Sabotageverdacht: Umspannwerke in NRW und Brandenburg
Politik

Sabotageverdacht: Umspannwerke in NRW und Brandenburg

Am Dienstag wurden Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen sabotiert. Im NRW-Fall gingen fünf RWE-Kraftwerkblöcke mit rund 3.000 Megawatt kurz vom Netz. Die Ermittler prüfen zwei Richtungen: staatlich gelenkte Sabotage oder Linksextremismus.

Quellen (8)
  1. Tagesspiegel: Sechs Abschussvorrichtungen nahe Umspannwerk Bergheimtagesspiegel.de
  2. Handelsblatt: NRW und Brandenburg — Angriffe auf Stromversorgunghandelsblatt.com
  3. Deutschlandfunk: BEE fordert Backup-Systemdeutschlandfunk.de
  4. Spiegel: Forderungen nach Backup-System im Stromnetzspiegel.de
  5. Rheinpfalz: Sabotageverdacht auch in NRWrheinpfalz.de
  6. it-boltwise: Sabotageverdacht Bergheim RWE-Blöckeit-boltwise.de
  7. Euronews: Sabotage-Akte in Deutschlandde.euronews.com
  8. ad-hoc-news: Energieverbände fordern besseres Backup-Systemad-hoc-news.de
3. September 2026, 7:02 Uhr820 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am Dienstag fielen innerhalb eines Tages zwei Umspannwerke in Deutschland durch mutmaßliche Sabotageakte aus: zuerst in Turnow-Preilack in Brandenburg nahe dem Kraftwerk Jänschwalde, dann in Bergheim bei Köln in Nordrhein-Westfalen. Im NRW-Fall gingen fünf RWE-Kohlekraftwerksblöcke an zwei Standorten kurzzeitig vom Netz, insgesamt rund 3.000 Megawatt, genug um mehrere Millionenstädte zu versorgen. Auf die Bevölkerung hatte das keine unmittelbare Auswirkung; das Netz fing den Ausfall auf. Was die Angriffe zeigen: Deutschlands Strominfrastruktur lässt sich mit selbstgebautem Gerät und Pyrotechnik aus dem Baumarkt angreifen.

Bergheim und Turnow-Preilack: Was passierte

In Bergheim bei Köln legten unbekannte Täter Kabel über Hochspannungsleitungen und erzeugten so einen Kurzschluss an einem Umspannwerk. Laut dem Tagesspiegel fanden Ermittler in einem angrenzenden Kornfeld sechs Abschussvorrichtungen: primitive Geräte, die mit Feuerwerkskörpern Drähte über die Hochspannungsleitung schießen sollten. Fünf Kohleblöcke der RWE an den Standorten Bergheim und Grevenbroich gingen daraufhin kurz vom Netz, zusammen rund 3.000 Megawatt an Leistung.

In Brandenburg hatten Unbekannte am selben Tag ein selbstgebautes Fluggerät eingesetzt, das leitfähiges Material auf Hochspannungsleitungen nahe der Umspannstation Turnow-Preilack leiten sollte. Nach Angaben des brandenburgischen Innenministers Jan Redmann (CDU) ähnelte das Gerät in seiner Funktion jenen Raketen, wie man sie zu Silvester verwenden würde. An beiden Tatorten fanden Ermittler Startvorrichtungen und Pyrotechnik, die möglicherweise bereits deutlich früher platziert worden waren, wie das Handelsblatt berichtete. Das deutet auf eine längere Vorbereitungszeit hin.

Zwei Methoden, eine Logik

Was die Anschläge verbindet, ist ihre Zielsetzung: keine Massenausfälle für die Bevölkerung erzeugen, sondern Kraftwerksblöcke oder Umspannstationen kurzfristig aus dem Netz drängen. Das ist sowohl für staatsgelenkte Saboteure sinnvoll, die keinen öffentlichen Aufschrei wollen, als auch für politisch motivierte Täter, die Infrastruktur angreifen, ohne Menschenleben zu gefährden.

Ermittler untersuchen laut übereinstimmenden Medienberichten zwei Richtungen: staatlich gelenkte Sabotage, Stichwort Russland, sowie linksextremistische Gruppen. Das Muster erinnert an frühere Anschläge: Im September 2025 legten Unbekannte zwei Strommasten in Berlin-Adlershof in Brand, rund 50.000 Haushalte waren bis zu 60 Stunden ohne Strom; das Berliner LKA ermittelt wegen des Verdachts einer linksextremistischen Tat. Im Juni 2026 brannte ein Umspannwerk in Reutlingen, 40.000 Menschen waren kurzzeitig ohne Versorgung, auch dort gab es Hinweise auf ein linksextremistisches Umfeld.

