mRNA-Krebsimpfstoffe: Der lange Weg zur Zulassung
Auf dem Kongress der European Society for Medical Oncology 2025 in Berlin gab BioNTech bekannt, einen seiner mRNA-Krebsimpfstoffkandidaten nicht weiterzuentwickeln. Nicht weil das Mittel nicht wirkte: BNT111 erzielte eine Ansprechrate von 18 Prozent und verlängerte das mediane Überleben in einer schwer behandelbaren Gruppe auf 20,7 Monate. Sondern weil der Konzern seine Ressourcen auf Kandidaten mit größerem Marktpotenzial konzentriert. Diese Entscheidung ist symptomatisch für ein Feld, das vier Jahre nach dem ersten Melanomdurchbruch in einer komplexen Zwischenphase steckt: überzeugende Phase-2-Daten, laufende Phase-3-Studien und der erste konkrete Datentermin noch in diesem Jahr.
Wie personalisierte Impfstoffe funktionieren
Personalisierte mRNA-Krebsimpfstoffe folgen einem anderen Prinzip als klassische Vakzine. Nachdem ein Tumor operativ entfernt wurde, sequenzieren Wissenschaftler die DNA des entnommenen Gewebes. Daraus identifizieren sie Mutationen, die ausschließlich auf den Krebszellen vorkommen und nicht auf gesundem Gewebe, sogenannte Neoantigene. Diese Information wird in einer synthetischen mRNA kodiert, die dann den Körper des Patienten dazu veranlasst, ein Immungedächtnis gegen genau diese Tumorzellen aufzubauen.
Der entscheidende Unterschied zu einem Coronaimpfstoff liegt in der Individualität: Jeder Impfstoff wird für genau einen Patienten hergestellt. Das ist die Stärke des Ansatzes und zugleich seine größte strukturelle Schwäche. Die Herstellungszeit ist von ursprünglich neun Wochen auf inzwischen unter vier Wochen gesunken, wie Moderna im Rahmen des ASCO-Kongresses 2026 berichtete. Doch die Kosten pro Patient werden von Branchenexperten auf 300.000 Euro und mehr geschätzt, ähnlich den Preisen für CAR-T-Zelltherapien, die trotz EMA-Zulassung seit 2018 in der Breite kaum verfügbar sind.
Der aktuelle Stand der Kandidaten
Der am weitesten fortgeschrittene mRNA-Kandidat im Bereich Krebs ist Intismeran, früher unter dem Kürzel mRNA-4157 oder V940 bekannt, das Moderna und Merck gemeinsam entwickeln. In der Phase-2b-Studie KEYNOTE-942 zeigte die Kombination aus Intismeran und dem Checkpointinhibitor Pembrolizumab ein um 49 Prozent gesenktes Risiko für Rezidive oder Tod im Vergleich zu Pembrolizumab allein bei Melanompatienten im Stadium III oder IV nach kompletter Resektion. Die fünfjährigen Nachbeobachtungsdaten, die Moderna und Merck im Januar 2026 vorstellten, bestätigen diesen Effekt als anhaltend. Die FDA hat dem Kandidaten den Status einer Breakthrough Therapy zuerkannt.
Doch Phase 2b ist nicht Phase 3. Die entscheidende Studie V940-001 läuft derzeit global, darunter in Australien, wo erste Patienten eingeschlossen wurden. Ob die Ergebnisse auch in der großen randomisierten Studie standhalten, wird sich frühestens 2027 zeigen. Einen Zulassungsantrag bei FDA oder EMA hat Moderna bislang nicht gestellt.
BioNTech verfolgt mit BNT113 einen anderen Ansatz: keinen personalisierten, sondern einen tumorspezifischen, aber nicht patientenindividuellen Impfstoff. BNT113 richtet sich gegen die E6- und E7-Proteine des HPV16-Virus, das in bestimmten Kopf-Hals-Tumoren vorkommt und wird mit Pembrolizumab kombiniert. Die Phase-2/3-Studie AHEAD-MERIT läuft, die FDA hat BNT113 im Januar 2026 den Fast-Track-Status verliehen. Die primäre Auswertung der Phase-3-Daten wird für das vierte Quartal 2026 erwartet, wie BioNTech im Bericht zum vierten Quartal 2025 ankündigte. BNT113 ist derzeit das einzige mRNA-Krebsprogramm mit konkretem Datenfenster noch im Jahr 2026.
