Rendite vor Patient: PE-Fonds kaufen Arztpraxen
Investigativ

Rendite vor Patient: PE-Fonds kaufen Arztpraxen

Mindestens 54 Praxisketten mit fast 50.000 Beschäftigten an rund 2.000 Standorten gehören in Deutschland heute Finanzinvestoren. Ein verbindliches Transparenzregister, das Eigentümerstrukturen sichtbar macht, fehlt bis heute.

30. Juni 2026, 6:43 Uhr 1771 Wörter · 9 Min. Lesezeit

Wer in Bayern zum Zahnarzt geht, sitzt in jedem fünften MVZ in einer Praxis, die einem Finanzfonds gehört. Der Arzt, der behandelt, hat oft keinen Einblick in die Eigentümerstruktur seines Arbeitgebers. Der Patient hat ihn nie. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer regulatorischen Entscheidung: Deutschland hat kein verbindliches Transparenzregister für investorengetragene Medizinische Versorgungszentren. Ein entsprechender Vorschlag scheiterte. Die neue Bundesregierung hat Regulierung angekündigt. Beschlossen ist Stand Sommer 2026 noch nichts.

Zehn Jahre, zehnfach: Der stille Aufkauf

In den frühen 2000er Jahren öffnete die Einführung der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) erstmals die Tür für externe Eigentümer in der ambulanten Versorgung. Was als Instrument zur Modernisierung des Gesundheitswesens gedacht war, entpuppte sich als Einstiegstor für eine neue Art von Investor.

Laut einer Untersuchung von Finanzwende Recherche hat sich die Zahl der Akquisitionen durch PE-Gesellschaften im deutschen Gesundheitswesen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verzehnfacht. Ende 2024 kontrollierten PE-Gesellschaften mindestens 54 Praxisketten mit fast 50.000 Beschäftigten an rund 2.000 Standorten. Den stärksten Anteil hält die Zahnmedizin: 12 Ketten mit rund 500 Standorten und 12.500 Beschäftigten. Die Radiologie folgt mit 8 Ketten. In der Augenheilkunde vereinen wenige Ketten die meisten Einzelstandorte, 504 Praxisstandorte allein in diesem Fachgebiet.

Im Dentalsegment treten bekannte internationale Namen auf: Nordic Capital aus Schweden, EQT ebenfalls aus Schweden, Altor Equity (Schweden), Quadriga aus Deutschland, Summit Partners aus den USA sowie Investcorp aus Bahrain und Jacobs Holding aus der Schweiz. Die nach Standorten größte MVZ-Kette in Deutschland, Acura MVZ, gehört Investcorp und betreibt rund 90 Niederlassungen. Seit dem Jahr 2021 entfielen rund 90 Prozent aller Akquisitionen von Radiologiepraxen auf Investorengruppen.

In Bayern zeigt sich das Ausmaß besonders deutlich: Hinter jeder fünften MVZ steht inzwischen ein PE-Eigentümer, vor fünf Jahren war es jede neunte. Die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) hat diese Entwicklung 2024 als Gefahr für die ambulante Versorgung bezeichnet und Regulierung gefordert. Die Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erklärten, Patientenversorgung dürfe nicht von Investoreninteressen getrieben sein.

Das Modell hinter dem Modell

Das Geschäftsprinzip von Private Equity im Gesundheitswesen ist bei allen Unterschieden im Detail gleichförmig. Ein Fonds erwirbt eine Praxis oder eine Kette, finanziert den Kauf zu einem erheblichen Teil über Fremdkapital (Fremdkapitalquoten von bis zu 3:1 sind üblich), fügt durch schrittweisen Zukauf weitere Praxen zu einer Kette zusammen und verkauft das Gesamtpaket nach fünf bis sieben Jahren weiter. Das Renditeziel liegt nach Branchenangaben bei 15 bis 20 Prozent jährlich. Eine typische unabhängige Arztpraxis erwirtschaftet eine Gewinnmarge von 12 bis 18 Prozent vor Strukturveränderungen. Um das Renditeziel zu erreichen, sind systematische Kostensenkungen erforderlich.