Die Septemberanschläge unterscheiden sich von den Brandanschlägen darin, dass sie keinen offenen Brand erzeugen und damit weniger Spuren hinterlassen. Die Technik ist einfacher und schwerer vorherzusagen: Wer Leitungen über Hochspannungsdrähte schießen kann, braucht kein Nachteinbruchwerkzeug und keinen direkten Kontakt mit der Anlage.

3.000 Megawatt und was das bedeutet

Dass fünf Kraftwerkblöcke mit zusammen rund 3.000 Megawatt kurzzeitig vom Netz gingen, war für Millionen von Verbrauchern spürbar, fühlbar war es für niemanden. Das europäische Verbundnetz gleicht Leistungseinbrüche automatisch aus. Fällt ein Block aus, steigen andere Erzeuger die Einspeiseleistung hoch, Reserven werden aktiviert. Das System ist auf Ausfälle dieser Größenordnung ausgelegt.

Was es nicht ist: sabotagesicher. Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE), forderte nach den Vorfällen ein „Backup-System für Notfälle" im Stromnetz. Biogasanlagen und Laufwasserkraftwerke seien sogenannte „Black-Start"-fähig. Sie könnten nach einem Totalausfall ohne externe Stromzufuhr wieder hochgefahren werden und so eine Grundversorgung sicherstellen. Batteriespeicher könnten in Notfällen schnell Leistung bereitstellen. Heinen-Esser räumte ein, dass ein vollständiger Schutz nicht möglich sei; das Ziel müsse sein, Angriffe früher zu erkennen und ihre Folgen zu begrenzen.

Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter hatte bereits vor dem September-Vorfall gewarnt, Russland intensiviere seinen Terror gegen westliche Infrastruktur und NATO-Konsultationen gefordert. Innenminister Herbert Reul (CDU) in NRW sprach nach dem Bergheimer Vorfall von der Notwendigkeit einer intensiveren Debatte über den Schutz kritischer Infrastruktur.

Wer greift an und warum das die falsche Frage ist

Die Debatte, ob russische Aufklärungsdienste oder inländische Extremisten hinter den Anschlägen stecken, lenkt von einer grundsätzlicheren Frage ab: Warum sind Umspannwerke so leicht angreifbar?

In Deutschland gibt es rund 800 Hochspannungsumspannwerke, viele davon mit minimaler physischer Absicherung. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) führt kritische Energieinfrastruktur zwar als Schutzobjekt. Bundesweite Mindeststandards für die physische Sicherung von Mittelspannungsanlagen fehlen jedoch nach wie vor. Der Branchenverband BDEW forderte nach den Vorfällen, dass detaillierte Informationen über kritische Infrastruktur nicht mehr frei abrufbar sein sollten.

Die zwei Vorfälle vom September 2026 reihen sich in ein europäisches Muster ein: Russlands hybride Kriegsführung zielt systematisch auf Infrastrukturknoten in NATO-Ländern, von Unterseekabeln bis zu Eisenbahnnetzen. Parallel dazu gibt es eine einheimische linksextreme Tradition der Infrastruktur-Sabotage, die sich ideologisch gegen das richtet, was die Szene als „Infrastruktur des Kapitals" bezeichnet. Dass beide Motive gleichzeitig als Verdacht im Raum stehen, ist nicht Ausdruck von Ratlosigkeit der Ermittler. Es ist Ausdruck der Komplexität der Bedrohungslage.

Bis zur Auswertung der Abschussvorrichtungen

Die sechs Abschussvorrichtungen aus dem Kornfeld bei Bergheim und die Startgeräte aus Brandenburg werden forensisch ausgewertet. Fingerabdrücke, DNA-Spuren, Herstellungsmerkmale und mögliche Bekennerschreiben sind die nächsten Anhaltspunkte. Ermittelt wird in NRW unter Federführung der Polizei Essen; in Brandenburg hat der Staatsschutz die Leitung übernommen.

NRW-Innenminister Reul hat angekündigt, die Sicherung von Umspannwerken neu zu bewerten. Auf Bundesebene fehlt ein kohärentes Konzept, das physische Sicherung, Backup-Kapazitäten und Ermittlungsressourcen zusammendenkt. Die BEE-Forderung nach einem Backup-System ist sinnvoll, aber sie adressiert die Folgen, nicht die Ursache. Wie lange Abschussvorrichtungen in Feldern neben Umspannwerken liegen können, bevor sie jemand findet, ist die eigentlich drückende Frage.

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