Wie Ölkonzerne Europa eine Milliardenfalle bauten
Investigativ

Wie Ölkonzerne Europa eine Milliardenfalle bauten

Fast sechs Milliarden Dollar hat Air Products in 15 Monaten auf Wasserstoffprojekte abgeschrieben. Was wie einzelne Unternehmensfehlschläge wirkt, hat eine gemeinsame Ursache: Öl- und Gaskonzerne haben EU-Definitionen für klimaneutralen Wasserstoff so geformt, dass Milliarden in falsche Anwendungsfelder flossen, während China beim Aufbau der eigentlich entscheidenden Technologie den Westen weit hinter sich ließ.

Quellen (16)
  1. Hydrogen Insight: Nur 21% der IPCEI-Projekte mit FIDhydrogeninsight.com
  2. Corporate Europe Observatory: Wasserstoff-Lobby gibt 75 Mio. Euro/Jahr auscorporateeurope.org
  3. Corporate Europe Observatory: Die schmutzige Wahrheit über Europas Wasserstoffpolitikcorporateeurope.org
  4. gasworld: Air Products Abschreibung von 3,1 Milliarden Dollar (2025)gasworld.com
  5. gasworld: Air Products streicht Louisiana-Blauwasserstoffprojektgasworld.com
  6. Chemistry World: Projektabbrüche zeigen engere Zukunft für grünen Wasserstoffchemistryworld.com
  7. Clean Energy Wire: Thyssenkrupp-Zweifel gefährden Wasserstoffnetzcleanenergywire.org
  8. RMI: Nicht alle grünen Wasserstoffe sind gleich sauberrmi.org
  9. US-Energieministerium: Wasserstoffproduktion aus Erdgasreformierungenergy.gov
  10. Recharge News: Warum Wasserstoffheizung zu schwierig, teuer und ineffizient istrechargenews.com
  11. Nature Energy: CO2-Intensität von blauem Wasserstoffnature.com
  12. ESI Energy Solutions: Produktionskosten grüner Wasserstoff 2026energy-solutions.co
  13. Green Tech Lead: Globale Wasserstoff-Prognose nach unten revidiertgreentechlead.com
  14. Decarbonize Weekly: Warum 60 Wasserstoffprojekte gestorben sinddecarbonizeweekly.com
  15. Pembina Institut: CO2-Intensität von blauem Wasserstoffpembina.org
  16. S&P Global: EU Hydrogen Bank Pilotauktion, Gewinngebote unter 50 Cent/kgspglobal.com
6. September 2026, 0:57 Uhr2180 Wörter · 11 Min. Lesezeit

Die Europäische Union hat seit 2021 mehr als 43 Milliarden Euro für Wasserstoff-Infrastruktur genehmigt, verteilt über drei Wellen des sogenannten IPCEI-Programms. Der Fortschritt hält damit nicht Schritt: Laut einer Analyse von Hydrogen Insight haben nur 21 Prozent der bewilligten Projekte je eine bindende Investitionsentscheidung getroffen. Hinter diesem Scheitern steckt kein bloßes Marktversagen, sondern ein System: Öl- und Gaskonzerne haben jahrelang mit mehr als 75 Millionen Euro im Jahr dafür gesorgt, dass in Brüssel der Begriff "grüner Wasserstoff" auch für fossiles Gas mit Kohlenstoffabscheidung gilt. Die Folge ist eine der größten Fehlinvestitionen der europäischen Klimapolitik.

Die IPCEI-Bilanz: Milliarden ohne Wirkung

IPCEI steht für "Important Projects of Common European Interest" und ist das wichtigste EU-Instrument zur Förderung strategischer Technologien. In drei Runden seit 2021 hat die Kommission Staatshilfen von mehr als 43 Milliarden Euro für Wasserstoffprojekte genehmigt, finanziert von Frankreich, Deutschland, Spanien, Polen und neun weiteren Mitgliedsstaaten.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Nach Auswertung von Hydrogen Insight und dem Handelsverband Hydrogen Europe hat bis Frühjahr 2025 nur jedes fünfte dieser Projekte eine sogenannte Final Investment Decision (FID) getroffen, also jenen verbindlichen Beschluss, der die Finanzierung sichert und den Bau auslöst. 79 Prozent der Projekte stehen still, verzögern sich oder sind de facto gescheitert. Diesen Befund bestätigte Hydrogen Europe in einer Stellungnahme an die EU-Kommission und nannte ihn "strukturelles Marktversagen".

