
1,5 Prozent mehr Reallohn, aber nicht für alle
Quellen (10)
- Destatis: Reallöhne im zweiten Quartal 2026destatis.de
- Destatis: Methodik des Nominallohn- und Reallohnindexdestatis.de
- Deutschlandfunk: Reallöhne steigen weiterdeutschlandfunk.de
- Kiel Institut: Reallohnanstieg erleidet Dämpferkielinstitut.de
- Mindestlohnkommission: Höhe und Anpassung des Mindestlohnsmindestlohn-kommission.de
- WSI: Halbjahresbilanz der Tariflöhne 2026wsi.de
- DGB: 15 Millionen Beschäftigte bekommen mehr Gelddgb.de
- Destatis GENESIS: Reallohnindex 2021 bis 2025genesis.destatis.de
- Bundesbank: Deutschland Prognose Juni 2026publikationen.bundesbank.de
- Bundesbank: Konjunkturlage August 2026publikationen.bundesbank.de
Die Kaufkraft der Löhne ist im zweiten Quartal 2026 erneut gestiegen. Hinter dem Plus von 1,5 Prozent stehen aber sehr verschiedene Erfahrungen. Das unterste Fünftel der Vollzeitbeschäftigten bekam nominal 6,7 Prozent mehr. In wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen lag der Zuwachs nur bei 1,8 Prozent und damit unter der allgemeinen Teuerungsrate. Die Durchschnittszahl ist deshalb eine echte Verbesserung und zugleich eine unvollständige Beschreibung des Alltags.
4,1 Prozent Lohn treffen auf 2,5 Prozent Inflation
Die Nominallöhne lagen von April bis Juni im Mittel 4,1 Prozent über dem Vorjahresquartal. Die Verbraucherpreise stiegen um 2,5 Prozent. Daraus ergibt sich laut der neuen Erhebung des Statistischen Bundesamts ein Reallohnzuwachs von 1,5 Prozent. Im ersten Quartal hatte das reale Plus noch 1,8 Prozent betragen. Die Nachricht des Deutschlandfunks verweist ebenfalls auf das verlangsamte Wachstum.
Der Kieler Arbeitsmarktforscher Dominik Groll sieht darin eine Abbremsung. In seiner Einordnung für das Kiel Institut für Weltwirtschaft führt er die höhere Inflation vor allem auf gestiegene Energiepreise infolge des Irankriegs zurück. Der Tankrabatt habe den Anstieg bei Diesel und Benzin nur teilweise ausgeglichen. Die Bruttolöhne wuchsen ähnlich stark wie zuvor. Die Preise fraßen aber wieder einen größeren Teil davon auf.
Am unteren Rand stiegen die Verdienste am stärksten
Das Fünftel der Vollzeitkräfte mit den niedrigsten Verdiensten kam auf ein nominales Plus von 6,7 Prozent. Beim obersten Fünftel waren es 3,3 Prozent. Auszubildende erhielten im Durchschnitt sechs Prozent mehr und geringfügig Beschäftigte 4,7 Prozent. Der Mindestlohnsprung dürfte einen Teil des kräftigen Plus am unteren Rand erklären. Die aktuelle Mitteilung von Destatis zerlegt den Zuwachs aber nicht nach Ursachen. Der gesetzliche Mindestlohn stieg zum 1. Januar 2026 von 12,82 auf 13,90 Euro je Stunde. Das entspricht rund 8,4 Prozent. Die Mindestlohnkommission nennt für 2027 bereits 14,60 Euro.
Auch Tarifabschlüsse stützen die Kaufkraft. Das WSI-Tarifarchiv kommt in seiner Halbjahresbilanz auf nominal 3,1 Prozent mehr Tariflohn für 2026. Verglichen mit der Teuerung von 2,4 Prozent im ersten Halbjahr ergibt sich rechnerisch ein reales Plus von 0,7 Prozent. Das ist noch keine endgültige Reallohnbilanz für das Gesamtjahr. WSI-Leiter Thorsten Schulten warnt zugleich, dass die Verluste der Inflationsjahre 2021 bis 2023 bei den Tariflöhnen gegenüber 2020 noch nicht vollständig aufgeholt sind. Der Deutsche Gewerkschaftsbund verweist auf rund 15 Millionen Beschäftigte mit höheren Tarifentgelten und argumentiert, dass Nullrunden auch die schwache Konjunktur bremsen würden.
