Zwei neue Froscharten in Perus Bergwäldern entdeckt
Im Bergwald des peruanischen San-Martín-Departements sahen Wissenschaftler im Oktober 2022 erstmals ein Tier, das der Wissenschaft unbekannt war. Zwei Jahre und eine zweite Expedition später wurde Oreobates shunkusacha in der Fachzeitschrift Salamandra formal als neue Art beschrieben. Im März 2026 veröffentlichte das Journal Zootaxa die Beschreibung von Gastrotheca mittaliiti, einem Beutelfrosch mit einem ungewöhnlichen Fortpflanzungsmerkmal. Beide Entdeckungen stammen aus den Bergwäldern Perus und zeigen, wie viel in einem der artenreichsten Ökosysteme der Welt noch unentdeckt ist.
Zwei Arten, zwei Lebensräume
Oreobates shunkusacha wurde in der Nebelwaldzone des Bosques de Vaquero Biokorridors im San-Martín-Departement entdeckt. Der Frosch misst zwei bis drei Zentimeter, hat dunkelbraune Haut und eine goldene Iris und lebt ausschließlich an zwei bekannten Fundorten. Sein Name leitet sich aus dem Kichwa-Lamista ab, der Sprache der lokalen Ureinwohnergemeinden und bedeutet Herz des Waldes. Die Entdeckung entstand aus einer Zusammenarbeit von Wissenschaftlern aus Peru und Frankreich mit drei indigenen Gemeinschaften, deren Mitglieder als Geländekundige die Expeditionen ermöglichten. In schwer zugänglichen Bergwäldern sind lokale Kenntnisse häufig die eigentliche Voraussetzung für Artentdeckungen.

Gastrotheca mittaliiti lebt in einem anderen Lebensraum: dem subalpinen Páramo der Huancabamba-Region im Amazonas-Departement Nordperus, oberhalb der Nebelwaldzone. Der 2,7 bis 3,3 Zentimeter kleine, leuchtend grüne Frosch gehört zur Familie der Hemiphractidae, den sogenannten Beutelfröschen. Statt Eier im Wasser abzulaichen, bewahrt das Weibchen seinen Nachwuchs in einer Hauttasche auf dem Rücken auf, bis die Jungen als fertige Fröschlinge schlüpfen. Die Entdeckung wurde von einem internationalen Team unter Leitung des peruanischen Herpetologen Pablo J. Venegas (Centro de Ornitología y Biodiversidad, Lima) und des Evolutionsbiologen Santiago Castroviejo-Fisher (Universität Pompeu Fabra, Barcelona) durchgeführt und in Zootaxa, dem weltweit größten Fachjournal für zoologische Neubeschreibungen, veröffentlicht.
Die Anden als Entdeckungsgebiet
Die tropischen Anden gelten als globaler Biodiversitätshotspot mit über 1.000 bekannten Amphibienarten, von denen mehr als die Hälfte endemisch sind und nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen. Der Grund liegt in der vertikalen Gliederung: Auf einer Strecke von wenigen Kilometern Höhendifferenz wechseln sich tropischer Tieflandregenwald, Nebelwald, Páramo und Hochgebirge ab, jede Zone mit eigenen Temperatur- und Feuchtigkeitsverhältnissen. Für Amphibien, die wechselwarm sind und enge Klimatoleranzfenster haben, entstehen so getrennte Populationen, aus denen über Jahrtausende eigenständige Arten werden.
Neue Funde sind in der Region keine Seltenheit. Eine Conservation-International-Expedition in der peruanischen Alto-Mayo-Landschaft stieß 2022 auf 27 bisher unbekannte Arten, darunter drei Amphibienarten. In der Cordillera de Colán, einem Gebirgsrücken im Norden Perus, stieg die Zahl der bekannten Amphibienarten seit Beginn systematischer Erkundungen von 11 auf über 50. Das zeigt weniger, dass plötzlich neue Arten entstehen, als dass weite Teile der Andenregion bis heute kaum untersucht worden sind.
Im Vergleich: Was Artenschutz bewirken kann
Die Entdeckung neuer Arten und der Schutz bekannter Arten sind zwei Seiten desselben Problems. Zwei Beispiele zeigen, was möglich ist, wenn Lebensräume gesichert werden.

Der iberische Luchs galt 2002 mit weniger als 100 freilebenden Tieren als am stärksten bedrohtes Katzentier der Erde. Mit gezielten Schutzmaßnahmen in Spanien und Portugal, Wiederansiedlungsprogrammen und der Wiederherstellung von Kaninchenlebensräumen wuchs die Population bis 2024 auf über 2.000 Tiere. Laut IUCN gilt der iberische Luchs heute nicht mehr als akut vom Aussterben bedroht, ein Statuswechsel der selten eintritt.
Der Bartgeier war 1913 in freier Wildbahn in den Alpen ausgerottet. Ab 1986 begann eine Wiederansiedlung aus Gefangenschaft. Heute leben nach Angaben der Vulture Conservation Foundation über 300 Bartgeier frei in den Alpen, 2024 wurden erstmals mehr als 50 Brutpaare gezählt. Ein Tier das über sieben Jahrzehnte aus dem Alpenraum verschwunden war, hat sich in vier Jahrzehnten erholt.
Für die neu entdeckten Froscharten steht diese Entwicklung noch aus. Oreobates shunkusacha kommt nur an zwei Fundorten vor. Das Einzugsgebiet des Lago Sauce, wo der Frosch lebt, hat in den letzten 40 Jahren 60 Prozent seiner Waldbedeckung verloren, durch kleinbäuerliche Landwirtschaft und illegalen Holzeinschlag. Gastrotheca mittaliiti ist nach Einschätzung der Erstbeschreiber als hochgradig gefährdet einzustufen, sein subalpiner Páramo schrumpft durch Klimawandel und Brandrodung. Entdeckung schützt allein nicht. Sie ist aber die Voraussetzung für Schutz.
Was Perus Bergwälder noch verbergen
Die Frage ist nicht, ob es weitere unentdeckte Arten in Perus Bergwäldern gibt, sondern wie viele. Amphibien gelten als besonders verlässliche Indikatoren für Ökosystemgesundheit, weil sie keine großen Distanzen zwischen Wasser- und Landlebensraum überbrücken können und deshalb auf kleine Habitatveränderungen reagieren. Wer in einem Gebiet neue Froscharten findet, findet in der Regel auch bisher unbekannte Pflanzen, Insekten und Kleinsäuger.
Der Bosques de Vaquero Biokorridor, aus dem Oreobates shunkusacha stammt, ist inzwischen als Schutzgebiet ausgewiesen. Der Schutzstatus verhindert legale Rodung, nicht aber illegale. Ob die drei indigenen Gemeinschaften, die an der Entdeckung beteiligt waren, auch in den Schutz eingebunden werden, entscheidet mit darüber, ob das Schutzgebiet auf dem Papier bleibt oder in der Praxis wirkt. In anderen Teilen Perus haben Kooperationsmodelle zwischen Wissenschaftlern und lokalen Gemeinden gezeigt, dass dauerhafte Waldüberwachung nur funktioniert, wenn die Gemeinschaften wirtschaftlich von ihr profitieren. Neue Arten zu benennen ist der erste Schritt. Den Lebensraum zu halten, ist der zweite.
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