Anthropic im Oktober, OpenAI wartet auf eine Billion
In weniger als vier Monaten könnte Anthropic das wertvollste Unternehmen sein, das je an einer Börse debütiert hat. Während das Unternehmen seinen Oktober-IPO auf dem Nasdaq vorbereitet, hat Sam Altman entschieden: OpenAI geht nicht unter einer Billion Dollar an die Börse. Da diese Schwelle 2026 nach Einschätzung der Berater nicht erreichbar ist, tritt Anthropic im Herbst als erste große KI-Firma allein an. Damit setzt Anthropic die Bewertungsmaßstäbe, an denen OpenAI später gemessen wird.
Sonnet 5, Jalapeño und vier Google-Forscher: Was Ende Juni verändert hat
Drei separate Ereignisse in einer Woche Ende Juni haben das Kräfteverhältnis verschoben. Am 24. Juni stellten OpenAI und Broadcom gemeinsam Jalapeño vor, OpenAIs ersten eigenen Inferenz-Chip. Das maßgeschneiderte ASIC wurde in einem Rekordtempo von neun Monaten entwickelt und soll bis Ende 2026 erstmals eingesetzt werden, ein direkter Versuch, die Abhängigkeit von Nvidia-GPUs zu reduzieren. Gleichzeitig beschränkte die Trump-Administration OpenAIs neues Modell GPT-5.6 auf eine kleine Gruppe vorab genehmigter Partner, bevor es der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird: der erste Fall, in dem die US-Regierung einen Modell-Launch eines amerikanischen KI-Unternehmens vorab begrenzt hat.
Ebenfalls am 24. Juni wurde bekannt, dass Google DeepMind innerhalb einer Woche vier führende KI-Forscher verliert. Noam Shazeer, Mitautor des einflussreichen Transformer-Papers Attention Is All You Need aus dem Jahr 2017, wechselt zu OpenAI. John Jumper, Nobelpreisträger Chemie 2024 und Hauptentwickler von AlphaFold, geht zu Anthropic. Dazu verlassen Jonas Adler und Alexander Pritzel, beide zentral an Googles Gemini-Modell beteiligt, das Unternehmen ebenfalls in Richtung Anthropic. Alphabet-Aktien verloren in der Woche der Abgänge zeitweise bis zu sieben Prozent.
Am 30. Juni lancierte Anthropic Claude Sonnet 5. Laut Anthropic erreicht das Modell annähernd das Leistungsniveau von Opus 4.8, ist aber zu deutlich niedrigeren Kosten verfügbar: zwei Dollar pro Million Input-Token bis Ende August. Das Modell ist auf autonom handelnde KI-Anwendungen ausgelegt und senkt die Einstiegshürde für Entwickler, die bisher auf das teurere Flaggschiff-Modell angewiesen waren.
Warum Altman auf 2027 wartet
OpenAI hatte ursprünglich einen Börsengang im Herbst 2026 anvisiert. Laut einem Bloomberg-Bericht vom 26. Juni hat Sam Altman einen harten Mindestpreis gesetzt: Eine Billion Dollar. Berater teilten ihm mit, dieser Wert sei 2026 nicht erreichbar. Die zuletzt bekannte Privatbewertung lag im März 2026 bei 852 Milliarden Dollar, ein Abstand von rund 17 Prozent zur Billion-Schwelle.
Finanzvorständin Sarah Friar soll intern für eine Verschiebung auf 2027 plädiert haben. Zwei Argumente sprechen für diesen Kurs: OpenAI hat sich zu Infrastrukturausgaben von rund 600 Milliarden Dollar verpflichtet, was öffentliche Quartalsberichtspflichten erheblich verkompliziert. Zusätzlich warnen Berater vor dem zuletzt schwachen Börsenverlauf nach dem SpaceX-Listing als Negativbeispiel. Eine offizielle Bestätigung der Verschiebung steht noch aus; intern läuft der Rückzieher als stille Planungsanpassung.
Was Anthropics Oktober-Debüt für den Markt bedeutet
Anthropics IPO wird mit einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar angepeilt. Käme das Unternehmen tatsächlich bei einer Billion Dollar an die Börse, wäre es die erste Firma überhaupt, die bei ihrem Börsengang diese Schwelle erreicht. Für die gesamte KI-Branche hat das eine spezifische Konsequenz: Das Preis-zu-Umsatz-Verhältnis, das institutionelle Investoren im Oktober bei Anthropic akzeptieren, wird zum Referenzwert für OpenAIs Börsenpläne in 2027. Anthropic weist einen hochgerechneten Jahresumsatz von rund 47 Milliarden Dollar aus, was dem rund 20-fachen Jahresumsatz entspräche.
Kritisch beobachtet wird, ob die First-Mover-Prämie nachhaltig bleibt. Analysten von CNBC und Fortune verweisen auf eine Verschiebung im Nutzerverhalten: Unternehmen wechseln zunehmend von ressourcenintensiven Flaggschiff-Modellen zu günstigeren Sonnet-Tier-Angeboten. Das drückt potenziell auf die Margen, die Investoren vor dem IPO sehen wollen. Ob Claude Sonnet 5 diese Erwartung stützt oder untergräbt, hängt davon ab, wie sich das Verhältnis zwischen Sonnet- und Opus-Nutzung entwickelt.
Oktober: Wer Anthropic bewertet, legt den Kurs für OpenAI fest
Für Anthropic kommt eine strategische Dynamik hinzu: Je höher das Börsendebüt, desto mehr Druck entsteht auf OpenAI, die eigene Milliarden-Linie zu halten oder schnell aufzuholen. Amazon und Google, beide Großinvestoren und zugleich Hauptvertriebskanäle für Claude über AWS Bedrock und Google Cloud Vertex AI, haben ein direktes Interesse daran, dass Anthropics Bewertung hält.
Der Oktober-Termin ist noch nicht offiziell bestätigt. Nach der SEC-Prüfung des vertraulich eingereichten S-1 wird Anthropic einen öffentlichen Termin und den angestrebten Ausgabepreis bekanntgeben. Wann genau GPT-5.6 für die breite Öffentlichkeit freigegeben wird und ob OpenAI bis dahin weitere Modelle veröffentlicht, wird mitbestimmen, wie stark Anthropic seinen technologischen Vorsprung bis zum IPO noch verteidigen muss.
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