Zwischen Energiebranche und Unterricht liegen Welten
Die größten nominalen Zuwächse meldet Destatis in Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei mit 8,9 Prozent. Es folgen die Energieversorgung mit 7,6 Prozent und Finanzdienstleistungen mit 7,5 Prozent. Deutlich schwächer entwickelten sich Kunst und Unterhaltung mit 3,4 Prozent, Erziehung und Unterricht mit 2,4 Prozent sowie wissenschaftliche und technische Dienstleistungen mit 1,8 Prozent.
Die letzten beiden Werte lagen damit höchstens auf Höhe der allgemeinen Inflation oder darunter. Daraus folgt nicht automatisch für jede Person derselbe reale Verlust. Destatis vergleicht Branchenlöhne mit einem Preisindex für alle privaten Haushalte. Wer besonders viel für Energie, Miete oder Lebensmittel ausgibt, kann eine höhere persönliche Teuerung erleben. Wer eine Sonderzahlung bekam, kann im Index stärker erscheinen als auf dem regelmäßigen Monatszettel.
Hinzu kommt eine Datenlücke. Werte für öffentliche Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung werden derzeit nicht veröffentlicht. Destatis hat dort methodische Probleme durch strukturelle Veränderungen festgestellt. Gerade für einen großen Beschäftigungsbereich fehlt damit ein vergleichbarer Branchenwert.
Der Durchschnitt ist kein Nettoverdienst
Der Nominallohnindex misst Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen. Steuern, Sozialabgaben und staatliche Transfers fließen nicht ein. Er beantwortet deshalb die Frage, ob Bruttolöhne schneller als ein durchschnittlicher Warenkorb steigen. Er beantwortet nicht, wie viel Geld ein bestimmter Haushalt nach Miete und Abgaben übrig hat.
Solche Verschiebungen der Beschäftigtenstruktur sollen den Index gerade nicht direkt verändern. Nach dem methodischen Hinweisen von Destatis hält der Laspeyres-Kettenindex die Struktur des jeweiligen Vorjahres unter anderem nach Branche, Beschäftigungsumfang und Ausbildungsabschluss konstant. Er vergleicht damit möglichst Gleiches mit Gleichem. Über längere Zeiträume werden die verketteten Werte allerdings schwieriger zu interpretieren. Der aktuelle Zuwachs bleibt ein sinnvoller Konjunkturindikator und ist kein Kontoauszug für die gesamte Bevölkerung.
Der Einbruch war 2025 fast aufgeholt
Die lange Reihe zeigt den Abstand zur Inflationskrise. In der GENESIS-Tabelle des Statistischen Bundesamts liegt der Reallohnindex für 2019 bei 100,5 Punkten. Er fiel 2022 auf 95,1 und erreichte 2025 wieder 100,0. Damit lag der Jahreswert 2025 noch rund 0,5 Prozent unter dem Niveau von 2019. Die Quartalszuwächse von 2026 setzen die Erholung fort, doch ein Jahreswert für 2026 liegt noch nicht vor. Die Indexwerte beschreiben den Durchschnitt und nicht jede beschäftigte Person.
Für den weiteren Verlauf ist die Inflation entscheidend. Die Bundesbank-Prognose vom Juni erwartet für 2026 einen Anstieg der Verbraucherpreise um 2,9 Prozent und der Bruttolöhne je beschäftigter Person um 3,5 Prozent. Der Spielraum für weitere reale Gewinne wäre damit kleiner als im zweiten Quartal.
Tarifabschlüsse und Energiepreise entscheiden über 2027
Im Augustbericht der Bundesbank wachsen die Tarifverdienste bereits langsamer. Im Großhandel erwartet die Notenbank für 2026 sogar sinkende Reallöhne. Der Mindestlohnsprung hilft vielen niedrigen Einkommen und die breite Erholung ist messbar. Ob sie 2027 weitergeht, hängt nun besonders von neuen Tarifabschlüssen und den Energiepreisen ab. Das Plus von 1,5 Prozent dokumentiert deshalb eine fortgesetzte Erholung im Durchschnitt und noch keinen gleichmäßigen Ausgleich der früheren Kaufkraftverluste.
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