Erster Wildtierkorridor Südamerikas verbindet vier Länder
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Erster Wildtierkorridor Südamerikas verbindet vier Länder

Vier südamerikanische Naturschutzorganisationen verbinden erstmals Schutzgebiete in Argentinien, Bolivien, Brasilien und Paraguay. Die Jaguar Rivers Initiative soll bis 2030 mindestens 1.200 Quadratkilometer schützen und 34 Millionen Tonnen gespeicherten Kohlenstoff sichern.

29. Juni 2026, 8:45 Uhr 843 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Der Jaguar gilt als Schlüsselart: Wo er dauerhaft überlebt, sind Ökosysteme weitgehend intakt. Seit Oktober 2025 versuchen vier südamerikanische Naturschutzorganisationen, aus dieser Logik ein kontinentales Schutzprogramm zu machen. Die Jaguar Rivers Initiative verbindet erstmals Naturschutzgebiete in Argentinien, Bolivien, Brasilien und Paraguay zu einem zusammenhängenden Korridor im Einzugsgebiet des Paraná. Es ist Südamerikas erster länderübergreifender Wildtierkorridor dieser Dimension.

Was das Paraná-Becken zusammenhält

Das Paraná-Flusssystem ist das zweitgrößte Flussnetz Südamerikas nach dem Amazonas. Das Einzugsgebiet umfasst rund 2,5 Millionen Quadratkilometer, eine Fläche rund anderthalbmal so groß wie Alaska. Es verbindet vier Länder durch ein Netz aus Feuchtgebieten, Wäldern und Savannenlandschaften und beherbergt laut Schätzungen der Partnerorganisationen über 3.000 Wirbeltierarten.

artenschutz

Die Initiative beziffert das Klimarisiko des Gebiets konkret: Rund 34 Millionen Tonnen Kohlenstoff stehen durch Entwaldung, Brände und Landnutzungsänderungen im Einzugsgebiet unter Freisetzungsdruck. Der Jaguar als sogenannte Schirmart bietet dabei eine messbare Orientierung: Populationen auf gesunder Basis zeigen an, dass Beute, Vegetation und Wasserhaushalt im Gleichgewicht sind. Wo Jaguare überleben, funktioniert das Ökosystem.

Das Besondere an der Initiative ist die Wahl des Paraná als Verbindungsachse. Flüsse galten in der Naturschutzplanung oft als Barrieren zwischen isolierten Gebieten. Die Jaguar Rivers Initiative kehrt diese Logik um: Flüsse und Überschwemmungsgebiete werden zum Korridor zwischen den Kernschutzgebieten der vier Länder.

Vier Organisationen, vier Jahrzehnte getrennte Arbeit

Was die Initiative methodisch von früheren Ansätzen unterscheidet, ist ihr empirischer Unterbau. Jede der vier beteiligten Organisationen bringt jahrzehntelange Feldarbeit im eigenen nationalen Kontext mit, ohne bislang grenzüberschreitend koordiniert zu haben.

Onçafari aus Brasilien hat seit 2011 im Pantanal und im Atlantischen Küstenwald Jaguar-Schutzprojekte aufgebaut. Im Caiman Ecological Refuge im Pantanal stiegen die Jaguar-Sichtungen von rund zwei pro Jahr auf über 1.200, nach Angaben der Organisation. Der Anteil der Gäste, die einen Jaguar zu Gesicht bekamen, wuchs von 16 Prozent im Jahr 2013 auf nahezu 100 Prozent zehn Jahre später. Die lokale Jaguar-Population wuchs laut Onçafari um 580 Prozent seit Projektbeginn. Möglich wurde das, weil Rancher zunehmend erkannten, dass lebende Jaguare als Ökotourismusattraktion mehr einbringen als verfolgte.

Rewilding Argentina blickt auf eine 25-jährige Geschichte zurück und hat den Jaguar in das Iberá-Feuchtgebiet in der Provinz Corrientes zurückgeführt, von wo die Art in den 1970er Jahren verschwunden war. Nativa aus Bolivien arbeitet seit 22 Jahren in artenreichen Ökosystemen des bolivianischen Tieflandes. Die Fundación Moisés Bertoni aus Paraguay verwaltet seit 35 Jahren das größte Privatnaturschutzgebiet des Landes, den Mbaracayú Forest. Diese Organisationen haben gemeinsam, dass sie jeweils in ihrem nationalen Kontext messbare Erfolge erzielt haben, bislang aber ohne gemeinsame Flächenziele arbeiteten.

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Was 2030 erreicht sein soll

Das erklärte Ziel der Jaguar Rivers Initiative bis 2030: mindestens 1.200 Quadratkilometer neues Schutzgebiet in den vier Ländern. Die Initiative arbeitet nach einem Vier-Säulen-Modell. Arks sind intakte Kerngebiete mit funktionierenden Jaguar-Populationen. Buffer Areas sind angrenzende Wirtschaftsflächen, die durch naturverträgliche Einkommensquellen aus dem Entwaldungsdruck genommen werden. Stepping-Stones sind kleine Refugien zwischen den Kerngebieten, die Tieren als Zwischenstationen dienen. Rivers und Floodplains bilden die Bewegungskorridore.

Die globale Jaguarpopulation wird nach einer 2025 in einer Fachzeitschrift veröffentlichten Neuschätzung auf rund 173.000 Tiere beziffert, deutlich mehr als die frühere IUCN-Schätzung von 64.000. Den größten Anteil stellt das Amazonasbecken mit rund 57.000 Tieren in geschützten Gebieten. Die IUCN listet die Art als Near Threatened, betont aber, dass die Population insgesamt rückläufig ist. Das Paraná-Becken als zweiter großer Lebensraum war historisch stark fragmentiert und gilt als Prioritätsgebiet für Konnektivitätsprojekte.

Wer dem Jaguar-Modell folgen könnte

Rewilding Europe unterhält länderübergreifende Projekte, darunter das Oder-Delta zwischen Deutschland und Polen sowie Revitalisierungsprojekte in den Karpaten, die Rumänien, Polen und die Slowakei berühren. Was fehlt, ist ein ähnlich koordinierter institutioneller Rahmen mit gemeinsamen messbaren Flächenzielen über vier Länder hinweg. Europa hat die einzelnen Naturschutzinstitutionen, aber noch kein Dachprojekt mit dem Verbindungsanspruch der Jaguar Rivers Initiative.

Als methodisches Vorbild auf dem nordamerikanischen Kontinent gilt die Yellowstone-to-Yukon Conservation Initiative (Y2Y), die seit den 1990er Jahren einen Korridor von Yellowstone bis Alaska entlang der Rocky Mountains aufbaut. Y2Y umfasst heute über 3.200 Kilometer und mehr als 700 Partnerorganisationen und zeigt, dass solche Strukturen tragfähig werden können. Der Unterschied zur Jaguar Rivers Initiative: Das Paraná-Becken ermöglicht Konnektivität auf kürzerer Distanz, weil das Flusssystem als natürliche Verbindungsachse dient.

Innerhalb Südamerikas selbst sehen Naturschützer Potenzial für eine Ausweitung in Richtung Kolumbien und Peru, wo das Amazonasbecken die globale Jaguar-Hauptpopulation beherbergt. Ob die Initiative diesen Schritt geht, hängt von der Finanzierung der laufenden Arbeit in den vier Gründungsländern ab. Die erste Phase bis 2030 gilt als entscheidend: Wenn die 1.200-Quadratkilometer-Marke erreicht und biologische Konnektivität messbar wird, steht das Modell auf einer Grundlage, die andere Regionen übernehmen können.

Quellen (9)

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