Sachsen-Anhalt: AfD gewinnt, CDU halbiert
Politik

Sachsen-Anhalt: AfD gewinnt, CDU halbiert

Die AfD triumphiert in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent, ihrem bisher besten Ergebnis bei einer Landtagswahl. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kann trotzdem nicht Ministerpräsident werden: Nur ein Bündnis aus fünf Parteien käme auf eine knappe Mehrheit ohne die AfD.

Quellen (10)
  1. ZDF Heute: Wahlergebnisse Sachsen-Anhaltzdfheute.de
  2. Tagesspiegel: Hochrechnung Sachsen-Anhalttagesspiegel.de
  3. Tagesspiegel: Reaktionen zur Wahltagesspiegel.de
  4. t-online: Sitzverteilung und Regierungsbildungt-online.de
  5. Epoch Times: Schulze kritisiert Merzepochtimes.de
  6. ad-hoc-news: Schulze nennt Ergebnis niederschmetterndad-hoc-news.de
  7. t-online: Jetzt geht es für Schulze um allest-online.de
  8. DIW Aktuell 121: Das AfD-Paradox in Sachsen-Anhaltdiw.de
  9. DIW Aktuell 123: Soziale Versprechen der AfDdiw.de
  10. taz: Fratzscher warnt vor AfD-Siegtaz.de
7. September 2026, 3:43 Uhr713 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent gewonnen, mehr als doppelt so viel wie bei der Landtagswahl 2021. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze stürzte auf 17,2 Prozent ab. Schulze nannte das Ergebnis "richtig niederschmetternd". Regieren kann die AfD trotzdem nicht: Für eine Alleinregierung fehlen ihr drei Sitze im neuen Landtag. Und für eine demokratische Mehrheit ohne AfD müssten fünf Parteien gemeinsam regieren, ein Bündnis ohne historisches Vorbild in der Bundesrepublik.

Der vorhersehbare Triumph

Sachsen-Anhalt war schon vor der Wahl eine AfD-Hochburg. In Umfragen lag die Partei seit Monaten bei 42 bis 44 Prozent. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund verdoppelte das Ergebnis von 2021 (damals: 20,8 Prozent) nahezu exakt. Die CDU unter Ministerpräsident Schulze hatte versucht, mit einem eigenständigen Wahlkampf zu punkten: Bundespartei und Kanzler Friedrich Merz bewusst außen vor. Die Strategie scheiterte. Schulze räumte am Wahlabend ein, die Bundesregierung habe ihm "Gegenwind" gebracht.

Personell verlor die bisherige Regierungskoalition auf der ganzen Linie: Die FDP schied mit 2,6 Prozent aus dem Landtag aus. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) schaffte es mit 5,3 Prozent gerade noch ins Parlament. SPD, Grüne und Linke lagen zwischen 8,6 und 9,3 Prozent. Im neuen Sachsen-Anhalt-Landtag sitzen damit sechs Fraktionen, fünf davon müssten gemeinsam regieren, um die AfD aus der Regierung herauszuhalten.

Siegmund will sich nicht verbiegen, die CDU steht vor einem Dilemma

AfD-Spitzenkandidat Siegmund erklärte am Wahlabend: "Wir wollen uns nicht verbiegen." Die AfD werde nur in eine Koalition gehen, wenn Partner bereit seien, einen klaren politischen Wendepunkt zu vollziehen. Das schließt eine Zusammenarbeit mit CDU, SPD, Grünen oder Linken faktisch aus: Keine dieser Parteien würde das AfD-Kernprogramm bei Migration oder Klimapolitik übernehmen.

Laut vorläufigen Hochrechnungen erhielt die AfD 39 Sitze im neuen Landtag, drei weniger als für eine absolute Mehrheit nötig wären. CDU (15), SPD (8), Grüne (8), Linke (8) und BSW (5) kämen zusammen auf 44 Sitze, eine knappe Mehrheit von zwei Mandaten. Aber: CDU und Linke haben noch nie gemeinsam regiert, BSW und Grüne vertreten gegensätzliche außenpolitische Positionen. Eine Koalition dieser fünf Parteien wäre das politisch heterogenste Bündnis in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik.

Ministerpräsident Schulze reagierte als Wahlverlierer mit offener Kritik nach Berlin. "Erschüttert ins Mark" beschrieben Berichte seinen Auftritt; er habe sich einen bundespolitischen Rückenwind erhofft, stattdessen habe die Berliner Regierungspolitik seiner Kampagne geschadet. AfD-Co-Chef Tino Chrupalla traf den Nerv der Nacht: "Friedrich Merz wollte uns halbieren, wir haben jetzt die CDU halbiert." Merz hatte sich nach dem Bundestagswahlkampf 2025 damit gebrüstet, er werde die AfD "halbieren". Das Ergebnis in Sachsen-Anhalt ist die rechnerische Umkehrung dieser Prognose.

Das AfD-Paradox: Wer für die AfD stimmt, schadet sich am meisten

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte kurz vor der Wahl eine Analyse unter dem Titel "Sachsen-Anhalt zeigt das AfD-Paradox" veröffentlicht. Das Ergebnis: Gerade die Regionen, die am stärksten für die AfD stimmen, würden unter deren Wirtschaftsprogramm am meisten leiden. Sachsen-Anhalt zählt zu den Bundesländern mit dem geringsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf und ist abhängig von Bundesförderungen, Strukturhilfen und öffentlichen Investitionen, alles Mechanismen, die AfD auf Bundesebene drastisch kürzen will.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher hatte in der taz gewarnt: "Viele werden sich keinen Urlaub mehr leisten können", sollte die AfD tatsächlich Wirtschaftspolitik gestalten. Eine separate DIW-Analyse zeigt zudem, dass die AfD zwar populäre soziale Versprechen macht, aber keine wirtschaftliche Basis für deren Finanzierung bietet.

Für Bundeskanzler Merz ist das Sachsen-Anhalt-Ergebnis ein Warnsignal. Die CDU regierte das Land seit 2002 ohne Unterbrechung und verlor trotzdem massiv. Das zeigt: Selbst eine regierungserfahrene Union unter einem populären Ministerpräsidenten ist nicht gegen den AfD-Sog gefeit. Nach Sachsen, Thüringen und Brandenburg markiert Sachsen-Anhalt die bisher schärfste Spitze dieses Trends.

Sondierungsgespräche ohne Vorlage

Siegmund hat angekündigt, mit allen Fraktionen Sondierungsgespräche zu führen. Das ist in dieser Konstellation ein taktischer Schachzug: Wenn CDU, SPD, Grüne, Linke und BSW eine Fünfer-Koalition ablehnen, könnte die AfD auf Neuwahlen setzen. Bei Neuwahlen könnten Mehrheitsüberzeugungen kippen, entweder zur AfD hin oder durch höhere Beteiligung anderer Wählergruppen. Schulze will am Montag einen "Verfahrensvorschlag" für die CDU-Fraktion vorlegen.

Für Schulze persönlich geht es um alles: Seine politische Zukunft hängt davon ab, ob er die CDU durch diese Koalitionsmathematik führen kann. Der Sachsen-Anhalt-Wahlkampf 2026 hätte zeigen sollen, dass die CDU die AfD durch Sacharbeit und Regierbarkeitserfahrung zurückdrängen kann. Das Ergebnis zeigt das Gegenteil. Ob das Muster Schule macht, liegt jetzt an dem, was Berlin in den nächsten Monaten liefert.

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