VW halbiert Modellpalette, vier Werke ohne Gewissheit
Wirtschaft

VW halbiert Modellpalette, vier Werke ohne Gewissheit

Der VW-Aufsichtsrat hat am 9. Juli ein Umbaupaket gebilligt, das die Modellpalette des Konzerns bis 2030 um die Hälfte reduziert. Über das Schicksal von vier deutschen Werken und bis zu 100.000 bedrohten Stellen weltweit fiel kein Beschluss.

12. Juli 2026, 10:38 Uhr 794 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Der Volkswagen-Aufsichtsrat hat am 9. Juli ein weitreichendes Umbaupaket verabschiedet: Bis 2030 soll die Modellpalette des Konzerns um bis zu 50 Prozent schrumpfen, die Zahl der Ausstattungsoptionen sogar um 75 Prozent. Das sogenannte Zielbild 2030 des Vorstands mit zwölf Einzelinitiativen erhielt grünes Licht. Über das Schicksal von vier deutschen Werken in Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm fiel kein Beschluss. Währenddessen demonstrierten Vertrauensleute der IG Metall an allen Konzernstandorten in Deutschland, unter Friedenspflicht und ohne die Antworten, die sie forderten.

Die Rechnung hinter dem Kahlschlag

Die Sitzung fand unter dem Druck von Berichten statt, die das Ausmaß der geplanten Einschnitte deutlich über das bisher Bekannte hinausschieben. Das Manager Magazin hatte kurz vor der Sitzung berichtet, dass weltweit bis zu 100.000 der rund 657.000 Konzernstellen gestrichen werden könnten. Das wäre doppelt so viel wie die 2025 angekündigten 50.000 Stellen.

VW-Chef Oliver Blume hatte auf der Hauptversammlung im Juni öffentlich eingeräumt, dass das jahrzehntelange Geschäftsmodell des Konzerns nicht mehr funktioniert. Die Betriebsmarge lag 2025 bei 2,8 Prozent, dem niedrigsten Wert seit zehn Jahren. Der Konzern muss gleichzeitig sparen und massiv in neue Elektromodelle investieren, bei sinkenden Stückzahlen in China und steigenden Handelsbarrieren in den USA.

Die Halbierung der Modellpalette ist die strukturelle Antwort darauf. Weniger Modelle bedeuten weniger Entwicklungskosten, weniger Plattformen und weniger Varianten. Das Handelsblatt berichtete, dass sich die Einsparungen durch Komplexitätsreduzierung auf mehrere Milliarden Euro pro Jahr belaufen sollen. Konkrete Modellnamen nannte VW bislang nicht.

Keine Entscheidung ist auch eine Botschaft

Dass der Aufsichtsrat das Zielbild 2030 genehmigt und gleichzeitig alle konkreten Entscheidungen zu Werksschließungen und Stellenabbau vertagt hat, ist kein Zufall. Vier Werke des Konzerns in Deutschland stehen laut Medienberichten auf einer internen Schließungsliste: die VW-Werke in Zwickau und Emden, das Nutzfahrzeugwerk in Hannover sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Die früheste mögliche Schließung wäre demnach 2031.

Eine Entscheidung über konkrete Werke hätte unmittelbar den Betriebsrat auf den Plan gerufen. Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo forderte nach der Sitzung, dass der Vorstand endlich Klarheit für die Belegschaft schaffe. Zehntausende Beschäftigte hätten Angst um ihre Zukunft. Die Reaktion des Vorstands auf diese Angst sei unzureichend gewesen.

An der Sitzung zeigte sich ein Strukturproblem der Mitbestimmung: Betriebsrat und IG Metall sind im Aufsichtsrat paritätisch vertreten und stellen die Hälfte der Sitze. Trotzdem können sie Entscheidungen verhindern oder vertagen, aber nicht erzwingen. Das Zielbild 2030 selbst ist ein Rahmendokument. Die harten Entscheidungen über Standorte folgen in separaten Sitzungen.

Protest ohne Streikrecht

Zeitgleich zur Aufsichtsratssitzung demonstrierten Vertrauensleute und Betriebsräte der IG Metall unter dem Motto "Vereint für unsere Zukunft kämpfen" an allen Standorten des Volkswagen-Konzerns in Deutschland. In Wolfsburg versammelten sich rund 500 Teilnehmer direkt am Verwaltungsgebäude. Weitere Kundgebungen fanden in Zwickau, Emden, Hannover und Kassel statt, bei Porsche in Stuttgart und Leipzig, bei Audi in Ingolstadt und Neckarsulm sowie an MAN-Standorten in München, Nürnberg und Salzgitter.

Ein entscheidendes Detail: Im Haustarifvertrag von VW gilt derzeit Friedenspflicht. Warnstreiks wie im Herbst 2024, als die IG Metall die Arbeit an deutschen Werken stundenweise niedergelegt hatte, sind bis zur nächsten Tarifrunde nicht möglich. Was die Gewerkschaft tun kann, sind Informationsveranstaltungen, Protestkundgebungen und öffentlicher Druck. Die Aktionen vom 9. Juli waren ausdrücklich kein Streik, sondern ein Signal.

Proteste an VW-Standorten sind nicht ungewöhnlich. Aber Aktionen an sämtlichen Konzernstandorten gleichzeitig, unter Einbindung von Audi, Porsche, MAN und der Softwaretochter CARIAD, sind eine neue Qualität. Die IG Metall hat signalisiert, dass weitere Aktionstage nicht ausgeschlossen sind.

Was die Beschäftigten jetzt wissen

Für die rund 290.000 Beschäftigten allein in den deutschen Werken von VW, Audi und Porsche bedeutet der 9. Juli vor allem eines: Die Frage nach ihrer Zukunft ist nicht beantwortet. Das Zielbild 2030 beschreibt eine Richtung, keine konkreten Standortentscheidungen. Bevor diese fallen, muss der Aufsichtsrat erneut zusammenkommen.

Der ursprüngliche Stellenabbauplan von 50.000 Stellen war begleitet von Betriebsvereinbarungen, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließen. Ob solche Sicherungen auch für einen erweiterten Abbau von 100.000 Stellen weltweit gelten würden, ist offen. Betriebsratsvorsitzende Cavallo hat angekündigt, auf verbindliche Zusagen zu bestehen.

Für Zulieferer, Kommunen und regionale Arbeitsmärkte in Zwickau, Emden, Hannover und Neckarsulm ist die anhaltende Ungewissheit kaum erträglicher als eine klare Entscheidung. In Zwickau etwa arbeiten direkt und indirekt mehrere Zehntausend Menschen für das dortige VW-Werk, das derzeit den ID.3 fertigt.

Halbjahresergebnisse und nächste Aufsichtsratssitzung entscheiden

Oliver Blume muss Ende Juli 2026 die Halbjahreszahlen vorlegen. Sie werden zeigen, ob die bisherigen Fabrikeinsparungen von über 20 Prozent ausreichen, um den Einbruch in China und die US-Zölle zu kompensieren. Reichen sie nicht, steigt der Druck auf weitere Einschnitte. Reichen sie, gewinnt VW Spielraum für eine schrittweise Annäherung an Betriebsrat und IG Metall.

Der Aufsichtsrat wird voraussichtlich im Herbst erneut tagen, um konkrete Werksentscheidungen und Stellenentscheidungen zu treffen. Bis dahin bleibt das Zielbild 2030 das, was es dem Namen nach ist: ein Bild. Ob die vier betroffenen Werke darin noch vorkommen, entscheidet nicht die Sitzung vom 9. Juli, sondern die im Herbst.

Quellen (11)

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