Krankschreibung: Koalition handelt gegen den Befund
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die deutschen Krankenstandsraten am 2. Juli als "exorbitant gestiegen" und begründete damit das schärfste Reformpaket für Krankschreibungen seit Jahren. Drei Maßnahmen hat der Koalitionsausschuss beschlossen: Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag, Abschaffung der Telefon-Krankmeldung und strengere Strafen für Ärzte. Der Haken: Die Wissenschaft erklärt den Anstieg seit 2022 vor allem mit einem statistischen Effekt, nicht mit real mehr kranken Menschen.
Die Behauptung: Deutschland beim Krankenstand außer der Norm
Merz stützte die Begründung auf Rohdaten, die im internationalen Vergleich auf den ersten Blick eindeutig klingen. Deutschland führt die OECD-Statistik gemeldeter Fehltage mit 24,9 Tagen pro Beschäftigtem und Jahr an. Zum Vergleich: Frankreich kommt auf 14,2, die Niederlande auf 15,0. Merz sprach von Kosten in Höhe von über 150 Milliarden Euro jährlich, die Fehlzeiten der deutschen Wirtschaft verursachten.
Der Krankenstand liegt 2025 nach Auswertung des AOK-Wissenschaftsinstituts (WIdO) bei 5,4 Prozent, entsprechend 23,3 Fehltagen pro Beschäftigtem. Das ist der zweithöchste Wert seit Beginn der statistischen Erfassung, leicht unter dem Rekord von 2022 mit 24,5 Tagen. Das klingt alarmierend, lässt sich aber auf einen Systemwechsel zurückführen.
Was die Forschung dazu sagt
Das WIdO des AOK-Bundesverbandes und das IGES-Institut kommen unabhängig voneinander zu demselben Befund: Der gemessene Anstieg des Krankenstands seit 2022 ist weitgehend ein Messartefakt. Seit 2023 erfasst die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) kurzfristige Erkrankungen systematisch, die früher gar nicht in der Statistik auftauchten. Wer drei Tage krank war und keinen Arzt aufsuchte, weil der Arbeitgeber erst ab Tag 4 ein Attest verlangte, galt statistisch als gesund. Dieses Dunkelfeld ist jetzt beleuchtet.
Bei der EU-Arbeitskräfteerhebung (EU-LFS), die unterschiedliche Meldeverfahren berücksichtigt und damit vergleichbar macht, liegt Deutschland mit 3,6 Wochen Fehlzeiten pro Jahr im Mittelfeld europäischer Länder. Norwegen kommt auf 5,9 Wochen, Finnland auf 5,0, Spanien auf 4,9. Das IGES-Institut weist ausdrücklich auf die eingeschränkte Vergleichbarkeit der OECD-Rohdaten hin, weil Deutschland eines der wenigen Länder mit Vollerhebung aller Fehltage ist. Ein spezifisch deutsches Problem mit übermäßigen Fehlzeiten zeigen die bereinigten Daten nicht.
Was die Koalition nun beschlossen hat
Der Koalitionsausschuss entschied am 2. Juli drei konkrete Maßnahmen:
Erstens: Die Telefon-Krankmeldung entfällt. Seit 2023 konnten Patienten, die ihrer Praxis bekannt sind und keine schweren Symptome haben, telefonisch krankgeschrieben werden. Damit ist Schluss. Künftig ist für jede Krankmeldung ein persönlicher Arztbesuch nötig.
Zweitens: Attestpflicht ab Tag 1. Bisher konnten Beschäftigte die ersten drei Tage ohne ärztliches Attest fehlen. Nun brauchen sie es ab dem ersten Krankheitstag. Arbeitgeber können durch Einzelvereinbarungen oder Betriebsvereinbarungen Ausnahmen erlauben, die genauen Bedingungen dafür sind noch ungeklärt.
Drittens: Strengere Strafen nach Paragraph 278 des Strafgesetzbuchs für Ärzte, die unbegründete Krankmeldungen ausstellen. Welche Fälle konkret strafbar werden, soll in den parlamentarischen Beratungen präzisiert werden.
Merz versuchte am Donnerstag, die Schärfe abzumildern: "Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis", sagte er. Betriebe könnten Ausnahmen regeln. Wie das in der Praxis aussieht, ob das Millionen Beschäftigter oder nur wenige betrifft, ließ er offen.
