
Stellaris: Plan für Europas erstes kommerzielles Fusionskraftwerk
Quellen (9)
- Max Planck IPP: MOU Unterzeichnung 26. Februar 2026ipp.mpg.de
- ANS Nuclear Newswire: Proxima Fusion MOU Detailsans.org
- Proxima Fusion: Offizielle MOU-Pressemitteilungproximafusion.com
- World Nuclear News: Wendelstein 7-X setzt neue Fusionsrekordeworld-nuclear-news.org
- Max-Planck-Gesellschaft: Proxima Fusion sammelt 411 Millionen Euro einmpg.de
- Pulse2: Proxima Fusion Alpha-Projekt 2 Milliarden Europulse2.com
- Yahoo Finance: Proxima Fusion RWE Bayern Max Planck MOUfinance.yahoo.com
- ITER Organization: Projektmeilensteine und Zeitplaniter.org
- Deeptech.build: Europäische Fusionsunternehmen im Vergleichdeeptech.build
Ein 43 Sekunden langer Moment in Greifswald hat verändert, was als machbar gilt. Am 22. Mai 2025 übertraf der Stellarator Wendelstein 7-X erstmals die besten bekannten Tokamak-Werte bei langen Plasmaentladungszeiten. Neun Monate später unterzeichneten die bayerische Staatsregierung, der Energiekonzern RWE, das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) und das Münchner Fusionsunternehmen Proxima Fusion ein Memorandum, dasEuropas erstes kommerzielles Fusionskraftwerk konkret werden lässt: Es soll in Gundremmingen entstehen, am Standort eines ehemaligen Kernkraftwerks.
Warum Kernfusion anders ist als Kernspaltung
Kernfusion verschmilzt leichte Atomkerne, typischerweise Deuterium und Tritium, zu schwereren und setzt dabei erhebliche Energie frei. Die Unterschiede zur heute betriebenen Kernspaltung sind grundlegend: Kein langlebiger hochaktiver radioaktiver Abfall entsteht; die Neutronenaktivierung der Reaktorwände erzeugt nieder- bis mittelradioaktive Strukturmaterialien, die nach rund 100 Jahren konventionell entsorgt werden können. Ein Meltdown-Szenario ist physikalisch ausgeschlossen, weil das Plasma bei jeder Störung in Millisekunden erlischt. Deuterium lässt sich aus Meerwasser gewinnen und steht praktisch unbegrenzt zur Verfügung.
Für die Plasmaphysik konkurrieren seit Jahrzehnten zwei Bauformen. Tokamaks, donutförmige Reaktoren, nutzen einen im Plasma induzierten Strom als Teil des einschließenden Magnetfelds. Das zwingt sie in einen Pulsbetrieb, der für ein kommerzielles Kraftwerk unpraktisch ist. Stellaratoren dagegen, deren kompliziert verdrillte Magnetspulen das gesamte Einschlussfeld von außen erzeugen, können theoretisch kontinuierlich laufen. Jahrzehntelang galten sie als den Tokamaks beim zentralen Leistungswert, dem Tripelprodukt aus Dichte, Temperatur und Einschlusszeit, unterlegen. Bei langen Plasmaentladungen gilt das seit Mai 2025 nicht mehr.
Der Weltrekord in Greifswald: 43 Sekunden verändern das Bild
Am 22. Mai 2025 hielt Wendelstein 7-X über eine Plasmaentladung von 43 Sekunden ein Tripelprodukt aufrecht, das erstmals die damals bekannten Tokamak-Werte bei vergleichbar langen Entladungszeiten übertraf. Das Plasma erreichte dabei 30 Millionen Grad Celsius, zehn Gyrotron-Generatoren lieferten zehn Megawatt Heizleistung. Die kumulierte Energieabgabe über 360 Sekunden Plasmabetrieb lag bei 1,8 Gigajoule und übertraf damit den bisherigen Rekord von 1,3 Gigajoule.
Ermöglicht hat den Durchbruch eine Pellet-Injektionsanlage des Oak Ridge National Laboratory (USA), die etwa 70 gefrorene Wasserstoffpellets mit 300 bis 800 Metern pro Sekunde ins Plasma schoss und damit ein zentrales technisches Problem von Stellaratoren demonstrierte: die kontinuierliche Plasmabetankung über lange Betriebsphasen.
