
Waffendepot bei Berlin: Verfassungsschutz sieht Russland
Quellen (11)
- t-onlinet-online.de
- n-tvn-tv.de
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- Hersfelder Zeitunghersfelder-zeitung.de
- t-online Berlinberlin.t-online.de
- Frankfurter Rundschaufr.de
- Tagesspiegeltagesspiegel.de
- Tagesspiegel: Dobrindt spricht von Anschlagsplänentagesspiegel.de
- Berliner Zeitung: Anschlagspläne — Waffendepot bei Berlinberliner-zeitung.de
- Handelsblatt: Mutmaßlich russisches Waffendepot bei Berlinhandelsblatt.com
- Tagesspiegel: Nord-Stream-Verdächtiger in Kroatien in U-Hafttagesspiegel.de
Als deutsche Ermittler im Oktober 2025 einem konkreten Hinweis folgend in einem Brandenburger Wald auf ein Waffendepot stießen, trafen sie eine Entscheidung, die den Ermittlungserfolg sichern sollte: Sie machten die beiden gefundenen Faustfeuerwaffen unbrauchbar, platzierten GPS-Sender an ihnen und beobachteten das Versteck weiter aus der Ferne. Niemand kam. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist nach Recherchen von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung zu dem Schluss gekommen, dass der russische Auslandsgeheimdienst SWR die Waffen für geplante Attentate in Deutschland hinterlegt hatte. Der Generalbundesanwalt ermittelt wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
Professionelles Depot, unbrauchbare Waffen
Das Versteck war nach Behördenangaben nicht improvisiert, sondern professionell angelegt, was auf eine planmäßige Vorbereitung und keine Einzeltäterlogistik hindeutet. Die Sicherheitsbehörden nutzten den Fund für eine verdeckte Überwachungsoperation. Indem sie die Pistolen an Ort und Stelle ließen, GPS-Sender platzierten und unbrauchbar machten, hofften sie, eventuelle Abholer identifizieren zu können. Das gelang nicht. Ob die Beteiligten von der Entdeckung erfuhren oder ob das Depot schlicht nicht abgerufen werden sollte, blieb offen.
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) bestätigte gegenüber Medien, dass ein Verdächtiger in Rumänien festgenommen wurde. Nach Dobrindts Angaben handelte es sich um einen nachrichtendienstlichen Kontaktmann niederer Ebene, der möglicherweise selbst nur einen Teil der Operation kannte. Die Bundesanwaltschaft hat das Verfahren als Staatsschutzdelikt eingestuft und übernommen.
Rüstungsmanager, Dissidenten und Ukraine-Unterstützer im Visier
BfV-Präsident Sinan Selen warnte intern bereits seit Monaten, dass russische Nachrichtendienste in Deutschland zu sogenannten „kinetischen Operationen“ übergegangen seien, also zur Vorbereitung physischer Angriffe auf Menschen. Als primäre Zielgruppen identifizierten die Behörden drei Kategorien: Führungskräfte der deutschen Rüstungsindustrie, im Ausland lebende russische Oppositionelle sowie aktive Unterstützer der Ukraine in Deutschland.
Diese Auswahl folgt einer erkennbaren Logik. Konzerne wie Rheinmetall, Diehl Defence und KNDS Deutschland sind seit der vollständigen Invasion der Ukraine 2022 zu zentralen Akteuren im westlichen Verteidigungsaufbau geworden. Aus Moskauer Sicht sind ihre Führungskräfte militärisch relevante Angriffsziele. Exilrussen und Ukraine-Unterstützer repräsentieren für den Kreml eine politische Bedrohung, die durch Einschüchterung oder Beseitigung geschwächt werden soll. Russland hat in den vergangenen Jahren mehrere solcher Angriffe auf europäischem Boden durchgeführt oder versucht, darunter Mordanschläge in Großbritannien und Deutschland.
