteiligung an den Januarprotesten hingerichtet hatte. Am 20. August folgte der 28.: Ghaem Hosseini, ein 21-jähriger afghanischer Staatsangehöriger. Mindestens 60 weitere warten auf die Vollstreckung.

Was hinter den Protesten steckt

Ende Dezember 2025 brachen in Iran landesweite Massenproteste aus; sie hielten bis Mitte Januar 2026 an. Auslöser war die galoppierende Inflation und eine tiefe Wirtschaftskrise, die breite Bevölkerungsschichten in die Armut trieb. Die Sicherheitskräfte reagierten mit Massenverhaftungen. Amnesty International dokumentierte mindestens 26 Hinrichtungen in Verbindung mit den Januarprotesten bis Ende Juli 2026 und warnt, die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, da Familien aus Angst vor Repressalien häufig schweigen.

Die Revolutionsgerichte, die für politische Strafverfahren zuständig sind, verhängten die Todesurteile in beschleunigten Verfahren. Die unter Zwang entstandenen Geständnisse wurden in einigen Fällen vor Prozessbeginn im Staatsfernsehen ausgestrahlt. Das Muster ähnelt dem, das Iran nach den Protesten von 2022 (Mahsa Amini) anwandte: Todesstrafe als Abschreckungsmittel gegen politischen Widerstand.

Schauprozesse in Isfahan und öffentliche Vollstreckungen

Öffentliche Vollstreckungen fanden am 28. Juli in Isfahan statt. Amir Hossein Safari und Abolfazl Sepahi wurden öffentlich gehängt, obwohl UN-Sonderberichterstatter und die UN-Untersuchungsmission zuvor explizit gefordert hatten, die Hinrichtungen zu stoppen. Zuschauer riefen „Ehrlos, ehrlos!" in Richtung der Vollstrecker; Sicherheitskräfte lösten die Menge mit Tränengas auf. Neun Tage zuvor, am 19. Juli, waren bereits Erfan Esfandiari und Gol-Mohammad Mohammadi aus demselben Verfahrenskomplex hingerichtet worden.

In Isfahan warten laut Menschenrechtsorganisationen mehr als 70 Personen aus den Protest-Verfahren im Zentralgefängnis Isfahan auf die Vollstreckung. Amnesty International hat mindestens 60 Menschen identifiziert, die nach eigener Einschätzung in akuter Gefahr einer unmittelbaren Hinrichtung stehen, darunter Personen, die zur Zeit ihrer angeblichen Tat noch minderjährig waren.

Systematische Folter als Beweisgrundlage

Die iranische Justiz nutzt Geständnisse, die unter Haft und Folter entstanden, als primäre Beweisgrundlage. Verteidiger haben in mehreren dokumentierten Fällen erklärt, ihre Mandanten hätten keine Möglichkeit gehabt, die Geständnisse zu widerrufen. Die Revolutionsgerichte lehnten Einwände systematisch ab.

Amnesty International sprach in seiner Erklärung vom Juli 2026 von einer „eskalierenden Kampagne willkürlicher Hinrichtungen", die darauf abziele, politischen Widerstand zu unterdrücken. Die Organisation fordert einen sofortigen Stopp aller geplanten Hinrichtungen und ein formales Moratorium auf alle Exekutionen.

Internationale Verurteilung und iranische Gegenangriffe

Deutschland und mehr als 30 weitere Staaten haben die Hinrichtungen gemeinsam verurteilt und die Todesstrafe als politisches Unterdrückungsmittel als Verstoß gegen das internationale Recht bezeichnet.

Im selben Zeitraum eskalierte Iran auch digital. Iranische Hackergruppen legten ein britisches Kraftwerk für vier Tage lahm, laut britischen Medienberichten, darunter dem Telegraph, das erste Mal, dass Iran eine solche Einrichtung in Großbritannien zur Schließung zwang. Die britische Regierung bestätigte den Vorfall, bezeichnete die Anlage als „sehr klein" und versicherte, die Stromversorgung des Landes sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen.

60 Namen auf der Todesliste

Die Liste der 60 Menschen, die nach Amnesty-Dokumentation in akuter Gefahr stehen, umfasst Demonstranten unterschiedlichen Alters und Hintergrunds. Drei von ihnen sollen zur Zeit ihrer angeblichen Vergehen noch minderjährig gewesen sein. Das Mindestalter für die Todesstrafe ist in Iran seit der Islamischen Revolution umstritten; die Justiz hat wiederholt jugendliche Täter hingerichtet, sobald sie das Erwachsenenalter erreicht hatten.

Der UN-Menschenrechtsrat hatte im Januar 2026 mit 25 Stimmen das Mandat der UN-Untersuchungsmission zu Iran um zwei weitere Jahre verlängert. Ob das Gremium zu weiteren Maßnahmen schreiten kann, ist fraglich: China hat Resolutionen zu Iran in der Vergangenheit abgelehnt; Russland ist seit seiner Suspendierung im April 2022 nicht mehr Mitglied des Gremiums. Amnesty International fordert einen universellen Zugang zu den Gefängnissen, in denen die Verurteilten festgehalten werden. Iran hat diesen Zugang bislang vollständig verweigert.

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