Pilznetze im Boden speichern mehr Kohlenstoff als alle Wälder
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Pilznetze im Boden speichern mehr Kohlenstoff als alle Wälder

Mykorrhizapilze erhalten von Landpflanzen jährlich rund 13 Milliarden Tonnen CO₂ und binden es im Boden. Biologin Toby Kiers, die den Tyler Prize 2026 erhielt, kartiert mit ihrer NGO SPUN diese unsichtbaren Netzwerke weltweit, bevor intensive Landwirtschaft sie zerstört.

11. Juli 2026, 17:00 Uhr 772 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Unter jedem Quadratmeter Waldboden verläuft ein Netz aus Pilzfäden, dichter als jeder von Menschenhand verlegte Stromkreis. Diese Mykorrhizapilze gehen eine Symbiose mit rund 80 Prozent aller Landpflanzen ein: Die Pflanze liefert Zucker, der Pilz erschließt Nährstoffe und Wasser. Was Biologen erst in den letzten Jahren in seiner vollen Dimension erfasst haben, ist eine dritte Leistung dieser Partnerschaft: Sie entzieht der Atmosphäre massenhaft Kohlenstoff und bindet ihn im Boden. Die Zahlen, die eine Studie aus dem Jahr 2023 dafür nennt, sind größer als die CO₂-Aufnahme aller Wälder oder Ozeane der Erde.

Was die 13 Milliarden bedeuten

Eine in Current Biology veröffentlichte Meta-Analyse unter Beteiligung von Toby Kiers von der Vrije Universiteit Amsterdam und Katie Field von der Universität Sheffield wertete 194 Datensätze aus 61 Fachstudien aus. Ergebnis: Landpflanzen leiten jährlich rund 13,12 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente an ihre Pilzsymbionten weiter. Das entspricht nach den Berechnungen des Teams etwa 36 Prozent der jährlichen globalen Emissionen aus fossilen Brennstoffen.

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Zum Vergleich: Wälder binden nach Schätzungen des World Resources Institute netto rund 7,6 Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr nach Abzug von Waldbrand- und Abholzungsemissionen. Die Ozeane absorbieren laut der US-amerikanischen Atmosphärenbehörde NOAA rund 8,8 Milliarden Tonnen CO₂ jährlich. Die Menge, die Pflanzen an Pilze abgeben, übersteigt beide Einzelwerte. Allerdings beschreibt die Zahl das, was weitergeleitet wird, nicht zwangsläufig, was dauerhaft gespeichert bleibt. Die Autoren selbst betonen, die Schätzung sei konservativ und die endgültige Netto-Speicherleistung noch nicht abschließend bestimmt.

Der wichtigste Mechanismus dahinter ist Glomalin: ein Glykoprotein, das arbuskuläre Mykorrhizapilze produzieren und das wie ein natürlicher Kleber wirkt. Es verbindet Bodenmineralien zu stabilen Aggregaten, die eingeschlossenen Kohlenstoff vor mikrobiellem Abbau schützen. Fachstudien aus dem Jahr 2026 in Functional Ecology belegen, dass Glomalin den Kohlenstoff über Jahrzehnte bis Jahrhunderte im Boden halten kann.

Toby Kiers und die Kartierung des Unsichtbaren

Toby Kiers ist Evolutionsbiologin und Mitgründerin von SPUN, der Society for the Protection of Underground Networks. Die 2021 gegründete Organisation koordiniert 137 Forscherinnen und Forscher weltweit, die lokale Mykorrhizanetzwerke kartieren und daraus einen globalen "Underground Atlas" erstellen. Im Januar 2026 startete SPUN das Underground Advocates Program, das Wissenschaftler und Rechtswissenschaftler zusammenbringt, um die Befunde in konkreten Naturschutz zu übersetzen.

Im April 2026 erhielt Kiers den Tyler Prize for Environmental Achievement, eine mit 250.000 Dollar dotierte Auszeichnung, die als Nobelpreis für Umwelt gilt. Sie ist die jüngste Frau, die ihn je erhalten hat. Kiers' Kernthese: Klimaschutz, der sich auf Wälder und Ozeane konzentriert und das Ökosystem unter der Erdoberfläche ignoriert, erfasst die Realität nur zur Hälfte.

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Im Vergleich: Warum das Ökosystem unter der Erde lange übersehen wurde

Wälder wurden lange unterschätzt, bevor das IPCC sie ab 2001 als prioritäre Kohlenstoffsenken einstufte. Ähnliches gilt für Feuchtgebiete: Moore speichern laut Schätzungen der Internationalen Moorschutzgruppe weltweit rund 550 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, das ist das Doppelte aller Wälder zusammen. Trotzdem galten Moore über Jahrzehnte als schädliche Gase erzeugend und wurden entwässert. Pilznetzwerke tauchen in keinem nationalen Treibhausgasregister auf und haben in keinem Schutzregime offiziellen Status.

SPUN hat diesen Umstand systematisch erfasst. Der Underground Atlas zeigt: Mykorrhiza-Hotspots, also Regionen mit besonders diversen und dichten Pilzgemeinschaften, liegen häufig in denselben Gebieten wie Biodiversitäts-Hotspots für Pflanzen und Tiere. Das bedeutet, dass Schutz von Mykorrhizanetzwerken und Schutz sichtbarer Artenvielfalt in der Praxis meist zusammenfallen würden. Was fehlt, ist der rechtliche Status.

Was intensive Landwirtschaft anrichtet

Die gute Nachricht hat eine ernste Kehrseite. Intensiver Ackerbau mit häufigem Pflügen zerstört Pilznetzwerke mechanisch, weil die feinen Hyphen reißen und nicht rasch genug nachwachsen. Chemische Düngemittel reduzieren die Abhängigkeit der Nutzpflanzen von Pilzsymbiosen: Wurzeln können Nährstoffe direkt aufnehmen und benötigen keine Pilzpartner mehr. SPUN-Forschungen zufolge enthielten biologisch bewirtschaftete Felder 27 identifizierbare Schlüsselarten von Mykorrhizapilzen. In konventionell bewirtschafteten Feldern des gleichen Gebiets: keine einzige.

Bestimmte Herbizide und Fungizide hemmen zusätzlich die Sporenkeimung. Glyphosat und Azoxystrobin gelten als besonders schädlich für Mykorrhizagemeinschaften. Kiers sieht den Schutz der unterirdischen Netzwerke daher nicht nur als Biodiversitätsprojekt, sondern als Klimafrage: Verliert Ackerland seine Mykorrhizagesellschaft, verliert es gleichzeitig einen Teil seiner Kohlenstoffspeicherkapazität.

In welchem Umfang Renaturierungsmaßnahmen die Pilzgemeinschaften wiederherstellen können, ist Gegenstand laufender Forschung. SPUN strebt an, bis 2030 einen globalen Schutzstatus für die wichtigsten Pilz-Hotspots zu erwirken, analog zu dem was für Urwälder und Korallenriffe gilt. Ob das gelingt, hängt von politischem Willen ab, den Kiers derzeit über das Underground Advocates Program aufzubauen versucht.

Quellen (12)

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