64 Cent billiger: Polen senkt Kraftstoffsteuer auf 8 Prozent
Wirtschaft

64 Cent billiger: Polen senkt Kraftstoffsteuer auf 8 Prozent

Polen senkt die Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe ab heute auf 8 Prozent, ein Maximalpreis von 1,49 Euro pro Liter gilt für Normalbenzin. Im Vergleich zu Deutschland, wo E10 derzeit 2,13 Euro kostet, sind das 64 Cent weniger. Kein Ersatz für den deutschen Tankrabatt ist in Sicht.

Quellen (10)
  1. ad-hoc-news: Polen senkt Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe, 23 Cent Rabatt ab 17. Augustad-hoc-news.de
  2. Verkehrsrundschau: Polen senkt Spritpreise bis Ende Augustverkehrsrundschau.de
  3. t-online: Polen sagt hohen Spritpreisen den Kampf ant-online.de
  4. energynewsmagazine.at: Polen senkt vorübergehend Mehrsteuer für Treibstoffeenergynewsmagazine.at
  5. onvista: Polen senkt vorübergehend Mehrsteuer für Treibstoffeonvista.de
  6. Euronews: Polen erwägt höhere Preise für deutsche Tanktouristende.euronews.com
  7. Die Welt: Polen macht Sprit bis zu 23 Cent billiger, sollte Deutschland nachziehen?welt.de
  8. ADAC: Aktuelle Spritpreise Deutschlandadac.de
  9. ka-news: Niedrige Spritpreise in Polen, kann Deutschland lernen?ka-news.de
  10. FAZ: CDU, der Frust reicht bis in die Reihen der Merz-Fansfaz.net
18. August 2026, 0:42 Uhr798 Wörter · 4 Min. Lesezeit

An Tankstellen in Słubice, Zgorzelec und Cieszin beginnt der Montag mit einem anderen Kassenzettel. Polen startet heute die zweite Runde seines Kraftstoffpreisprogramms „Ceny Paliwa Niżej“ (Kraftstoffpreise runter): Die Mehrwertsteuer auf Benzin und Diesel sinkt bis zum 31. August auf 8 Prozent und Energieminister Miłosz Motyka setzt täglich einen Maximalpreis für den Einzelhandel. Für Autofahrer, die heute aus dem Urlaub zurückfahren und noch auf polnischer Seite tanken, ist die Preisdifferenz zu deutschen Preisen so groß wie seit Jahren nicht. Wer 50 Liter füllt, spart gegenüber einem deutschen Durchschnittspreis rund 32 Euro.

Das Programm und seine Mechanik

Polen hatte sein Instrument der temporären Mehrwertsteuerreduktion auf Kraftstoffe bereits zwischen dem 29. März und dem 30. Juni 2026 eingesetzt. Jetzt läuft der zweite Durchgang: Bis zum 31. August gilt der reduzierte Satz von 8 Prozent statt des polnischen Regelsteuersatzes von 23 Prozent. Energieminister Motyka legt täglich einen maximalen Einzelhandelspreis fest, der sich an den Großhandelspreisen der größten Anbieter orientiert. Damit ist sichergestellt, dass die Steuerentlastung tatsächlich an der Zapfsäule ankommt und nicht von den Anbietern einbehalten wird.

Der Preisabstand zum Ausgangsniveau von rund 1,66 Euro pro Liter vor der Maßnahme beträgt etwa 17 Cent. Die Regierung hatte „bis zu 23 Cent“ Ersparnis angekündigt, ein Wert, der sich bei höheren Ausgangspreisen und anderen Tankstellensegmenten ergibt. Das Besondere an Polens Situation: Der Regelsteuersatz von 23 Prozent gehört zu den höchsten in der Europäischen Union. Gerade deshalb ist der Spielraum für eine temporäre Senkung besonders groß.