Eine internationale Befundlage stützt diese Einschätzung. Eine systematische Übersichtsarbeit, 2023 im British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht, wertete 55 Einzelstudien zu PE-Übernahmen im Gesundheitswesen aus acht Ländern aus. Das Ergebnis war eindeutig: PE-Eigentümerschaft war in den untersuchten Studien konsistent mit Kostensteigerungen für Patienten und Kostenträger verbunden, in einzelnen Bereichen um bis zu 32 Prozent. Auf die Versorgungsqualität hatten PE-Übernahmen gemischte bis schädliche Auswirkungen. In einem Teilbereich der Übersichtsarbeit, der Pflegeheime unter PE-Trägerschaft untersuchte, wurden über 20.000 zusätzliche Todesfälle bei Bewohnern über einen Zwölfjahreszeitraum festgestellt.

Wie systematisches Overtreatment in einem PE-geführten Gesundheitsunternehmen aussieht, illustriert das US-amerikanische Beispiel Aspen Dental. Die Zahnarztkette, mehrheitlich im Besitz von PE-Investoren, steht seit über einem Jahrzehnt im Visier von Behörden und Staatsanwaltschaften. 2015 schloss das Büro des New Yorker Generalstaatsanwalts eine Einigung mit Aspen Dental, nachdem dem Unternehmen vorgeworfen wurde, Mitarbeiter zu Umsatzsteigerungen anzureizen und zu drängen, Patienten für teure Behandlungen zu gewinnen. Im Dezember 2021 klagte die Generalstaatsanwältin von Massachusetts wegen irreführender Werbepraktiken. Im Mai 2026 einigte sich der kalifornische Generalstaatsanwalt mit Aspen Dental wegen Verstößen gegen das Verbot kommerzieller Einflussnahme auf ärztliche Entscheidungen. Der Preis waren finanzielle Sanktionen und verschärfte Complianceauflagen. Im Juni 2021 nahm Aspen Dental eine schuldenfinanzierte Sonderdividende von 835 Millionen Dollar auf und brachte damit das Verhältnis von Schulden zu Betriebsgewinn auf das 7,4-Fache, was Moody's zu einer Herabstufung des Kreditausblicks veranlasste.

Deutschland hat kein Aspen Dental. Noch nicht. Die Strukturen sind vergleichbar. Die Regulierung ist schwächer.

Das Transparenzdefizit

In Deutschland fehlt ein zentrales Eigentümerregister für MVZ. Wer die Anteile an einer GmbH hält, die eine Praxiskette betreibt, ist für Patienten und Aufsichtsbehörden nicht ohne weiteres erkennbar. Finanzierungen laufen oft über Holdingstrukturen und Zweckgesellschaften. Die BZÄK und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) haben wiederholt vor diesem Transparenzdefizit gewarnt. Auch Transparenzorganisationen wie Lobbycontrol haben das als faktischen Schutz für intransparente Beteiligungsstrukturen bezeichnet.

Ein Vorschlag für ein verbindliches MVZ-Transparenzregister scheiterte unter der Vorgängerregierung mit FDP-Beteiligung. Begründet wurde die Ablehnung mit Wettbewerbsschutz und dem Schutz von Geschäftsgeheimnissen. Die Grünen hatten im Bundestag mehr Transparenz bei MVZ-Investoren gefordert, kamen damit aber nicht durch. Bis heute gibt es keine zentrale Erfassung von PE-Anteilen an Praxisnetzen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) formuliert offiziell Skepsis gegenüber renditeorientierten Investoren in der Medizin. In einer Pressemitteilung aus dem Jahr 2022 erklärte die KBV, Finanzinvestoren, die primär auf Rendite fokussieren, passten nicht in ein System, das den Patientennutzen in den Mittelpunkt stelle. Eine konkrete Regulierungsinitiative folgte darauf nicht. Die Bundesärztekammer wies 2021 auf die Renditelogik in der Heilkunde hin, ohne daraus eine Forderung nach spezifischen PE-Sperrklauseln zu machen.

Der Marburger Bund, die größte Ärztegewerkschaft Deutschlands, behandelt das Thema primär als Arbeitsmarktproblem. Die Gewerkschaft ver.di hat keinen direkten Zugang zu Tarifverhandlungen für niedergelassene Ärzte, da diese rechtlich als Freiberufler gelten. Für eine systemische Regulierungsstrategie reicht das nicht.

