Wie Deutschlands Energiewende Südamerika trockenlegt
Investigativ

Wie Deutschlands Energiewende Südamerika trockenlegt

BMW, Volkswagen und Mercedes-Benz vermarkten Elektromobilität als Klimafortschritt. Dass ihre Lithiumlieferkette im chilenischen Atacama den Grundwasserspiegel in 15 Jahren um mehr als zehn Meter abgesenkt hat, kommt in keiner Werbeanzeige vor. Die von den Herstellern finanzierte Responsible Lithium Partnership endete 2025 ohne ein einziges verbindliches Ziel zur Reduzierung des Wasserverbrauchs.

24. Juli 2026, 7:02 Uhr 1727 Wörter · 9 Min. Lesezeit

Jede Tonne Lithium-Karbonat für die Batterie eines deutschen Elektroautos verbraucht im chilenischen Salar de Atacama bis zu 500.000 Liter Wasser. In einer der trockensten Regionen der Erde ist der Grundwasserspiegel in den vergangenen 15 Jahren um mehr als zehn Meter gesunken. Während BMW, Volkswagen und Mercedes-Benz Elektromobilität als klimafreundliche Lösung vermarkten, zahlen die Atacameño-Gemeinden am anderen Ende der Lieferkette einen Preis, der in keiner Werbeanzeige auftaucht.

Das Atacama-Paradox: Wasser für Batterien in der Wüste

Der Salar de Atacama liegt auf 2.300 Metern Höhe im Norden Chiles, zwischen Andenkordillere und der Atacama-Wüste, die als trockenste nichtpolare Region der Erde gilt. Unter diesem Salzflat befinden sich schätzungsweise 36 Prozent der weltweit bekannten Lithium-Reserven. Der chilenische Bergbaukonzern SQM (Sociedad Química y Minera de Chile) und der US-amerikanische Konzern Albemarle fördern hier jährlich mehr als die Hälfte des weltweit produzierten Lithiums.

Lithium liegt im Atacama nicht als Festgestein vor, sondern gelöst in Sole, hochkonzentriertem Salzwasser, das tief in den Aquiferen unter dem Salzflat gespeichert ist. Um es zu gewinnen, wird die Sole an die Oberfläche gepumpt und in riesigen Verdunstungsbecken eingedampft, bis das Lithium konzentriert genug ist, um weiterverarbeitet zu werden. Pro Tonne Lithium-Karbonat werden dabei bis zu 500.000 Liter Sole und Frischwasser aufgewendet, wie eine 2025 im Fachjournal Water veröffentlichte Studie internationaler Forscher errechnet hat. Gemeinsam pumpen die Minen rund 2.000 Liter pro Sekunde aus dem unterirdischen Wasserleiter. 95 Prozent davon verdunsten in den Becken unwiederbringlich.

Die Folgen sind messbar. Der Grundwasserspiegel ist nach Dokumentation von Mongabay in den vergangenen 15 Jahren um mehr als zehn Meter gesunken. Das Salzflat selbst sackt durch die Überentnahme um ein bis zwei Zentimeter jährlich ab. Schätzungen von Umweltorganisationen zufolge entfallen 65 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs im Einzugsgebiet auf die Lithium-Industrie, die Minen pumpen rund 63 Milliarden Liter Sole pro Jahr. In den Quebradas, den feuchten Schluchten rings um den Salar, in denen Flamingos und andere Feuchtgebietsarten brüten, sinken Wasserpegel und Pflanzendichte messbar.

Im Oktober 2024 reichten 18 Atacameño-Gemeinden, vertreten im Consejo de Pueblos Atacameños (CPA), eine offizielle Beschwerde gegen SQM und andere Bergbauunternehmen ein. Der Vorwurf: systematische Verletzung der Wasserrechte indigener Gemeinschaften und fehlende freie, vorherige und informierte Konsultation nach ILO-Konvention 169, die Chile ratifiziert hat. Im März 2024 hatte ein chilenisches Gericht eine Beschwerde des CPA gegen SQM wegen Wassernutzungsrechten für zulässig erklärt und neue Bergbaugenehmigungen bis zur Durchführung einer unabhängigen Umweltprüfung aufgehoben, ein Präzedenzurteil, das die Industrie zu weiteren Verhandlungen zwingt.

SQM bestreitet langfristige Schäden. Das Unternehmen verweist auf Wasserrecycling-Programme und erklärt, der Grundwasserrückgang sei auch auf den regionalen Klimawandel zurückzuführen. Unabhängige Wissenschaftler der Universität Amsterdam, die 2025 eine der umfangreichsten Wasserfußabdruck-Analysen zu Lithium-Extraktion publizierten, kommen zu anderen Schlüssen: Die Pumpraten der Minen überschreiten die natürliche Regenerationsrate des Aquifers deutlich und die gemessene Bodensenkung lässt sich kausal dem Solepumpen zuordnen.