Alpha in Garching, Stellaris in Gundremmingen: Der Zweistufenplan
Das Memorandum of Understanding vom 26. Februar 2026 legt einen konkreten Zweistufenplan fest. Erste Stufe ist „Alpha”, ein Demonstrations-Stellarator in Garching nahe dem IPP-Campus. Der Baubeginn ist für 2027 geplant, die Gesamtkosten werden auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt. Bayern hat bis zu 400 Millionen Euro als Landesanteil zugesagt. Bis 2031 soll Alpha beweisen, dass ein Stellarator mehr Energie erzeugt als verbraucht.
Zweite Stufe ist Stellaris, nach Proxima Fusions Planungen das erste kommerzielle Fusionskraftwerk in Europa, geplant am Standort des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen. RWE bringt als ehemaliger Betreiber Erfahrung im Bau und Betrieb komplexer Kraftwerksanlagen ein, IPP übernimmt die wissenschaftliche Führung, Proxima das Engineering und den Bau. Proxima Fusion hat inzwischen 411 Millionen Euro von einem Investorenkonsortium aus internationalen und deutschen Geldgebern eingesammelt, eine bedeutende Finanzierungsrunde in der europäischen Fusionsforschung.
Im Vergleich: Wo die globale Fusionsforschung steht
ITER, das internationale Fusionsprojekt in Cadarache im südfranzösischen Département Bouches-du-Rhône, gilt als eines der teuersten wissenschaftlichen Projekte der Geschichte: mehr als 22 Milliarden Euro Gesamtbudget, Tokamak-Design, Betrieb frühestens in der Mitte der 2030er Jahre. ITER soll keinen Strom erzeugen, sondern die wissenschaftliche Basis für das Nachfolgeprojekt DEMO legen, das erstmals elektrische Energie ins Netz einspeisen würde.
Commonwealth Fusion Systems (Devens, Massachusetts) verfolgt einen Tokamak-Ansatz mit Hochtemperatur-Supraleitermagneten und hat mehrere Milliarden Dollar von privaten Investoren eingesammelt. Der strukturelle Unterschied zum Stellarator-Ansatz: Tokamaks brauchen Pulsunterbrechungen, Stellaratoren könnten kontinuierlich laufen. Für ein kommerzielles Kraftwerk, das rund um die Uhr Strom liefert, ist das ein erheblicher Vorteil.
Die Alpha-Anlage soll als erster Stellarator Nettoenergie nachweisen und damit die wissenschaftliche Grundlage für Stellaris legen. Deutschland hat damit zwei komplementäre Fusionsansätze im Wettbewerb: Wendelstein 7-X als Forschungsreaktor in Greifswald und die kommerzielle Stellarator-Linie mit Alpha und Stellaris in Bayern.
Bis 2031: Wenn Alpha gelingt, rückt Stellaris näher
Noch in diesem Jahr nimmt Wendelstein 7-X nach einer Wartungsphase den Betrieb wieder auf. Das erklärte wissenschaftliche Ziel der neuen Experimentphase ist es, das Verhältnis von Plasmadruck zu Magnetdruck auf vier Prozent zu steigern, die Grenze, ab der Bedingungen als kraftwerksrelevant gelten. Im Rekordexperiment vom Mai 2025 lagen drei Prozent vor, die Lücke zu den benötigten vier bis fünf Prozent ist kleiner geworden, aber noch nicht geschlossen.
2027 soll der Bau von Alpha in Garching beginnen. Wenn die Anlage 2031 Nettoenergie erreicht, ist der Weg zu Stellaris frei. Bayern hat die Standortentscheidung getroffen, RWE bringt die industrielle Infrastruktur, das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik die wissenschaftliche Expertise. Was bis vor wenigen Jahren als Energiequelle der fernen Zukunft galt, hat jetzt einen konkreten Zeitplan, konkrete Standorte und konkrete Budgets. Ob dieser Plan hält, wird sich bis 2031 zeigen.
Kommentare