Wattenmeer: Neue Salzwiesen sollen Küste schützen
Salzwiesen puffern Sturmfluten, binden Kohlenstoff und sind Brutplatz für Millionen Zugvögel. Im deutschen Wattenmeer sind sie seit der großflächigen Eindeichung des 19. Jahrhunderts auf einen Bruchteil ihrer historischen Fläche zusammengeschrumpft. Jetzt fließen aus dem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz der Bundesregierung (ANK) Millionen Euro in ihre Wiederherstellung: Niedersachsen startet fünf Projekte auf 190 Hektar, Schleswig-Holstein erhält knapp sechs Millionen Euro.
Was Salzwiesen eigentlich leisten
Salzwiesen bilden den natürlichen Übergangsbereich zwischen dem tidebeeinflussten Wattenmeer und dem Festland, durchwachsen von Halophyten wie Strandflieder und Andelgras, den Pflanzenarten die mit regelmäßiger Überflutung durch Salzwasser leben. Sie sind biologisch hochproduktive Lebensräume: 2.300 Pflanzen- und Tierarten leben laut Nationalparkverwaltung in und von den Salzwiesen des Wattenmeers.

Für den Küstenschutz leisten sie mehr als ihr zarter Bewuchs vermuten lässt: Intakte Salzwiesen brechen Wellenenergie und Sturmflutwellen ab, bevor sie den dahinterliegenden Deich erreichen. Das NLWKN (Niedersächsisches Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) beschreibt Salzwiesen deshalb als Verbindung dreier Funktionen: Küstenschutz, Klimaschutz und Klimaanpassung. Wattböden und Salzwiesensedimente speichern organisches Material über Jahrhunderte und gelten als eine der effektivsten natürlichen Kohlenstoffsenken.
Neßmersiel, 190 Hektar und das ANK-Programm
Ein erstes abgeschlossenes Projekt liefert konkrete Daten. In Neßmersiel (Niedersachsen) wurde auf 18 Hektar westlich des Fähranlegers eine durch Landgewinnung degradierte Salzwiesenfläche renaturiert. Der Netzbetreiber TenneT übernahm die Maßnahme als ökologischen Ausgleich für Küstenbauprojekte. Die Fläche wurde 2022 offiziell abgenommen.
Deutlich größer sind die Ambitionen des Aktionsprogramms Natürlicher Klimaschutz der Bundesregierung. Es finanziert fünf weitere Renaturierungsprojekte an der niedersächsischen Wattenküste mit einer Gesamtfläche von rund 190 Hektar. Laufzeit: 2025 bis 2033. Umgesetzt werden sie gemeinsam von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer und dem NLWKN.
Schleswig-Holstein erhält aus demselben Programm knapp sechs Millionen Euro. Dort wird unter anderem im Rahmen des EKOWA-Projekts (2024 bis 2028) die Kohlenstoffbindungskapazität verschiedener Salzwiesenflächen gemessen. Die Daten sollen zeigen, wie viel CO2 unterschiedlich bewirtschaftete Salzwiesen speichern und könnten als Grundlage für europäische CO2-Bilanzen dienen.
Zwölf Millionen Zugvögel und ein schrumpfender Lebensraum
Das Wattenmeer ist mit rund 11.500 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Wattenmeer der Welt, UNESCO-Weltnaturerbe seit 2009 und wichtigstes Rastgebiet auf dem Ostatlantischen Vogelzug. Jährlich machen hier rund 12 Millionen Zugvögel Station, auf dem Weg zwischen Brutgebieten in der sibirischen Tundra und Winterquartieren in Westafrika. Etwa zehn Prozent dieser Vögel, gut eine Million, brüten direkt im Wattenmeer. Für Austernfischer, Säbelschnäbler und Großen Brachvogel sind die Salzwiesen unverzichtbare Bruthabitate.

Diese Salzwiesen stehen unter Druck. Der steigende Meeresspiegel erhöht den Tidenhub und überspült Salzwiesenflächen häufiger und stärker. Gleichzeitig verhindert der Deich hinter den Wiesen, dass sie landeinwärts ausweichen können: ein Phänomen, das Küstenökologen als "coastal squeeze" bezeichnen. Deichrückverlegungen schaffen Abhilfe, indem sie den Salzwiesen neuen Raum zum Wachsen geben.
Im Vergleich: Wo Renaturierung schon gewirkt hat
Das deutsche Wattenmeer ist nicht das erste Beispiel erfolgreicher Küstenrenaturierung. In den Niederlanden wurden im November 2018 die Schleusen des Haringvliets, einer Mündungsbucht im Rhein-Maas-Delta, nach rund 47 Jahren erstmals wieder leicht geöffnet. Damit können Lachse und andere Wanderfische von der Nordsee wieder in die Binnengewässer des Rheins ziehen. Das Projekt zeigte nach wenigen Jahren erste Rückkehrsignale bei zuvor ausgebliebenen Wanderfischarten.
Noch eindrücklicher ist die Erholung des Seeadlers in Deutschland. Der Großgreifvogel, der auf saubere Küsten- und Binnengewässer angewiesen ist, zählte in den 1990er Jahren bundesweit rund 240 Brutpaare und war durch Pestizide und Verfolgung vom Aussterben bedroht. Heute gibt es laut NABU mehr als 1.000 Brutpaare in Deutschland. Ein Teil dieser Erholung hängt direkt mit der Verbesserung der Wasserqualität in wattenmeernahen Gewässern zusammen.
Was andere Küstenstaaten vom deutschen Modell lernen
Die trinationale Zusammenarbeit zwischen Deutschland, den Niederlanden und Dänemark im Weltnaturerbe Wattenmeer gilt für die UNESCO als Modell grenzüberschreitenden Küstenschutzes. Mit dem ANK-Programm zeigen Niedersachsen und Schleswig-Holstein, dass staatlich finanzierte Salzwiesenrenaturierung skalierbar ist.
Ähnliche Impulse kommen aus Großbritannien, wo Naturschutzorganisationen und Küstenbehörden die Renaturierung eingedeichter Küstenmarschen an der Ostküste vorantreiben. Die EU-Renaturierungsverordnung, die ab August 2024 in Kraft trat, schreibt Mitgliedstaaten vor, bis 2030 mindestens 20 Prozent degradierter Ökosysteme wiederherzustellen, darunter explizit Küstenlebensräume wie Salzwiesen und Watt.
Das EKOWA-Projekt in Schleswig-Holstein wird bis 2028 die ersten Langzeitdaten zur Kohlenstoffbindung liefern. Wenn sich belegen lässt, dass renaturierte Salzwiesen messbare CO2-Mengen speichern, könnte das die Finanzierungsgrundlage für weitere Küstenprojekte in der EU erheblich ausweiten.
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