Baustein einer systematischen Eskalation
Das Waffendepot reiht sich in eine Abfolge russischer Operationen in Deutschland ein. In den vergangenen Jahren wurden Sabotageakte an Bahnstrecken und Industrieanlagen verzeichnet. Eine koordinierte Phishing-Kampagne gegen Bundestagsabgeordnete, Ministerinnen und Beamte über den Messenger Signal führte zur Aufnahme von Spionageermittlungen durch den Generalbundesanwalt. Das Bundesverfassungsschutzamt warnte im August 2026 öffentlich vor dem russischen Desinformationsnetzwerk „Matrjoschka“, das gezielt die deutschen Wahlen im September beeinflusst. Und Russland hat nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau den US-Bürger Conor Kennedy, Sohn eines Trump-Kabinettsmitglieds und Freiwilliger in der Ukraine, auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt.
Als institutionelle Antwort auf diese Entwicklungen eröffnete Dobrindt im Juni 2026 das Gemeinsame Abwehrzentrum Hybrid (GAZ), das über 40 Behörden von Bund und Ländern auf einer gemeinsamen Plattform vernetzt. Für den konkreten Fall des Waffendepots zeigt das Modell seine Grenzen: Eine vernetzte Analyse kann das Depot identifizieren helfen, ob Russland weitere Verstecke in Deutschland angelegt hat, lässt sich damit nicht verlässlich ausschließen.
Gleichzeitig prüft die Bundesregierung die Position des Russischen Hauses in Berlin, eines staatlichen russischen Kulturzentrums, das nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes auch als Deckstruktur für nachrichtendienstliche Aktivitäten dient. Eine Entscheidung über Sanktionen oder Schließung steht noch aus.
Europäischer Haftbefehl und die Frage nach weiteren Depots
Der in Rumänien inhaftierte Verdächtige kann über einen Europäischen Haftbefehl nach Deutschland ausgeliefert werden. Ob die Bundesanwaltschaft diesen Schritt bereits unternommen hat, ist nicht öffentlich bekannt. Für laufende Verfahren dieser Art ist Vertraulichkeit Standard. Dass die Ermittlungen überhaupt publik wurden, ist nach Einschätzung von Beobachtern auf die parallele Recherche von NDR, WDR und SZ zurückzuführen, die gemeinsam die Geschichte veröffentlichten.
Die zentrale offene Frage lautet, ob das Depot bei Berlin ein Einzelstück war oder Teil einer Serie. Sicherheitsbehörden gehen nach Angaben aus Regierungskreisen davon aus, dass der Fund in eine größer angelegte Operationsplanung eingebettet war. Die GPS-Überwachung erbrachte keine Hinweise auf Abholer, aber auch keinen Beweis dafür, dass weitere Depots nicht existieren. Der Generalbundesanwalt wird diese Frage in seinen Ermittlungen klären müssen. Bis dahin bleibt das vollständige Bild der russischen Angriffsplanung in Deutschland unvollständig.
Aktualisierungen
Update 23. August, 09:05 Uhr: Der in Rumänien inhaftierte Verdächtige soll nach Erkenntnissen der Ermittler auch in Rumänien Anschläge geplant haben sollen, darunter mit Paketbomben. Da er auch das Waffendepot in Brandenburg angelegt haben soll, gehen die Behörden davon aus, dass er ebenso in Deutschland aktiv werden wollte. Konkrete Ziele in Deutschland sind bislang nicht bekannt. Ermittler prüfen zudem eine Verbindung zwischen dem Berliner Fund und einer mutmaßlich russisch gesteuerten Sabotage-Kampagne gegen ukrainische Logistikwege.
Update 25. August, 09:02 Uhr: Der Nord-Stream-Verdächtige Wolodymyr Z. wurde in der kroatischen Küstenstadt Pula festgenommen und von einem kroatischen Gericht in Untersuchungshaft genommen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, an dem Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines beteiligt gewesen zu sein. Ermittler prüfen zudem, ob Wolodymyr Z. auch das Waffendepot in Brandenburg angelegt hat: Derselbe Netzwerk russischer Sabotageaufträge, dem er zugerechnet wird, soll sowohl den Pipeline-Anschlag als auch die Vorbereitung von Attentaten in Deutschland und Rumänien umfasst haben. Wolodymyr Z. kämpft nach Medienberichten gegen seine Auslieferung nach Deutschland.
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