ZEW dreht ins Plus: Lage bleibt auf Rekordtief
Wirtschaft

ZEW dreht ins Plus: Lage bleibt auf Rekordtief

Der ZEW-Erwartungsindex sprang im Juni 2026 von minus 10,2 auf plus 10,5 Punkte, eine der größten Überraschungen seit Beginn der Iran-Krise. Die aktuelle Lage bewertet der Index mit minus 81 Punkten. Die Schere zwischen Hoffnung und Realität spiegelt eine Wirtschaft, die auf Erholung wartet, sie aber noch nicht spürt.

23. Juni 2026, 22:44 Uhr 778 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Der ZEW-Index für Konjunkturerwartungen stieg im Juni 2026 von minus 10,2 auf plus 10,5 Punkte, ein Anstieg von mehr als 20 Punkten innerhalb eines Monats. Die Konsensprognose der Volkswirte hatte minus 8,0 Punkte erwartet, das tatsächliche Ergebnis übertraf diese Einschätzung massiv. ZEW-Präsident Achim Wambach erklärte, die Befragten setzten darauf, dass sich der Iran-Konflikt dem Ende nähere und der massive Druck auf Energiepreise und Inflation nachlasse. Gleichzeitig verschlechterte sich der Lageindex auf minus 81,0 Punkte, den schwächsten Stand seit Beginn des Iran-Kriegs.

Was der ZEW-Index misst und was nicht

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung befragt monatlich rund 350 Finanzmarktexperten aus Banken, Versicherungen und Vermögensverwaltern nach ihrer Einschätzung: Wie entwickelt sich die deutsche Wirtschaft in den nächsten sechs Monaten? Das Ergebnis ist ein Stimmungsindex, kein Konjunkturbarometer im klassischen Sinne.

Der entscheidende Unterschied liegt im Zeithorizont: Die Befragten beurteilen Erwartungen, nicht den aktuellen Stand. Dazu kommt die besondere Zusammensetzung der Befragtengruppe. Finanzmarktexperten reagieren schneller auf geopolitische Signale als Unternehmen, die auf tatsächliche Aufträge und Lieferketten angewiesen sind. Das erklärt, warum Erwartungsindex und Lageindex manchmal stark auseinanderklaffen.

Im Februar 2026, als der Iran-Konflikt noch keine volle Eskalation erreicht hatte, lag der ZEW-Erwartungsindex noch bei plus 58,3 Punkten. Mit dem Beginn der iranischen Offensiven im März und April kollabierte er, zeitweise auf minus 27 Punkte. Der Sprung von Juni ist das erste Signal, dass die Finanzmärkte an ein Ende dieser Phase glauben.

Die Schere zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Der Lageindex von minus 81,0 beschreibt, wie die Experten die aktuelle wirtschaftliche Situation bewerten. Werte unter minus 60 gelten als tiefe Rezession. Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise 2020 fiel der Lageindex auf minus 93,5 Punkte, während der Finanzkrise 2008 auf minus 92,8. Minus 81 liegt damit in der Nähe historischer Krisenausprägungen.

Die Schere zwischen positivem Erwartungsindex (+10,5) und negativem Lageindex (-81) ist ungewöhnlich weit. Sie zeigt eine Volkswirtschaft, die von Finanzmarktexperten bereits als überwindbar gilt, in der die reale Wirtschaft aber noch vollständig in der Krise steckt. Solche Phasen treten typischerweise kurz vor oder kurz nach einem Wendepunkt auf, weil Finanzmarktstimmungen dem BIP um drei bis sechs Monate vorauslaufen können.

Was die Institute für 2026 und 2027 prognostizieren

Die verfügbaren BIP-Prognosen für 2026 wurden allesamt vor der vollständigen Waffenruhe erstellt und haben die Post-Konflikt-Dynamik noch nicht eingepreist. Die Bundesregierung rechnet in ihrer Frühjahrsprojektion vom April 2026 mit plus 0,5 Prozent BIP-Wachstum für das laufende Jahr, die Bundesbank liegt ebenfalls bei plus 0,5 Prozent. Ifo-Ökonomen hatten in einem Deeskalationsszenario plus 0,8 Prozent berechnet, das RWI prognostizierte plus 0,9 Prozent, das DIW plus 1,0 Prozent.

Diese Bandbreite von 0,5 bis 1,0 Prozent reflektiert vor allem unterschiedliche Annahmen über Energiepreise und geopolitische Normalisierung. Für 2027 liegen die Schätzungen zwischen plus 0,8 Prozent (Bundesbank) und plus 1,4 Prozent (DIW), also ebenfalls Wachstum auf moderatem Niveau.

Entscheidend ist, dass keine dieser Prognosen die aktuellen Waffenstillstandsbedingungen vollständig berücksichtigt. Eine Sommerprognose des DIW, die Post-Konflikt-Phase einpreist, ist in Vorbereitung. Die Bundesbank-Aktualisierung wird für September erwartet. Bis dahin operieren Unternehmen und Investoren mit Zahlen, die entscheidende Lageveränderung noch nicht spiegeln.

Wann die Energie-Entlastung in den Haushalten ankommt

Der eigentliche Transmissionskanal von geopolitischer Entspannung zu wirtschaftlichem Aufschwung läuft über Energiepreise. Deutschlands Haushaltsstrompreise sind seit Beginn des Iran-Kriegs um bis zu 35 Prozent gestiegen, die Erdgaspreise für Industrie und Wärme lagen zeitweise beim Zweifachen des Vorniveaus. Ein nachhaltiger Rückgang würde die Kaufkraft von Haushalten direkt entlasten und Produktionskosten in der Industrie senken.

Dafür braucht es allerdings stabile Signale aus Teheran und Washington. Die am Freitag aufgenommenen Detailverhandlungen zum Iran-Abkommen sind der nächste Gradmesser. Erst wenn Energielieferungen wieder auf Vorniveau laufen und Versicherungsprämien für Tanker die Straße von Hormus passieren, werden die Frühindikatoren auch in der realen Wirtschaft ankommen. Der ZEW-Sprung vom Juni ist ein erster Hinweis, kein Freifahrtschein.

Quellen (9)

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