Kritik von Ärzten, Gewerkschaften und aus der Koalition selbst
Der Deutsche Hausärzteverband reagierte mit ungewöhnlich scharfen Worten. Die Bundesvorsitzenden Nicola Buhlinger-Göpfarth und Markus Beier nannten die Beschlüsse "absolut katastrophal". Die Abschaffung der Telefon-AU und die Attestpflicht ab Tag 1 würden Millionen zusätzliche Arztbesuche erzwingen. Praxen, die bereits jetzt überlastet seien, würden damit "vollständig überfordert". Der entscheidende Einwand der Ärzte: Studien haben gezeigt, dass die Telefon-Krankmeldung nicht für höhere Fehlquoten verantwortlich ist, sondern die digitale Vollerfassung durch die eAU. Eine Maßnahme, die das Symptom bekämpft, ohne die Ursache zu treffen, werde nichts an den Zahlen ändern.
Auch innerhalb der Koalition regt sich Widerstand. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf räumte öffentlich ein, es gebe "viel Diskussion, darunter auch verständliche" in der SPD-Fraktion. Ehemaliger Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, bis heute einer der profiliertesten Gesundheitspolitiker der SPD, erklärte knapp: "Das hätte ich nicht gemacht."
DGB-Chefin Yasmin Fahimi bezeichnete die Pläne als "kontraproduktiv". Verdi-Chef Frank Werneke kritisierte das Reformpaket als Benachteiligung der Arbeitnehmer. Grünen-Gesundheitssprecher Janosch Dahmen sprach von "Papierkram-Bürokratie statt Gesundheitspolitik" und nannte das Ziel, Millionen Patienten zusätzlich in Praxen zu schicken, einen falschen Ansatz.
Gesetz muss bis Oktober stehen
Der Koalitionsausschuss hat den politischen Rahmen gesetzt, nicht das Gesetz. Die Detailverhandlungen über Modalitäten, Ausnahmen und die konkrete Ausgestaltung der Strafen laufen in den kommenden Wochen weiter. Soll die Reform noch 2026 in Kraft treten, muss das Gesetz bis spätestens Oktober im Bundestag verabschiedet werden. Angesichts der Kritik aus der eigenen SPD-Fraktion ist unklar, ob das Zeitfenster zu halten ist. Die Bundesärztekammer hat bereits angekündigt, in den parlamentarischen Beratungen detaillierte Änderungsanträge einzubringen.
Aktualisierungen
Update 6. Juli, 09:05 Uhr: Unmittelbar nach dem Koalitionsausschussbeschluss vom 2. Juli begannen führende SPD-Mitglieder, sich von den Plänen zu distanzieren. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, die selbst am Ausschuss teilnahm, sagte öffentlich, das sei "nicht mein Vorschlag" gewesen und kündigte an zu prüfen, ob die Attestpflicht "wirklich einen Effekt erzeugt oder eher zu Schwierigkeiten führt". Bundesfinanzminister Lars Klingbeil betonte, niemand solle bei Krankheit gezwungen werden, zum Arzt zu gehen. Berliner SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach nannte den Plan "völlig absurd". Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, warf der Koalition vor, sie erfülle den Arbeitgebern "eine unsoziale Wunschliste". DIW-Ökonom Daniel Gräber erwartet indes keine spürbare Senkung des Krankenstands: Barmer-Daten zeigen, dass die Einführung der Telefon-Krankmeldung 2023 die Fehlquoten nicht erhöht hat. Die eigentlichen Treiber des Rekord-Krankenstands sind Atemwegserkrankungen und ein Verhaltenswandel bei der Meldung.
Update 9. Juli, 19:07 Uhr: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Abschaffung der Telefon-AU als "Zumutung die an Unverschämtheit grenzt" bezeichnet. KBV-Vorstand Andreas Gassen schätzt, dass die Neuregelung rund 30 Millionen zusätzliche Arztbesuche pro Jahr erzwingen würde. Bei einer Behandlungszeit von zehn Minuten je Patient entspräche das 208.000 Arbeitstagen in Praxen, die schon jetzt an der Kapazitätsgrenze arbeiten. Der Hartmannbund warnte zudem vor einem gesundheitspolitischen Widerspruch: Wer Erkrankte mit Atemwegssymptomen zwingt, ins Wartezimmer zu kommen, erhöht das Infektionsrisiko für alle anderen Patienten. Die Reform hat den Bundestag noch nicht passiert. Wann das Gesetz in Kraft treten soll, bleibt offen.
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