Als Hauptgründe nennen Projektentwickler drei Faktoren: Inflation und gestiegene Baukosten, fehlende Abnahmeverträge von Industriekunden und regulatorische Unsicherheit durch die EU-Delegierten-Akte, die immer neue Definitionen setzen, was als klimaneutraler Wasserstoff gilt. Dieser dritte Faktor ist kein Zufall.

75 Millionen Euro im Jahr: Die Lobby hinter den Definitionen

Das Corporate Europe Observatory, eine Nichtregierungsorganisation, die EU-Lobbying dokumentiert, analysierte 2023 die Ausgaben der Wasserstoff-Lobby. Das Ergebnis: mehr als 75 Millionen Euro im Jahr geben Unternehmen und Verbände aus, um EU-Institutionen in der Wasserstoffpolitik zu beeinflussen. Das ist doppelt so viel wie die Finanzlobby aufwendet und mehr als jede andere Energiebranche.

Unter den 25 größten Wasserstoff-Lobbyisten finden sich 17 Unternehmen: Shell, ExxonMobil, Equinor, BP, TotalEnergies, Linde, BASF, Siemens, RWE und weitere Konzerne, die teils selbst Betreiber fossiler Anlagen sind. Sieben Branchenverbände kommen hinzu, darunter der BDEW, Deutschlands größter Energieverband mit dominantem Erdgasvertrieb. Wie intensiv der BDEW die Bundesregierung bearbeitete, zeigen vom Corporate Europe Observatory ausgewertete Lobbying-Registerdaten: 54 dokumentierte Treffen mit Regierungsbeamten in 16 Monaten, ein Rekord im Vergleich zu anderen Energiethemen.

Das strategische Ziel dieser Lobbyanstrengungen war einheitlich: die EU dazu zu bringen, nicht nur grünen Wasserstoff aus erneuerbarer Elektrolyse zu fördern, sondern auch sogenannten blauen Wasserstoff aus Erdgas mit Kohlenstoffabscheidung als klimaneutral anzuerkennen. Diese Definition war kommerziell entscheidend, weil sie Milliarden an Subventionen für bestehende Erdgas-Infrastruktur zugänglich gemacht hätte.

"Die Fossilkonzerne haben Wasserstoff als trojanisches Pferd benutzt", schreibt das Corporate Europe Observatory in seinem Bericht. "Sie haben ein reales Klimainstrument in eine Verzögerungstaktik verwandelt, indem sie die Definition so weit ausgedehnt haben, dass ihr eigenes Kerngeschäft darunter fällt."

Blaues Greenwashing: Ein Standard ohne Standard

Wasserstoff wird nach Herstellungsverfahren kategorisiert. "Grauer" Wasserstoff stammt aus der Dampfreformierung von Erdgas und erzeugt dabei 7 bis 9 Kilogramm CO2 pro Kilogramm Wasserstoff nach Daten des US-Energieministeriums. "Grüner" Wasserstoff aus erneuerbarer Elektrolyse liegt unter 2 Kilogramm CO2-Äquivalent. "Blauer" Wasserstoff liegt dazwischen: Dampfreformierung plus Kohlenstoffabscheidung.

Das Problem liegt in der Realität der Abscheidung. Selbst moderne blaue Wasserstoffanlagen erreichen Abscheidungsquoten von 60 bis 90 Prozent. Bei 60 Prozent verbleiben laut Analysen des Rocky Mountain Institute und des Pembina-Instituts noch 3 bis 4 Kilogramm CO2 pro Kilogramm Wasserstoff. Das ist kaum besser als Erdgas direkt zu verbrennen. Hinzu kommt die Methan-Leckage entlang der Lieferkette, die in der Praxis die Klimabilanz weiter verschlechtert.

Eine Studie in Nature Energy, die blaue Wasserstoffanlagen in verschiedenen US-Gasfeldern verglich, kam zu einem noch düsteren Befund: Anlagen im Permian Basin emittieren faktisch 7,4 Kilogramm CO2 pro Kilogramm Wasserstoff, weil das Fördergas besonders methanreich ist und weil viele CCS-Versprechen in der Praxis nicht erfüllt werden. Das ist nahezu identisch mit grauem Wasserstoff ohne jede Abscheidung. "Blau" ist keine standardisierte Klimakategorie, sondern ein Marketing-Label.

Dennoch haben die EU-Delegierten-Akte von 2023, die den rechtlichen Rahmen für Wasserstoffsubventionen setzen, durchgesetzt, dass auch blauer Wasserstoff unter bestimmten Bedingungen als "niedrigemittierend" gilt und staatliche Förderung erhalten kann. Die Klimaorganisation Corporate Europe Observatory bezeichnete dies als "gezielte Verwässerung des EU-Klimarechts durch systematisches Lobbying".

