8 Milliarden Bäume: Äthiopiens Waldprojekt startet ins achte Jahr
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8 Milliarden Bäume: Äthiopiens Waldprojekt startet ins achte Jahr

Seit 2019 hat Äthiopien nach eigenen Angaben mehr als 40 Milliarden Setzlinge gepflanzt. Im Sommer 2026 startet die achte Kampagne mit einem Jahresziel von acht Milliarden Bäumen. Was tatsächlich wächst, lässt sich nur teilweise belegen.

7. Juli 2026, 16:43 Uhr 860 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Im achten Jahr seines ambitioniertesten Umweltprojekts will Äthiopien 2026 noch einmal acht Milliarden Bäume pflanzen. Premierminister Abiy Ahmed eröffnete die diesjährige Kampagne unter dem Motto "Planting Hope", internationale Botschafter pflanzten am 1. Juli symbolisch Bäume am Entoto-Park am Rand von Addis Abeba. Was hinter den Zahlen steckt, ist vielschichtiger als die Bilder der Massenveranstaltungen zeigen.

Von 17 Prozent auf 23 Prozent Waldbedeckung in sieben Jahren

Als Abiy Ahmed im Juni 2019 die Green Legacy Initiative startete, war Äthiopien eines der am stärksten degradierten Länder des Kontinents. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeckten Wälder noch rund 35 Prozent der Landesfläche. Jahrzehntelanger Holzeinschlag, Brandrodung und Bevölkerungswachstum hatten diesen Anteil bis in die 2000er Jahre auf etwa vier Prozent abgesenkt.

äthiopien

Satellitenbasierte Analysen mittels Landsat-8- und Sentinel-2-Daten, die im Springer-Fachjournal "Discover Environment" veröffentlicht wurden, zeigen eine messbare Erholung: Der Anteil hoher Vegetationsbedeckung stieg demnach von 9,3 Prozent im Jahr 2016 auf 22,1 Prozent im Jahr 2020. Äthiopiens Landwirtschaftsminister verkündete im Juni 2026, das Programm habe die Waldfläche des Landes um 11,2 Millionen Hektar ausgedehnt. Die Regierung gibt die aktuelle Gesamtwaldfläche mit rund 23,6 Prozent der Landesfläche an, gegenüber 17,2 Prozent bei Programmstart.

Die wirtschaftlichen Effekte sind konkret: Durch den Aufbau von mehr als 120.000 Baumschulen im ganzen Land entstanden nach offiziellen Angaben 767.000 Arbeitsplätze, überwiegend für Frauen und junge Menschen. Äthiopien hat gesetzlich festgelegt, 0,5 bis 1 Prozent der Bundeseinnahmen in die Initiative zu investieren, umgerechnet 40 bis 80 Millionen Dollar jährlich. Im August 2025 pflanzten nach Regierungsangaben rund 15 Millionen Bürger an einem einzigen Tag mehr als 714 Millionen Setzlinge.

Worauf Kritiker hinweisen

Die Zahlen, die Addis Abeba veröffentlicht, sind nicht unabhängig verifiziert. Tadesse Habtamu, Forstwissenschaftler an der Jimma Universität, kritisiert fehlendes technisches Übersichtsprogramm, Bedenken hinsichtlich Biodiversität durch unkontrollierte Artenmischung und das Fehlen systematischer Daten zur Überlebensrate der Setzlinge. Globale Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent gepflanzter Bäume innerhalb von fünf Jahren absterben. Äthiopiens Dürreperioden und regionale Konflikte verschlechtern diese Ausgangssituation zusätzlich.

Die Plattform Groundtruth.app, die Regierungsaussagen mit Satellitendaten abgleicht, weist darauf hin, dass Global Forest Watch für Äthiopien eine aktuelle Gesamtwaldfläche von rund elf Prozent misst, deutlich weniger als die offiziellen 23,6 Prozent. Der Unterschied erklärt sich zu einem Teil durch unterschiedliche Definitionen: Die äthiopische Regierung zählt auch buschige Landschaften und Weiden dazu, die in internationalen Statistiken als "sonstige Bewaldung" gelten. Ein öffentlich zugängliches, unabhängiges Tracking-System für die inzwischen auf 65 Milliarden Bäume erhöhte Zielvorgabe fehlt bislang.

