Kolumbien gegen Kolumbien: Söldner auf beiden Fronten
John Edward Villarreal ist seit September 2025 verschwunden, zuletzt gesehen nach einem Bombardement im Osten der Ukraine. Seine Ehefrau Sarai Vera sagte gegenüber Euronews, es sei „eine Frage des Geldes“ gewesen. Kolumbianer hätten auf dem Schlachtfeld Kolumbianer angegriffen. Diese Aussage beschreibt eine Entwicklung, die sich in vier Kriegsjahren im Verborgenen vollzogen hat: Tausende Kolumbianer kämpfen in einem Krieg tausende Kilometer entfernt, auf beiden Seiten der Front.
Zwölf Millionen Pesos im Monat
Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 haben nach Recherchen des ukrainischen Portals NV rund 7.000 Kolumbianer in den ukrainischen Streitkräften gedient. Zwischen 1.000 und 2.000 sollen noch im Einsatz sein. Der Atlantic Council schätzt den kolumbianischen Anteil auf rund 25 Prozent aller ausländischen Kämpfer in ukrainischen Verbänden, andere Medienberichte gehen von bis zu 40 Prozent aus. Was die Zahlen teilen, ist ihre Dimension: Kein anderes einzelnes Land stellt mehr Ausländer für die ukrainische Armee.
Die wirtschaftliche Logik ist eindeutig. Kolumbianische Soldaten erhalten laut Euronews-Recherchen rund 12 Millionen kolumbianische Pesos pro Monat für einen Fronteinsatz, nach aktuellem Kurs rund 2.850 Euro. Hinzu kommt eine Sonderzulage von weiteren 7 Millionen Pesos. Der kolumbianische Mindestlohn stieg 2026 auf 1,75 Millionen Pesos monatlich, knapp 417 Euro, festgelegt durch Präsidialdekret 0159 vom Februar 2026. Der Fronteinsatz in der Ukraine bringt damit mehr als das Sechsfache des heimischen Mindestlohns.
Kolumbien hat rund 52 Millionen Einwohner. Nach einer Weltbank-Erhebung vom Dezember 2024 lebten rund 31,8 Prozent der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze, über 16 Millionen Menschen. Für Veteranen aus den aufgelösten FARC-Verbänden, für frühere Angehörige der Streitkräfte ohne Rückkehrperspektive, für Menschen aus entwurzelten ländlichen Regionen ist das Angebot aus Kiew keine politische Entscheidung. Es ist eine ökonomische.
Dieselbe Armut, zwei Uniformen
Das Paradox des Krieges liegt darin, dass Russland aus denselben Schichten rekrutiert. Nach einem CNN-Bericht vom November 2025 wirbt Russland ausländische Söldner in sozialen Netzwerken, häufig mit falschen Versprechen: Als Sicherheitspersonal oder Logistiker angeheuert, landen Rekruten an der Front. Die Angebote kursieren auf TikTok und Instagram, von Accounts verschiedener Länder aus gepostet.
Pablo Puentes Borges ist ein konkretes Beispiel für die Konsequenz. Der Kolumbianer trat Ende 2024 der 47. Mechanisierten Brigade der ukrainischen Streitkräfte bei und wurde am 9. Januar 2025 in der Oblast Kursk gefangen genommen. Am 10. Juni 2025 verurteilte ein russisches Gericht ihn zu 28 Jahren Haft, aufgeteilt in fünf Jahre Gefängnis und 23 Jahre Strafkolonie mit maximaler Sicherheitsstufe. Seine Ehefrau Mireya Pineda erklärte gegenüber Euronews, er sei „sehr verzweifelt“ gewesen, als er keine Arbeit gefunden habe.
Puentes ist nicht allein. Im November 2025 verurteilte ein von Moskau eingesetztes Gericht in Donezk zwei weitere Kolumbianer zu je 13 Jahren Haft: Alexander Ante und Jose Aron Medina Aranda. Im Dezember 2025 folgte ein Urteil gegen einen vierten Landsmann, diesmal 19 Jahre. Der Mechanismus ist auf beiden Seiten gleich: knappe wirtschaftliche Optionen werden gegen Lohn und Risiko getauscht. Das Ergebnis ist die Möglichkeit, dass Kolumbianer im Donbas auf Kolumbianer treffen.
173 Tote, ein Gesetz
Das kolumbianische Außenministerium zählte bis Juni 2026 offiziell 173 in der Ukraine gefallene Landsleute und 670 Vermisste. Die Cancillería schränkt selbst ein, dass nur jene erfasst sind, deren Familien sich gemeldet haben. Von den 670 Vermissten hat das kolumbianische Konsulat in Moskau 168 gemeldet, die ukrainischen Streitkräfte 446 und Familien direkt 56. Die tatsächlichen Zahlen dürften höher liegen.
Die Regierung unter Präsident Gustavo Petro antwortete mit Gesetzgebung. Am 17. März 2026 trat Gesetz 2569 in Kraft, das Söldnertum für kolumbianische Staatsbürger unter Strafe stellt. Kolumbien ratifizierte damit als eines von weltweit rund 38 Ländern die UN-Konvention gegen die Anwerbung, Finanzierung und den Einsatz von Söldnern aus dem Jahr 1989. Das UN-Menschenrechtsbüro lobte das Gesetz ausdrücklich, warnte jedoch gleichzeitig vor weiter steigender Rekrutierung ausländischer Kämpfer.
Regierungsabgeordneter Alejo Toro formulierte den Anspruch des Gesetzes direkt: „Wir werden aufhören, den Tod zu exportieren, aufhören, junge Menschen als Kanonenfutter zu missbrauchen.“ Die Gesetzgebung beendet die rechtliche Grauzone, in der kolumbianische Bürger legal in fremde Konflikte ziehen konnten. Was sie nicht beendet, ist das ökonomische Ungleichgewicht, das den Zulauf erst ermöglicht hat.
Was Kolumbiens Verbot online nicht erreicht
Nationale Gesetzgebung stößt an strukturelle Grenzen, wenn Rekrutierung transnational und digital organisiert ist. Das Verbot gilt für kolumbianische Bürger auf kolumbianischem Territorium. Wer sich von einem Nachbarland aus einschreibt, wer direkt in der Ukraine oder in Russland einen Vertrag unterzeichnet, wer über Plattformen aus dem Ausland angeworben wird, handelt außerhalb der Reichweite kolumbianischer Strafverfolgung. Die Angebote auf TikTok und Instagram laufen weiter.
Außerdem haben Tausende Kolumbianer Verträge unterzeichnet, die vor dem 17. März 2026 datieren und deren Laufzeit noch nicht abgelaufen ist. Sie kämpfen weiter. Die Ukraine hat kein Interesse daran, diese Verträge vorzeitig zu beenden. Für Kiew sind Soldaten mit militärischer Kampferfahrung, viele aus kolumbianischen Gegeninsurgenzeinheiten oder als Veteranen des langen Bürgerkriegs, eine einsatzfähige Ressource.
Das bedeutet: Das Gesetz markiert einen politischen Bruch, aber keinen operativen. Solange die Lohnkluft das Sechsfache des kolumbianischen Mindestlohns beträgt und über 16 Millionen Menschen in Kolumbien unterhalb der Armutsgrenze leben, bleibt der Anreiz bestehen. Bogotá hat die Werbung kriminalisiert. Die Verzweiflung, die sie ermöglicht, hat es nicht beseitigt.
Kommentare