Die Abbruchswelle 2025: Das Markturteil

Die Theorie war: Subventionen erzeugen Nachfrage, Nachfrage senkt Preise, sinkende Preise machen Wasserstoff wettbewerbsfähig. Die Praxis sah 2025 anders aus. Weltweit stornierten Unternehmen mehr als 60 Großprojekte für grünen Wasserstoff mit einer Gesamtkapazität von 4,9 Millionen Tonnen pro Jahr, wie Chemistry World auf Basis von Branchendaten berichtete. Das entspricht mehr als einem Zehntel der globalen Produktionsziele für 2030.

Air Products, bis 2024 einer der weltgrößten Investoren in Wasserstoff, schrieb innerhalb von 15 Monaten fast sechs Milliarden Dollar ab. Im Februar 2025 kündigte das Unternehmen den Rückzug aus drei US-amerikanischen Projekten an und verbuchte eine Abschreibung von 3,1 Milliarden Dollar. 2026 folgte der Rückzug aus dem Großprojekt in Louisiana: ein Blauwasserstoff-Komplex, der ursprünglich 4,5 Milliarden Dollar kosten sollte und dessen Budget auf 9 Milliarden angewachsen war. Die zusätzliche Abschreibung: 2,9 Milliarden Dollar. Insgesamt hat Air Products damit fast sechs Milliarden Dollar auf Wasserstoffprojekte abgeschrieben.

In Deutschland ließ ArcelorMittal im Juni 2025 einen Plan fallen, zwei Stahlwerke auf Wasserstoff-Direktreduktion umzustellen. Das Investitionsvolumen lag bei 2,5 Milliarden Euro, die Bundesregierung hatte 1,3 Milliarden Euro an Fördermitteln angeboten. ArcelorMittal erklärte, die Wirtschaftlichkeit sei ohne noch deutlich höhere Subventionen nicht erreichbar: Grüner Wasserstoff koste zu viel, die Abnahmepreise am Stahlmarkt seien zu niedrig.

Thyssenkrupp, das ebenfalls eine Direktreduktionsanlage in Duisburg baut, hatte im Februar 2024 eine Ausschreibung für 151.000 Tonnen Wasserstoff im Jahr gestartet. Laut Clean Energy Wire wurde die Ausschreibung ausgesetzt, weil kein Anbieter zu wirtschaftlich vertretbaren Preisen liefern konnte. Die Anlage wird nun zunächst mit Erdgas betrieben, was allenfalls 50 Prozent CO2-Einsparung bringt statt der versprochenen Dekarbonisierung.

Grüner Wasserstoff kostet viermal so viel wie versprochen

Die Kostenlücke ist das Kernproblem hinter allen Projektabbrüchen. Das US-Energieministerium hatte 2021 ein Programm aufgelegt, das grünen Wasserstoff bis 2026 auf 2 Dollar pro Kilogramm bringen sollte. Dieses Ziel ist verfehlt. In Europa lagen die tatsächlichen Produktionskosten grünen Wasserstoffs im Sommer 2026 bei 7 bis 9 Euro pro Kilogramm nach Auswertung von ESI Energy Solutions. Nur an besonders günstigen Standorten mit billigem Ökostrom und niedrigen Elektrolyseur-Kosten lagen die Preise bei 5 bis 6 Euro. Industriekunden, die auf stabile Langzeitpreise angewiesen sind, kaufen zu diesen Konditionen keinen grünen Wasserstoff.

Das Grundproblem ist zum Teil thermodynamisch und lässt sich nicht allein durch Subventionen lösen. Für die Herstellung von einem Kilogramm Wasserstoff per Elektrolyse werden rund 55 Kilowattstunden Strom benötigt. Nach Transport und Rückverstromung in einer Brennstoffzelle kommen davon 30 bis 50 Prozent beim Verbraucher an. Für die Gebäudeheizung ist Wasserstoff sechsmal weniger effizient als eine Wärmepumpe, zeigt ein Bericht von Recharge News auf Basis eines ECOS-Gutachtens. Dennoch hat die Gaslobby jahrelang für Wasserstoff-Heizsysteme als Alternative zum Heizungsgesetz geworben.