Bolivia und Argentinien: Dieselbe Struktur, andere Akteure

Das Atacama ist kein Sonderfall. Im sogenannten Lithium-Dreieck, das neben dem chilenischen auch die bolivianischen und argentinischen Salzseen umfasst, wiederholt sich das Muster: rascher Abbau, unzureichende Umweltprüfungen, marginalisierte indigene Gemeinschaften.

In Bolivien liegt mit dem Salar de Uyuni das größte Lithium-Vorkommen der Welt. Die frühere Regierung von Luis Arce schloss nach Berichten des LatinAmerican Post Verträge mit dem russischen Staatskonzern Rosatom und dem chinesisch-bolivianischen Konsortium CBC ab, die zusammen ein Volumen von knapp zwei Milliarden Dollar hatten, ohne öffentliche Konsultationen mit den betroffenen Gemeinschaften. In der Gemeinde Colcha K, rund tausend Einwohner, nördlich des Uyuni gelegen, dokumentiert das Business and Human Rights Resource Centre bereits Wassermangel durch geplante Tiefbohrungen. Die Organisationen IWGIA und AIDA bezeichnen das als Verstoß gegen die in der UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker verankerten FPIC-Standards.

In Argentinien trocknen Flussabschnitte durch die Wasserentnahme von Lithium-Minen aus. Das Rechercheprojekt Dialogue Earth dokumentierte, wie der Fluss Pocitos in der Provinz Salta an mehreren Stellen durch Pumpentnahmen der angrenzenden Lithium-Minen zurückgeht. Die argentinische Regierung setzte zwischenzeitlich neue Genehmigungen aus, ein Moratorium, das Umweltorganisationen als unzureichend kritisierten, weil bestehende Minen weiterbetrieben wurden.

Im November 2025 übernahm Rodrigo Paz die bolivianische Präsidentschaft und signalisierte eine Überprüfung der wenig transparenten Verträge seiner Vorgängerregierung. Konkrete Schritte hat er bislang nicht angekündigt. In Chile formiert sich mit NovaAndino Litio, einem 2025 gegründeten Joint Venture zwischen dem Staatsunternehmen Codelco und SQM, in dem Codelco 50 Prozent plus eine Aktie hält, ein neues Modell mit höherem Staatsanteil. Die chilenische Regierung wird zwischen 2025 und 2030 rund 70 Prozent der operativen Gewinne aus der Zusatzproduktion erhalten, ab 2031 steigt der Anteil auf 85 Prozent bis 2060. Ob damit auch höhere Umweltstandards verbunden werden, ist offen.

BMW, Volkswagen, BASF: Direkte Verbindungen zur Krise

Deutsche Autohersteller sind keine unbeteiligten Beobachter. BMW schloss laut eigener Pressemitteilung 2021 einen Mehrjahresvertrag über 285 Millionen Euro mit dem US-Unternehmen Livent ab, das Lithium aus argentinischen Salzseen bezieht. Volkswagen plant nach eigenen Angaben, bis 2030 jährlich 1,2 Millionen Elektrofahrzeuge auf der MEB-Plattform zu produzieren, jede Batterie enthält acht bis zehn Kilogramm Lithium-Verbindungen. BASF beliefert Batteriezellenhersteller wie CATL mit Kathoden-Aktivmaterialien, die ihrerseits Lithium aus Südamerika beziehen. Ein wesentlicher Teil der deutschen Elektromobilitätsstrategie ist strukturell an die Salzseen des Lithium-Dreiecks gebunden.

Die Unternehmen reagierten auf den wachsenden öffentlichen Druck mit einer freiwilligen Initiative. Im Juni 2021 gründeten Mercedes-Benz, Volkswagen, BASF, Daimler Truck und Fairphone, koordiniert von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die Responsible Lithium Partnership. BMW trat 2022 bei. Das Ziel: einen Runden Tisch im Atacama zu moderieren, der erstmals Vertreterinnen aus indigenen Gemeinschaften, Bergbauunternehmen, Landwirtschaft, Tourismus und Behörden zusammenbrachte.

Im März 2024 verabschiedete der Runde Tisch einen Aktionsplan mit 30 Maßnahmen zur Verbesserung des Wassermanagements. Als sichtbarste Einzelmaßnahme wurde eine Wasserrecycling-Anlage an einer Schule in San Pedro de Atacama eröffnet. Im Februar 2025 endete das von den Unternehmens-Partnern finanzierte Projekt plangemäß. BASF bezeichnete den Abschluss als Erfolg; der Runde Tisch werde als unabhängige Stiftung weitergeführt.

