Bundeseinstieg bei TenneT: Der Staat wird Netzbesitzer
Der Markt hat versagt, nun übernimmt der Staat: Seit Jahren suchte TenneT einen privaten Käufer für sein deutsches Hochspannungsnetz. Die nötigen Investitionen sind zu groß, die regulierten Renditen zu niedrig. Am 3. Juli erwarb die Bundesregierung über die KfW 25,1 Prozent für 3,3 Milliarden Euro. Das klingt nach einem normalen Unternehmensdeal. Es ist keiner. Mit diesem Kauf hält der Staat nun Anteile an drei von vier deutschen Hochspannungsnetzbetreibern. Und bis 2029 soll der TenneT-Anteil auf 46 Prozent steigen. Was steckt dahinter und was bedeutet das für den Strom in Deutschland?
Was TenneT eigentlich ist
TenneT Germany betreibt mehr als 14.000 Kilometer Hochspannungsleitungen, von der Nordsee (wo die Offshore-Windparks stehen) bis nach Bayern (wo der Strom gebraucht wird). Ohne dieses Netz kein Windstrom aus dem Norden in den Haushalten des Südens. Das Unternehmen ist Teil der niederländischen TenneT Holding, die das Netz 2010 von E.ON übernahm, als der Konzern es im Zuge der EU-Liberalisierungsauflagen abgeben musste.
Jahrelang lief das Netz profitabel. Dann kam die Energiewende in ihrer heutigen Dimension: Offshore-Wind, Solarausbau, Abschaltung der Kernkraft. Das erfordert massiven Netzausbau, neue Leitungen, neue Umspannwerke, neue Digitaltechnik. TenneT Germany braucht dafür in den nächsten Jahren Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich. Die niederländische Muttergesellschaft konnte oder wollte dieses Volumen nicht alleine stemmen.
Warum der Staat einspringt
TenneT versuchte mehrere Jahre, seinen deutschen Ableger zu verkaufen oder einen Großinvestor zu finden. Der US-amerikanische Infrastrukturfonds BlackRock zog sich zurück, weitere Bieter sprangen ab. Der Grund ist strukturell: Die nötigen Investitionen sind riesig, die regulierten Renditen vergleichsweise niedrig, der Zeithorizont sehr lang: kein attraktives Profil für renditeorientierte Privatinvestoren. Im Mai genehmigte die EU-Kommission den Bundeseinstieg; Ende Juni schlossen die drei Mitinvestoren aus Norwegen, den Niederlanden und Singapur ihre Transaktionen ab. Am 3. Juli folgte die KfW als letzter Käufer.
Die Bundesregierung stand damit vor einer einfachen Frage: Entweder springt der Staat ein oder Deutschlands wichtigstes Stromnetz bleibt unterfinanziert, mit Konsequenzen für den gesamten Energiewende-Zeitplan. Die Entscheidung fiel zugunsten des Einstiegs und sie fügt sich in ein Muster: KfW hält bereits 20 Prozent an 50Hertz (betreibt das Netz in Ostdeutschland sowie in Berlin und Hamburg) und 24,95 Prozent an TransnetBW (Baden-Württemberg). Nur Amprion im Westen, also Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland, bleibt vollständig in privater Hand, unter anderem bei RWE.
Was das konkret für den Strom bedeutet
Für Verbraucher ändert sich kurzfristig nichts an der Rechnung. Die Bundesnetzagentur legt die Netzentgelte fest, nicht die Eigentümerstruktur. Die Entgelte für 2026 wurden bereits beschlossen: Mit einem staatlichen Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro sinken sie um 57 Prozent gegenüber 2025, von 6,65 Cent auf 2,86 Cent pro Kilowattstunde. Das ist eine separate Subvention, unabhängig vom TenneT-Kauf.
Mittelfristig geht es um die Kontrolle über eine strategische Infrastruktur. Mit 25,1 Prozent hat der Bund eine Sperrminorität, er kann grundlegende strategische Entscheidungen blockieren. Mit 46 Prozent bis 2029 wird der Bund faktisch der bestimmende Eigentümer sein. Die Aufstockung erfolgt schrittweise: Wenn TenneT neue Investitionsrunden braucht, zeichnet die KfW neue Anteile und erhöht damit ihren Anteil automatisch.
Stille Verstaatlichung auf Raten
Energierechtler haben diese Konstruktion als faktische Nationalisierung auf Raten bezeichnet. Das ist nicht ausschließlich kritisch gemeint: Netzinfrastruktur war in Deutschland bis in die 1990er Jahre vollständig staatlich. Die Liberalisierung brachte private Eigentümer mit niedrigeren Investitionsquoten; jetzt stoßen diese an ihre Grenzen. Eine Rückkehr zu staatlichem Eigentum könnte stabiler und planungssicherer sein als die private Alternative.
Kritisch sehen das ordnungspolitisch orientierte Wirtschaftsvertreter: Staatliche Eigentümer könnten Investitionsentscheidungen verlangsamen und politisieren, etwa wenn es um teure Leitungsverlegungen durch bewohnte Gebiete oder Naturschutzflächen geht. Das Bundeswirtschaftsministerium hält dagegen, dass bei einem natürlichen Monopol wie dem Stromnetz Marktmechanismen ohnehin begrenzt wirksam seien; die Netzagentur reguliere die Renditen so stark, dass privates Kapital auf Dauer nur unter staatlichem Risikoschutz fließen werde.
Konkret zeigt sich die Absurdität der Trennung an Zahlen: TenneT Germany braucht in den nächsten fünf Jahren rund 20 Milliarden Euro Investitionen, um die Energiewende netzseitig zu ermöglichen. Die jährlichen Einnahmen aus dem Netzbetrieb reichen dafür nicht aus. Ohne Staatsbeteiligung und damit ohne implizite staatliche Haftung wäre dieses Kapital am Markt kaum zu beschaffen. Der Bundeseinstieg ist also weniger eine ideologische Entscheidung als ein marktwirtschaftliches Scheitern: Der Markt kann hier nicht liefern, was die Politik verspricht.
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