Hinzu kommt die Frage des ökologischen Wertes. Wo Eukalyptus in wasserarmen Gebieten gepflanzt wird, entzieht er dem Boden mehr Feuchtigkeit als er bindet. Habtamu beobachtet aber auch positive Effekte: In Zonen mit einheimischen Baumarten triggert eine Pionierbaumart nachweislich die Rückkehr von mehr als zehn weiteren Baumarten und Wildtiere wie Colobus-Affen sind in ehemalige Lebensräume zurückgekehrt.

Im Vergleich: Andere Länder mit großen Waldprojekten

Äthiopien steht nicht allein mit dem Versuch, auf nationaler Ebene Wälder zurückzubringen.

aufforstung

China betreibt seit 1978 das größte staatliche Aufforstungsprogramm der Welt: Die "Drei-Norden-Schutzwälder" (Sānběi Fánghùlín) sollten eine Windschutzbarriere von fast 4.500 Kilometern Länge quer durch Nordchina schaffen. Nach Angaben der Chinesischen Akademie der Wissenschaften wurden bis 2020 etwa 66 Milliarden Bäume gepflanzt. Auch dort folgte Kritik: Monokulturen aus Pappeln zeigen geringe Biodiversität und hohe Sterblichkeitsraten in Dürrephasen. Das Muster ähnelt den Einwänden gegen Äthiopien verblüffend.

Das Pendant für den afrikanischen Kontinent ist die Große Grüne Mauer der Afrikanischen Union, die sich von Senegal bis Dschibuti über elf Länder erstreckt. Ihr Ziel: 100 Millionen Hektar degradiertes Sahelland bis 2030 wiederherstellen. Beim One Planet Summit in Paris meldeten die beteiligten Länder 2021 erst rund 18 Prozent des Flächenziels erreicht. Der methodische Unterschied zu Äthiopien liegt im Ansatz: Die Große Grüne Mauer setzt stärker auf natürliche Regeneration bestehender Vegetation statt auf Neupflanzung.

Was Äthiopien von beiden unterscheidet: Die Green Legacy Initiative ist keine technische Maßnahme, sondern eine nationale Massenbewegung. Mehr als 20 Millionen Bürger nehmen jährlich teil. Das hat politische Wirkung weit über die Biomasse hinaus, weil es Umweltschutz als gesellschaftliche Norm verankert.

Was drei Bedingungen über den Erfolg entscheiden

Ob Äthiopien das auf 65 Milliarden Bäume erhöhte Langzeitziel auch nur annähernd sinnvoll erreichen kann, hängt nach Einschätzung von Fachleuten von drei Faktoren ab.

Erstens von der Überlebensrate. Eine Überlebensquote von unter 60 Prozent, wie sie für einige Programmbereiche dokumentiert ist, macht jede Hochrechnung unzuverlässig. Erst wenn das Land ein öffentlich zugängliches, satellitengestütztes Tracking-System einführt, lässt sich die tatsächliche Leistung messen. Äthiopien hat im März 2026 eine UNFCCC-Expertenprüfung seiner nationalen Waldmessungen beantragt, ein erster Schritt in Richtung Transparenz.

Zweitens von der Artenauswahl. Wo ökologisch passende, einheimische Baumarten gepflanzt werden, verbessert sich die Biodiversität nachweislich und die natürliche Waldregeneration setzt ein. Wo hingegen Monokulturen dominieren, bleibt der ökologische Nutzen gering, auch wenn die Pflanzungszahlen stimmen.

Drittens von der Finanzierungskontinuität. Äthiopien finanziert die Initiative über einen gesetzlich verankerten Anteil der Bundeseinnahmen. UNEP unterstützt das Programm mit weiteren 9,8 Millionen Dollar für Klimaresilienz in armen Gemeinden. Solange das Wirtschaftswachstum stabil bleibt, ist die Grundfinanzierung gesichert. Die nächste Pflanzoffensive ist für August 2026 angesetzt.

Quellen (10)

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