Kritische Beobachter sehen das grundlegend anders. Keine der 30 Maßnahmen enthält verbindliche Zielwerte für die Reduzierung des Wasserverbrauchs der beteiligten Minen. Das Kernproblem, die schiere Menge gepumpter Sole pro produzierter Tonne Lithium, bleibt im Aktionsplan unberührt. Die internationale Menschenrechtsorganisation FIDH hält in ihrem Bericht über das Lithium-Dreieck fest, dass Multistakeholder-Prozesse wie die Responsible Lithium Partnership staatliche Regulierungsaufgaben nicht ersetzen können. „Es fehlt ein Rechtsrahmen, der Abbaugenehmigungen an nachweisliche Wasserträglichkeitsgrenzen koppelt“, schreibt FIDH. Was die Partnerschaft produziert hat, ist nach dieser Einschätzung gut dokumentierter Dialog, ohne strukturelle Konsequenz für die Pumpraten.

Recycling schließt die Lücke nicht, jedenfalls nicht vor 2035

In der deutschen Energiepolitik gilt Lithium-Recycling als mittelfristiger Ausweg aus der Importabhängigkeit. Die verfügbaren Daten geben diesen Optimismus nicht her. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI analysierte 2025, dass europäische Recyclingkapazitäten für Lithium-Ionen-Batterien zwar wachsen, aber die Batterien der Baujahre 2020 bis 2024 werden erst zwischen 2030 und 2035 das Ende ihrer Lebensdauer erreichen. Heute werden erst rund 35 Prozent des Lithiums aus aufbereiteten Altbatterien zurückgewonnen.

Auch Deutschlands eigene potenzielle Förderung liegt in weiter Zukunft. Im Oberrheingraben wurden Lithiumvorkommen nachgewiesen, Schätzungen sprechen von bis zu 43 Millionen Tonnen. Genehmigungsverfahren für Pilotbetriebe laufen seit Jahren; Branchenexperten rechnen nicht vor 2035 bis 2040 mit nennenswerter heimischer Produktion. Die Deutsche Rohstoffagentur schätzt den deutschen Lithiumbedarf bis 2030 auf bis zu 170.000 Tonnen jährlich. Die gesamte europäische Lithiumförderung lag 2025 bei rund 12.000 Tonnen pro Jahr, ein Defizit von fast 160.000 Tonnen, das aus Importen gedeckt werden muss.

Die USA bauen mit dem Thacker-Pass-Projekt in Nevada eine eigene Lithiumquelle auf, die ab 2027 rund 40.000 Tonnen jährlich produzieren soll. Das US-Energieministerium stellte dafür 2,26 Milliarden Dollar bereit. Auch in Nevada laufen Klagen indigener Gruppen, die Wasserschäden befürchten. Ein Modell für eine saubere Lieferkette bietet das Projekt nicht.

Warum internationale Standards wirkungslos bleiben

Chile, Bolivien und Argentinien haben die ILO-Konvention 169 ratifiziert, die freie, vorherige und informierte Konsultation mit indigenen Völkern bei Bergbauprojekten vorschreibt. In der Praxis schaffen alle drei Länder Ausnahmen für Projekte, die als strategisch relevant eingestuft werden. Amnesty International und FIDH dokumentierten in einem gemeinsamen Bericht, dass mehrere Länder seit 2020 Gesetze verabschiedet haben, die Vereinigungsfreiheit und Protestrecht einschränken, mit dem erklärten Ziel, den Rohstoffabbau zu erleichtern.

Laut einem im Juli 2026 veröffentlichten Mongabay-Bericht hat die Zahl dokumentierter Übergriffe auf Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten im Zusammenhang mit Rohstoffabbau stark zugenommen, mit einem erheblichen Teil der Fälle in Südamerika. Global Witness dokumentierte für 2024 weltweit 146 getötete oder verschwundene Umwelt- und Landrechtsaktivisten, davon 82 Prozent aller Fälle in Lateinamerika. Bergbau war die Industrie mit den meisten Todesfällen.

Der EU Critical Raw Materials Act (CRMA), 2024 in Kraft getreten, definiert Lithium als strategischen Rohstoff und benennt 60 Projekte für eine beschleunigte Entwicklung, davon 22 mit Lithiumbezug. Verbindliche Menschenrechts- und Umweltstandards für Lieferländer außerhalb der EU sieht der Rechtsrahmen nicht vor. Sanktionen bei Compliance-Verstößen fehlen. Das UN-Panel on Critical Minerals verabschiedete im September 2025 freiwillige Prinzipien für nachhaltigen Rohstoffabbau. Earthworks, FIDH und Oxfam kommentierten übereinstimmend: Ohne Durchsetzungsmechanismen blieben Empfehlungen folgenlos. Die ILO hält in einem eigenen Dokument zu Kritischen Mineralien fest, dass Arbeitsnormen und FPIC-Standards in der globalen Rohstoffförderung systematisch untergraben werden.

