VW-Aufsichtsrat stoppt Abbau von 100.000 Stellen
Niedersachsen und die Betriebsräte haben es verhindert. Mit zwölf gegen sieben Stimmen lehnte der Volkswagen-Aufsichtsrat am 9. Juli den Plan von Konzernchef Oliver Blume ab, bis zu 100.000 Stellen zu streichen und vier deutsche Werke bis 2034 zu schließen. Es ist die deutlichste Niederlage für Blume seit seinem Amtsantritt 2022 und zugleich eine Momentaufnahme einer deutschen Automobilindustrie, die ihre strukturellen Probleme nicht mit einem einzigen Beschluss lösen kann.
Was Blume vorhatte
Das Sparpaket, das Blume dem Aufsichtsrat vorlegte, sah konzernweit den Abbau von bis zu 100.000 Stellen vor, etwa 15 Prozent der globalen Belegschaft von rund 657.000 Beschäftigten. Auf der Schließliste standen vier deutsche Werke: Zwickau und Emden ab 2031, das Nutzfahrzeugwerk Hannover ab 2032 und das Audi-Werk in Neckarsulm ab 2034. In diesen vier Standorten arbeiten rund 40.000 Menschen. Auf der Hauptversammlung im Juni hatte Blume jährliche Nettoeinsparungen von mehr als sechs Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Der Vorstand wollte das Paket nach Informationen aus Unternehmenskreisen auch gegen den Widerstand des Aufsichtsrats durchdrücken. Die Entscheidung, es dennoch zur formellen Abstimmung zu stellen, erwies sich als taktischer Fehler: Blume verlor die Abstimmung deutlich und hat seitdem eine geschwächte Position im Gremium.
Warum der Plan scheiterte
Im VW-Aufsichtsrat sitzen zehn Arbeitnehmervertreter und zehn Kapitalvertreter; ein Kapitalseiten-Sitz ist derzeit vakant, sodass 19 Mitglieder abstimmten. Niedersachsen hält als Hauptaktionär zwei Sitze, darunter den von Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Lies stimmte gegen Blumes Paket und warnte, die geplante Schließung des Zwickauer Werks würde Ostdeutschland wirtschaftlich hart treffen.
IG Metall-Chefin Christiane Benner, VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und IG Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger hatten bereits vor der Sitzung angekündigt, die Umsetzung des Pakets mit aller Kraft zu verhindern. Das Paket sei in vielen Teilen zu unkonkret, um seine Durchführbarkeit seriös zu beurteilen, hieß es aus Aufsichtsratskreisen. Selbst ein Kompromissangebot von Lies, das Gremium solle lediglich zur Kenntnis nehmen, dass Einsparungen bei VW notwendig seien, fand keine Mehrheit.
Blume reagierte mit der Ankündigung, das Vorhaben nun in Etappen durchzusetzen. Das verlängert die Ungewissheit für Beschäftigte und lässt den Konzern in einem Zustand des Schwebens: Weder Belegschaft noch Lieferanten können verlässlich planen, solange unklar ist, welche Werke wann schließen.
Die Ursachen der Krise
Volkswagen verliert in China, dem bisher profitabelsten Markt des Konzerns, Marktanteile an heimische Elektroautohersteller wie BYD und Geely. Der VW-Absatz in China ist in den vergangenen zwei Jahren nachweislich geschrumpft. Gleichzeitig belasten hohe Standortkosten das Deutschlandgeschäft: Der Industriestrompreis liegt mit rund 20 Cent pro Kilowattstunde deutlich über dem US-Niveau; die Lohnkosten betragen über 40 Euro pro Stunde, in US-Werken etwa 30 Dollar.
Das Zwickauer Werk, das ausschließlich Elektrofahrzeuge der VW-Gruppe produziert, ist exemplarisch für das Dilemma: Es ist technologisch auf dem Stand, auf den VW jahrelang hingearbeitet hat, aber die Modelle, die dort vom Band laufen, verkaufen sich in Europa zu wenig. Das ist kein Produktionsproblem, sondern ein Absatzproblem und Preisproblem, das ein Sparpaket allein nicht löst.
BMW: die zweite Krisenmeldung der Woche
Wenige Wochen vor der VW-Abstimmung, Mitte Juni, veröffentlichte BMW eine Gewinnwarnung: Der Vorsteuergewinn soll 2026 um mindestens zehn Prozent einbrechen, die Auslieferungen gehen zurück. Neuer BMW-Chef Milan Nedeljković hat als erste sichtbare Maßnahme einen Verwaltungsabbau eingeleitet und rund eine Milliarde Euro für Abfindungen, Vorruhestand und Altersteilzeit zurückgelegt. Bei knapp 155.000 Beschäftigten weltweit entspricht ein angekündigter Personalrückgang von ein bis fünf Prozent rechnerisch bis zu 7.500 Stellen.
BMW nennt als Ursachen dieselben Faktoren wie VW: Schwäche des China-Geschäfts und hohe Standortkosten in Deutschland. Das Zusammentreffen beider Krisenmeldungen innerhalb weniger Wochen zeigt, dass diese Probleme keine Einzelphänomene sind. Die gesamte deutsche Premiumautoindustrie steckt in einer strukturellen Anpassungskrise, die sich über Jahre aufgebaut hat.
September-Aufsichtsrat: der nächste Kraftakt
Der nächste Aufsichtsrat, in dem Blume das Sparpaket erneut zur Abstimmung stellen könnte, ist für September 2026 geplant. Bei unveränderten Mehrheitsverhältnissen ist eine Zustimmung nicht möglich, solange Niedersachsen und die Arbeitnehmervertreter geschlossen dagegen stimmen. Blume müsste entweder sein Paket wesentlich ändern oder eine der beiden Seiten gewinnen. Beides gilt als schwierig.
Für rund 40.000 Beschäftigte in Zwickau, Hannover, Emden und Neckarsulm bedeutet das Monate weiterer Ungewissheit. Ob und wie VW seinen Strukturwandel vollzieht, entscheidet sich nicht im nächsten Quartalsbericht, sondern im September, in einem Aufsichtsratssaal in Wolfsburg.
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