China baut, Europa debattiert

Während die EU über Definitionen stritt und Projekte scheiterten, baute China eine industrielle Basis auf. Von den weltweit neu installierten Elektrolysatoren entfielen 2025 laut IEA-Daten etwa 75 Prozent auf China. Die westliche Produktionskapazität für Elektrolyseure lag bei rund 400 Megawatt im Jahr; China hatte eine installierte Kapazität von mehr als 8 Gigawatt aufgebaut. Der Faktor beträgt 20.

Das Risiko für Europa ist doppelt. Nicht nur verpasst die EU die Chance, in der Elektrolyseur-Technologie eine führende Position zu halten. Sie gerät möglicherweise in eine Abhängigkeit von chinesischen Importen, eine strukturelle Schwäche, die sich in der Solarindustrie bereits gezeigt hat: Europa subventionierte über Jahre die Nachfrage nach Solarmodulen, ohne die heimische Produktion zu skalieren. Das Ergebnis war eine fast vollständige Marktübernahme durch chinesische Anbieter. Bei Elektrolysateuren zeichnet sich dasselbe Muster ab.

Die Forschungsorganisation Green Tech Lead dokumentierte, dass die globale Produktionsprognose für Wasserstoff bis 2030 innerhalb weniger Monate von 49 auf 37 Millionen Tonnen pro Jahr revidiert werden musste, ein Rückgang von 24 Prozent. Von den ursprünglich angekündigten 520 Gigawatt Elektrolyseur-Kapazität bis 2030 haben nur 4 bis 7 Prozent die Investitionsphase erreicht.

Wo Wasserstoff tatsächlich gebraucht wird

Wissenschaftler des Rocky Mountain Institute und des Fraunhofer-Instituts sind sich in einem Punkt einig: Wasserstoff hat legitime industrielle Anwendungen. Für die Stahldirektreduktion, die Produktion von Ammoniak und Methanol sowie langfristig in Teilen der Luftfahrt gibt es keine einfacheren technologischen Alternativen. Für diese Anwendungen ist grüner Wasserstoff unverzichtbar.

Für den überwiegenden Teil der Energieanwendungen gilt das nicht. Wärmepumpen ersetzen Gasheizungen sechsmal effizienter als Wasserstoff-Brennwertkessel. Batterieelektrische Fahrzeuge sind in der Energiebilanz deutlich effizienter als Brennstoffzellenfahrzeuge. Direktstromversorgung ist für weite Teile der Industrieprozesswärme effizienter als der Umweg über Wasserstoff. Die Lobbyarbeit der letzten sechs Jahre hat genau diesen Befund aus der politischen Debatte verdrängt und Milliarden in suboptimale Anwendungsfelder gelenkt.

Vor der nächsten Auktionsrunde: Was jetzt entschieden wird

Die EU-Kommission führt 2026 die erste Auktionsrunde der Europäischen Wasserstoffbank mit einem Volumen von 3 Milliarden Euro durch. Parallel bereitet sie die nächste IPCEI-Runde für 2027 vor. Die entscheidende Frage lautet: Wer bekommt das Geld und für welche Anwendungen?

Klimaökonomen wie Simone Tagliapietra vom Bruegel-Institut in Brüssel und Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) fordern eine strikte Anwendungsprüfung: Förderung nur für Sektoren, für die keine effizienteren Alternativen existieren, also Stahl, Chemie und Teile der Luftfahrt. Gebäudeheizung, PKW und allgemeine Stromerzeugung sollten aus dem Förderprogramm herausgenommen werden. Das DIW schätzt, dass eine solche Neuausrichtung die Effektivität der EU-Wasserstoffförderung verdreifachen bis vervierfachen würde.

Die Europäische Wasserstoffbank hat in ihrer Pilotauktion einen Subventionsdeckel von 4,5 Euro pro Kilogramm gesetzt. Die tatsächlichen Gewinngebote lagen durchschnittlich bei 0,40 Euro pro Kilogramm. Das ist ein Beleg dafür, dass grüner Wasserstoff für bestimmte Anwendungen bereits ohne zusätzliche Förderung wirtschaftlich werden könnte, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Das Markturteil über sechs Jahre EU-Wasserstoffpolitik ist eindeutig: 79 Prozent der geförderten Projekte ohne Investitionsentscheidung, fast sechs Milliarden Dollar Abschreibungen bei Air Products allein, mehr als 60 gestrichene Projekte weltweit. Gleichzeitig hat China einen technologischen Vorsprung aufgebaut, während Europa debattierte. Die Lobby ist weiterhin gut finanziert und aktiv. Die Frage, ob die nächste Runde an Klimageldern anders eingesetzt wird, entscheidet sich in den kommenden Monaten in Brüssel.

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