Das Entscheidungsfenster schließt sich bis 2030

Der strukturelle Widerspruch der deutschen Energiewende liegt nicht in der Elektromobilität selbst, sondern in der Entscheidung, die sozialen und ökologischen Kosten der Rohstoffbeschaffung außerhalb der eigenen Bilanz zu halten. Drei politische Weichen werden in den nächsten Jahren gestellt.

Erstens: Der EU Critical Raw Materials Act wird bei seiner ersten Revision 2027 überarbeitet. Ob bindende Due-Diligence-Auflagen für Lieferländer eingeführt werden, etwa die Pflicht, Wasserbilanzen und FPIC-Konsultationen nachzuweisen, entscheidet sich in Brüssel. Das parallel anlaufende EU-Lieferkettengesetz (CSDDD) könnte für Unternehmen über 1.000 Beschäftigte erstmals Sorgfaltspflichten in der gesamten Lieferkette durchsetzbar machen, wenn die Mitgliedsstaaten es nicht weiter verwässern.

Zweitens: Boliviens neuer Präsident Paz hat signalisiert, die Verträge seiner Vorgängerregierung mit Rosatom und CBC zu überprüfen. Das Zeitfenster für eine Neuverhandlung mit höheren Umwelt- und Sozialstandards ist jetzt offen. Wie lange es offen bleibt, hängt auch davon ab, ob deutsche und europäische Abnehmer nachweisbaren Druck ausüben.

Drittens: Chiles NovaAndino Litio, das bis 2060 die Lithiumförderung im Atacama steuern wird, könnte höhere Umweltstandards institutionalisieren, wenn der Staat seinen wachsenden Gewinnanteil daran koppelt. Atacameño-Organisationen fordern, dass Einnahmen aus dem Abbau verbindlich in Wasserwiederherstellungsprogramme fließen. Ob das im NovaAndino-Rahmen umgesetzt wird, ist ungeklärt.

Für die Menschen am Salar de Atacama, die seit Jahrhunderten von einem fragilen Grundwasserhaushalt, Flamingos und Lamas leben, ist das keine politikwissenschaftliche Frage. Im Oktober 2024 erklärten CPA-Vertreter gegenüber Mongabay: Der Grundwasserspiegel, der ihr Trinkwasser und ihre Landwirtschaft speist, sinkt weiter. Solange das so bleibt, ist die freiwillige Responsible Lithium Partnership eine Geste und die deutsche Energiewende in Südamerika mit einem strukturellen Wasserdiebstahl verbunden, über den in deutschen Autoprospekten kein Wort verloren wird.

Quellen (21)
Water footprint of battery-grade lithium production in the Salar de Atacama – ScienceDirect · Lithium Mining in the Salar de Atacama: Accounting Practices for Water Footprinting – MDPI Water · As lithium mining bleeds Atacama salt flat dry, indigenous communities hit back – Mongabay · Lithium mining leaves severe impacts in Chile, but new methods exist – Mongabay · Chile: Court upholds complaint from indigenous communities against SQM over water rights – Business and Human Rights Resource Centre · Lithium: Chile's 'white gold' threatens life in the Atacama Desert – Voices NGO · Bolivia: Communities experiencing water shortages over Chinese and Russian lithium projects – Business and Human Rights Resource Centre · Bolivia's Lithium Gamble Tests Water, Trust, and the Future of Uyuni – LatinAmerican Post · In Argentina, lithium mining leaves a river running dry – Dialogue Earth · Lithium and Human Rights in the High Andean Salt Flats – FIDH · In South America's lithium triangle, transition minerals endanger human rights – FIDH · New data reveals surge in human rights abuses linked to transition minerals mining – Mongabay · BMW Group steps up sustainable sourcing of lithium in Argentina (Livent contract) – BMW Press · BMW Group joins Responsible Lithium Mining Project in Chile – BMW Press · Responsible Lithium Partnership concluding with success – BASF · Recycling capacities for lithium-ion batteries in Europe, Update 2025 – Fraunhofer ISI · A Just Energy Transition? Impacts of Lithium Extraction on the Andean Salt Flats – IWGIA/AIDA · Q&A on Critical Minerals and the Work of the ILO – International Labour Organization · New president, new policy: Bolivia's shift against lithium protectionism – Mining Technology · Codelco und SQM formen NovaAndino Litio für Lithiumabbau im Salar de Atacama – Codelco · Bolivian communities push back against foreign-backed lithium projects – Mongabay

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