Warum BNT111 gestoppt wurde
Die überraschendste Nachricht des vergangenen Jahres in diesem Feld war keine Zulassung, sondern ein Rückzug. BioNTech teilte beim Kongress der European Society for Medical Oncology 2025 in Berlin mit, BNT111, ein Off-the-shelf-Impfstoff gegen vier Melanomantigene, werde in der spät-refraktären Melanomindikation nicht weiterentwickelt. Das obwohl die Studie, in der BNT111 mit dem Checkpoint-Inhibitor Cemiplimab kombiniert wurde, eine objektive Ansprechrate von 18,1 Prozent und ein medianes Gesamtüberleben von 20,7 Monaten zeigte, deutlich über historischen Vergleichswerten für diese schwer behandelbare Patientengruppe.
Ein Unternehmenssprecher begründete den Schritt damit, dass BioNTech in der aktuellen Strategiephase keine weiteren klinischen Studien mit BNT111 in dieser Indikation plane. Das Unternehmen priorisiert stattdessen BNT113, das einen breiteren definierten Zielmarkt adressiert, sowie BNT116, einen mRNA-Kandidaten für nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom in einer frühen Phase-1/2-Studie in Zusammenarbeit mit Regeneron. Die Entscheidung gegen BNT111 illustriert eine Dynamik, die in der mRNA-Onkologie zunehmend spürbar ist: Nicht fehlende Wirksamkeitsdaten stoppen Programme, sondern strategische Ressourcenallokation in einem Feld mit vielen parallelen Kandidaten und begrenzten Entwicklungskapazitäten.
Das ungelöste Kostenproblem
Beide Unternehmen sprechen wenig über den Preis. Dabei ist das Kostenproblem keine nachgelagerte Frage, sondern eine, die Reichweite einer künftigen Zulassung direkt bestimmt. Analoge Therapien wie Kymriah (Tisagenlecleucel), eine CAR-T-Zelltherapie gegen bestimmte Leukämien und B-Zell-Lymphome, kosten in Deutschland rund 320.000 Euro pro Behandlung. Die EMA erteilte die Zulassung 2018. Acht Jahre später bleibt die Verfügbarkeit in vielen Ländern eingeschränkt, weil die Krankenkassen-Erstattung stockt und die Herstellungskapazitäten begrenzt sind.
Für personalisierte mRNA-Impfstoffe ist das strukturelle Problem vergleichbar, im Maßstab sogar schwieriger: Jeder Impfstoff ist einmalig und kann nicht auf Vorrat produziert werden. Die Reduktion der Herstellungszeit auf vier Wochen ist ein Fortschritt, löst aber das Preisproblem nicht. Ein Screening, ein individueller Produktionslauf, eine Kühllagerung, eine komplexe Logistik: Die Kosten entstehen nicht durch Gewinnmarge, sondern durch den Prozess. Erst wenn die Zahl der jährlich behandelten Patienten in die Zehntausende geht, könnte Skalenproduktion die Preise senken, eine Voraussetzung, die selbst optimistische Szenarien frühestens für Ende des Jahrzehnts annehmen.
BNT113-Daten im vierten Quartal als erste Wegmarke
Die nächste konkrete Entscheidungsmarke im mRNA-Krebsbereich ist die erste Zwischenauswertung der AHEAD-MERIT-Phase-3-Daten für BNT113, erwartet für 2026. Wenn diese Daten positiv sind, könnte BioNTech noch 2026 oder Anfang 2027 einen Zulassungsantrag stellen. Aufgrund des Fast-Track-Status wäre eine FDA-Entscheidung dann beschleunigt möglich, realistisch in einem Zeitfenster von sechs bis zwölf Monaten nach Antragstellung. Für Moderna V940 wird die Phase-3-Auswertung frühestens 2027 erwartet.
Die realistischste Prognose für erste mRNA-Krebsimpfstoffzulassungen liegt damit im Fenster 2027 bis 2029, abhängig davon, welche Phase-3-Daten überzeugen und welche Behörden beschleunigte Verfahren einräumen. Das sind keine schlechten Nachrichten für eine Technologie, die 2019 noch als Laborkonzept galt. Es sind aber andere Nachrichten als die, die nach den ersten Studienerfolgen zirkulierten.
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