Was bleibt, ist ein Kontrolldefizit, das sich in nackten Zahlen ausdrückt. Je nach Fachgebiet ist nicht bekannt, wie viele der Praxen, bei denen Patienten täglich Termine machen, bereits unter PE-Eigentümerschaft stehen. Der Patient weiß es nicht. Der Hausarzt, der überweist, oft auch nicht.

Was das iMVZ-Gesetz regeln soll und was es nicht tut

Die CDU/CSU-SPD-Bundesregierung hat sich im Frühjahr 2025 verpflichtet, investorengetragene MVZ (iMVZ) regulatorisch zu fassen. Geplant sind ein Transparenzregister, das wirtschaftliche Eigentümer offenlegt, sowie Anforderungen, die sicherstellen sollen, dass Kassenmittel der Versorgung zugutekommen und nicht allein als Renditequelle dienen. MVZ-Betreiber und ihre Interessengruppen signalisieren Unterstützung für ein Transparenzregister, lehnen weitergehende Einschränkungen aber ab. Patientenorganisationen fordern strengere Regeln.

Stand Sommer 2026 liegt ein verabschiedetes Gesetz noch nicht vor. Die Bundesärztekammer hat im November 2025 zum aktuellen Regulierungsantrag der Grünen Stellung genommen. In Skandinavien, wo öffentliche Gesundheitssysteme traditionell dominant sind, ist der PE-Anteil im ambulanten Sektor erheblich geringer als in Deutschland. Der Grund ist weniger eine explizite PE-Beschränkung als die Struktur selbst: Breite staatliche Grundversorgung lässt kaum eine Lücke, in die privates Kapital profitabel eindringen könnte.

In Deutschland ist diese Lücke längst geöffnet. Solange kein Eigentümerregister besteht und keine verbindliche Offenlegungspflicht für wirtschaftliche Berechtigte gilt, können Patienten nicht wissen, wem ihre Arztpraxis gehört. Sie können nicht wissen, ob die Entscheidung für oder gegen eine Behandlung medizinischen Maßstäben folgt oder einem Renditeziel. Das ist kein theoretisches Problem. Es ist eine strukturelle Vertrauensfrage an das gesamte System ambulanter Versorgung.

Quellen (22)
Finanzwende Recherche: Private-Equity-Beteiligungen an Arztpraxen · Finanzwende: Rendite vor Patientenwohl (Studienbericht) · Zm-online: Private Equity in der ambulanten Versorgung, neue Studie 2025 · VdIVDE-IT: Im Fokus Finanzinvestoren ambulante Versorgung, Transparenzregister 2025 · Kassenärztliche Vereinigung Bayern: Pressemitteilung iMVZ Juli 2024 · KZBV: Fremdinvestoren in der vertragszahnärztlichen Versorgung 2024 · Bayerische Landesärztekammer: Profitorientierte Praxisketten gefährden die ambulante Versorgung 2024 · AWMF: Patientenversorgung darf nicht von Investoren-Interessen getrieben sein · Bundesärztekammer: Stellungnahme MVZ Antrag Grüne November 2025 · PubMed/BMJ: Systematic review – PE ownership impacts on health outcomes, costs and quality 2023 · Columbia University Mailman School: PE investments in health care may increase costs 2023 · California Attorney General: Settlement with Aspen Dental 2026 · Private Equity Stakeholder Project: Aspen Dental investigations · PESP: PE drills into dental care industry, DSO report July 2021 · Deutsches Ärzteblatt: Private Finanzinvestoren breiten sich in ambulanter Medizin aus · Deutsches Ärzteblatt: Private-Equity-Übernahmen erhöhen Kosten für Patienten und Kostenträger · Sermo: Private-Equity-Firmen kaufen Arztpraxen – Auswirkungen auf Ärzte und Patientenversorgung · Observer Gesundheit: MVZ – Zukunftsmodell oder Opfer von Private Equity? · Zm-online: Grüne fordern mehr Transparenz bei MVZ-Investoren · Tagesspiegel Background: MVZ-Regulierung – wem gehören unsere Arztpraxen? · Ärztestellen / Deutsches Ärzteblatt: Investoren im MVZ – das Problem mit PE-Firmen · Bundeszahnärztekammer: Investorengesteuerte MVZ Position

Kommentare