Zwölf U-Boote für Kanada: TKMS schlägt Südkorea
Zwölf neue Unterseeboote für die Royal Canadian Navy, gebaut in deutschen Werften: Premierminister Mark Carney gab am Montag in Halifax bekannt, dass ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) den Zuschlag für das Canadian Patrol Submarine Project (CPSP) erhält. Das Auftragsvolumen könnte sich über drei Jahrzehnte auf bis zu 100 Milliarden kanadische Dollar summieren. Der südkoreanische Mitbewerber Hanwha Ocean unterlag.
Eine veraltete Flotte und ein jahrzehntelanger Reformbedarf
Die Royal Canadian Navy betreibt seit 2000 vier gebrauchte Unterseeboote der britischen Upholder-Klasse, die sie unter dem Namen Victoria-Klasse weiterführt. Die Fahrzeuge wurden in den 1980er-Jahren für die Royal Navy gebaut. Sie gelten als störungsanfällig, sind nicht für arktische Bedingungen ausgerüstet und oft nur eingeschränkt einsatzbereit. Für ein Land mit der längsten Küstenlinie der Welt und ausgedehnten arktischen Gewässern ist das ein strukturelles Sicherheitsdefizit.
Das CPSP sollte diese Flotte vollständig ersetzen. Ausgeschrieben wurden bis zu zwölf neue Unterseeboote inklusive Ausrüstung, Ausbildung, Wartung und Betrieb. Parallel hatte Kanada zugesagt, seine Verteidigungsausgaben bis 2035 auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Die U-Boot-Bestellung ist der bislang konkreteste Schritt auf diesem Weg.
Wie TKMS Hanwha Ocean schlug
Im Endauswahlverfahren standen zwei Anbieter gegenüber: TKMS aus Kiel und Wismar sowie Hanwha Ocean aus Südkorea. TKMS trat gemeinsam mit Norwegen auf. Die Offerte wurde als bilaterales staatliches Angebot eingereicht, Berlin und Oslo stehen damit mit staatlichen Garantien hinter der Lieferverpflichtung.
TKMS bietet den Typ 212CD an. Das U-Boot ist 73 Meter lang, verdrängt getaucht 2.800 Tonnen und kombiniert Dieselmotoren mit Lithium-Ionen-Akkumulatoren sowie einem luftunabhängigen Antriebssystem auf Basis von Wasserstoffbrennstoffzellen. Nach TKMS-Angaben kann der Typ 212CD bis zu 41 Tage ohne Auftauchen operieren, was ihn für arktische Langstreckenmissionen besonders geeignet macht. Deutschland und Norwegen betreiben diesen Typ bereits in ihren eigenen Marinen, was gemeinsame Logistikstrukturen und Ausbildungsstrukturen ermöglicht.
TKMS' Wirtschaftspaket war ein zentraler Faktor. Das Unternehmen projiziert laut Unterlagen für das Auswahlverfahren einen Beitrag von 86 Milliarden kanadischen Dollar zum BIP Kanadas über die Programmlaufzeit sowie mehr als 650.000 Arbeitsjahre in der kanadischen Industrie. Hanwha Ocean, das in südkoreanischen Werften produziert, konnte kein vergleichbares Inlandsinvestmentpaket bieten.
Was der Auftrag für Wismar bedeutet
Die Konsequenzen für den TKMS-Standort Wismar in Mecklenburg-Vorpommern sind unmittelbar spürbar. TKMS hat den Serienproduktionsbeginn auf September 2026 vorgezogen. Eine neue Druckkörperfertigungslinie kostet mehr als 100 Millionen Euro. Insgesamt sind Investitionen von über 200 Millionen Euro für den Standort geplant, der sich zu einem spezialisierten Hybridstandort für nichtatomare Unterwasserschiffe entwickeln soll.
Die ersten vier Unterseeboote für Kanada sollen bis 2034 geliefert werden. Bis zur Auslieferung laufen formale Vertragsverhandlungen, Spezifikationsanpassungen und Zertifizierungsprozesse nach kanadischen Normen. Deutschland und Norwegen bauen denselben Typ für ihre eigenen Flotten, was die Entwicklungskosten für die kanadische Variante erheblich reduziert.
Hanwha Ocean hatte jahrelang intensiv für den Auftrag geworben, mit Werftbesuchen, Partnerschaftsangeboten und einem aggressiven Preisangebot. Südkoreas Rüstungsindustrie, die sich seit Jahren als Alternative zu europäischen Anbietern positioniert, verliert damit einen Referenzauftrag, der auch für zukünftige NATO-Ausschreibungen von Bedeutung gewesen wäre.
Carney in Halifax, Vertrag in den kommenden Wochen
Carney wählte Halifax als Verkündungsort bewusst. Die Hafenstadt beherbergt das atlantische Hauptquartier der Royal Canadian Navy und steht symbolisch für Kanadas maritimen Verteidigungsanspruch. Direkt nach der Pressekonferenz flog Carney zum NATO-Gipfel nach Ankara weiter. Das Timing war politisch kalkuliert: Kanada rüstet auf und tut das im Schulterschluss mit europäischen NATO-Partnern.
Formale Vertragsverhandlungen zwischen Ottawa und TKMS sollen in den kommenden Wochen beginnen. TKMS hat die Werftinvestitionen in Wismar bereits vor dem formalen Vertragsschluss eingeleitet, ein Signal, das Lieferkompetenz demonstrieren soll. Wer bereit ist, vor Unterzeichnung zu investieren, verschafft sich einen Verhandlungsvorteil. Die Auslieferung der ersten vier U-Boote ist für 2034 angesetzt, ein Jahrzehnt, in dem sich die Sicherheitslage im Nordatlantik und in der Arktis weiter verändern dürfte.
Aktualisierungen
Update 7. Juli, 23:14 Uhr: Verteidigungsminister Boris Pistorius begrüßte die kanadische Entscheidung am Dienstag als strategischen Meilenstein. Deutschland, Norwegen und Kanada würden gemeinsam "die weltweit größte und modernste konventionelle U-Boot-Flotte aufbauen", sagte Pistorius. Die kombinierte Flotte von rund 24 Booten soll Aufklärung im Nordatlantik, in der Arktis und im Nordpolarmeer ermöglichen und die Informationsaustauschdichte unter den drei NATO-Partnern erhöhen. Kanzler Friedrich Merz wertete die Entscheidung als "starkes Zeichen transatlantischer und europäischer Zusammenarbeit in der Verteidigungsindustrie". Der geopolitische Hintergrund: Kanada bezieht traditionell rund 80 Prozent seiner Rüstungsgüter aus den USA. Das Verhältnis zu Washington ist seit der zweiten Amtszeit von Präsident Trump schwer belastet. Die TKMS-Entscheidung ist ein konkretes Signal der Diversifizierung. Hanwha Ocean reagierte mit einem öffentlichen Statement: "Trotz aller Anstrengungen konnten wir die Barriere, die das NATO-Bündnis darstellt, nicht überwinden." Südkorea gilt als NATO-Partnerland, ist aber kein Vollmitglied, was bei staatlichen Beschaffungen ein struktureller Nachteil ist.
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