64 Cent weniger: Die Steuer-Arithmetik

Der Vergleich zwischen 1,49 Euro in Polen und 2,13 Euro in Deutschland ist kein Zufall, sondern das Ergebnis unterschiedlicher Steuerpolitiken. Der ADAC errechnete, dass Autofahrer in Deutschland rund 54 Prozent des E10-Preises als Steuern und Abgaben zahlen. Herzstück ist die Energiesteuer mit 65,45 Cent pro Liter netto, dazu kommt die 19-prozentige Mehrwertsteuer auf den gesamten Preis einschließlich der Energiesteuer.

Paradoxerweise ist Polens Regelsteuersatz auf Kraftstoff höher als der deutsche: 23 gegenüber 19 Prozent. Aber genau das macht den Unterschied: Wer von 23 auf 8 Prozent kürzt, erzielt eine größere Wirkung als wer von 19 Prozent auf 8 Prozent kürzen würde. Deutschlands letzter Eingriff, der Tankrabatt von Mai bis Juni 2026, senkte nicht die Mehrwertsteuer, sondern die Energiesteuer um 14 Cent netto pro Liter. Dieser Ansatz ist ausgelaufen und wurde nicht verlängert. Die Kombination aus hoher Energiesteuer und 19-prozentiger Mehrwertsteuer macht Deutschland strukturell zu einem der teuersten Kraftstoffmärkte Europas.

Tanktourismus: Polens Dilemma mit dem Grenzrabatt

Als Polen die erste Runde seines Programms im Frühjahr startete, berichtete Euronews im März 2026 über polnische Überlegungen, an Grenzstationen höhere Preise für ausländische Abnehmer festzusetzen. Umgesetzt wurde das nie, aber die Sorge war berechtigt. Bei 64 Cent Preisunterschied lohnt es sich für deutsche Autofahrer in Grenznähe, selbst längere Umwege einzukalkulieren. Ein voller 70-Liter-Tank in Słubice statt Frankfurt (Oder) spart knapp 45 Euro.

Der ADAC weist in seinen Reiseinformationen für Polen explizit auf günstigere Kraftstoffpreise hin. Das bedeutet konkret: Ein Teil des polnischen Steuerverzichts kommt deutschen Urlaubsrückkehrern zugute, nicht nur polnischen Haushalten. Für die Regierung des Premierministers Donald Tusk ist das ein bekannter Nebeneffekt, den sie offenbar politisch in Kauf nimmt.

Kein Plan B in Berlin

Seit dem Auslaufen des deutschen Tankrabatts am 30. Juni hat die Koalition keine Anschlussmaßnahme beschlossen. Der ADAC hat in den vergangenen Wochen wiederholt darauf hingewiesen, dass das Preisniveau für Kraftstoff in Deutschland zu hoch liegt. Konkrete Abhilfe ist nicht in Sicht. Die FAZ berichtete am heutigen Montag, dass der Frust über die wirtschaftspolitische Bilanz der Bundesregierung bis in die Reihen von CDU-Stammwählern reicht. Die Kraftstoffpreise sind dabei ein Datenpunkt unter mehreren.

Umweltökonomen und Klimaökonomen sehen die ganze Debatte mit anderen Vorzeichen. Eine Mehrwertsteuerreduktion auf fossile Kraftstoffe ist aus Klimaperspektive das falsche Signal: Sie belohnt höheren Verbrauch und macht den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel oder Elektromobilität relativ unattraktiver. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in früheren Analysen darauf hingewiesen, dass Kraftstoffsteuersenkungen bei den Verteilungseffekten schlecht abschneiden, weil Vielfahrer und Besitzer großer Fahrzeuge überproportional profitieren. Sozialverbände wie der Sozialverband VdK und die Caritas haben wiederholt gefordert, Niedriglohnpendler gezielt zu entlasten statt alle Autofahrer pauschal.

Polens Maßnahme endet am 31. August. Ob eine dritte Runde des Programms kommt, hat die Regierung Tusk bislang nicht angekündigt. Deutschland steht ohne vergleichbares Instrument da und hat nach dem politischen Erschöpfungskampf um den Tankrabatt derzeit keine Kapazität, eine neue Debatte zu eröffnen. Für Autofahrer, die heute durch Polen nach Hause fahren, ist das eine rechnerische Gleichgültigkeit: Sie tanken trotzdem voll, bevor sie die Grenze überqueren.

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