Algerien beendet Trachom: WHO bestätigt Elimination
Wer in Algeriens Sahara-Provinzen aufwächst, lebte jahrzehntelang mit einem erhöhten Risiko, im Alter zu erblinden. Das Bakterium Chlamydia trachomatis befällt die Augenlider und löst wiederkehrende Entzündungen aus, die über Jahrzehnte Narbengewebe hinterlassen und schließlich die Hornhaut zerstören. Am 23. April 2026 hat die WHO Algerien als trachomfrei zertifiziert: das 29. Land weltweit und das 10. in der WHO-Afrikaregion, das diese Infektionskrankheit als öffentliches Gesundheitsproblem eliminiert hat.
Eine Krankheit, die Armut sieht
Trachom ist die weltweit häufigste infektiöse Ursache für Blindheit. Laut WHO sind heute noch rund 1,9 Millionen Menschen dadurch erblindet oder dauerhaft sehbehindert. Die Krankheit verbreitet sich dort, wo kein sauberes Wasser verfügbar ist, Fliegen Erreger auf Augen und Gesichter übertragen und enge Wohnverhältnisse Infektionsketten verlängern. In Algerien war das vor allem in den 12 Wilayat der Sahara-Zone ein Problem, wo Trachom noch in den 2010er Jahren in armen Landgemeinden endemisch galt.

Das Bakterium verursacht bei wiederholten Infektionen, vor allem im Kindesalter, eine Vernarbung der Innenseite des Augenlids. Diese Narben lassen das Lid sich mit der Zeit nach innen drehen, ein Zustand der als trachomatöse Trichiasis bezeichnet wird. Die Wimpern kratzen dann dauerhaft über die Hornhaut. Ohne chirurgischen Eingriff tritt Erblindung ein. Frauen sind besonders häufig betroffen, weil sie durch die Pflege infizierter Kinder immer wieder neu angesteckt werden. In stark betroffenen Gebieten galten sie bis zu dreimal häufiger als blind als Männer.
Wie Algerien diesen Meilenstein erreicht hat
Algerien hat früher angefangen als viele andere afrikanische Länder. Bereits im frühen 20. Jahrhundert gab es erste Kontrollmaßnahmen. Nach der Unabhängigkeit 1962 wurden kostenlose öffentliche Gesundheitsdienste schrittweise aufgebaut, ab 1974 systematisch flächendeckend eingeführt. Dieser frühe Aufbau eines landesweiten Primärgesundheitssystems schuf die strukturelle Voraussetzung für alle späteren gezielten Programme.
Von 2013 bis 2015 konzentrierte das algerische Gesundheitsministerium die Anstrengungen auf die verbliebenen Endemiegebiete im Süden. Es setzte auf die von der WHO empfohlene SAFE-Strategie: Chirurgie für Trichiasis-Fälle, Massenverteilung des Antibiotikums Azithromycin, Hygieneschulungen zur Gesichtsreinigung sowie Verbesserungen der Wasser- und Sanitärversorgung. Hausbesuche deckten restliche Fälle auf und sorgten dafür, dass auch drei besonders hartnäckige Distrikte die WHO-Schwellenwerte unterschritten.
WHO-Surveys ab 2022 bestätigten, dass die Eliminationsschwellenwerte in ganz Algerien erfüllt sind: Infektionsrate bei Kindern unter zehn Jahren unter fünf Prozent, Trichiasis bei Erwachsenen unter 2 Fälle pro 1.000 Erwachsene. Im Dezember 2025 reichte das Ministerium das Validierungsdossier ein, die Zertifizierung folgte am 23. April 2026. Trachom ist damit die erste vernachlässigte Tropenkrankheit, die Algerien eliminiert hat. Das Land ist das 62. weltweit und das 23. in der afrikanischen WHO-Region, das mindestens eine solche Krankheit erfolgreich beseitigt hat.
Im Vergleich: 94 Prozent weniger Gefährdete in 23 Jahren
Der globale Fortschritt ist dramatisch. Im Jahr 2002 lebten 1,5 Milliarden Menschen in Gebieten, in denen Trachom endemisch war. Bis November 2025 sank diese Zahl auf 97,1 Millionen, ein Rückgang von 94 Prozent. Die Zahl derer, die an trachomatöser Trichiasis leiden, fiel von 7,6 Millionen auf 1,2 Millionen, ein Rückgang von 84 Prozent. Damit sind weniger Menschen akut von Trachom-Erblindung bedroht als je zuvor, seit globale Daten erhoben werden.
Zum Vergleich: Bei Polio, dem nächsten großen Ausrottungsprojekt der WHO, ist die Zahl der Erkrankungen seit dem Start des globalen Ausrottungsprogramms 1988 um 99,9 Prozent gesunken. Bei Pocken gelang 1980 sogar die vollständige globale Ausrottung, die einzige menschliche Infektionskrankheit, die diesen Schritt bisher geschafft hat. Trachom zielt auf Elimination als öffentliches Gesundheitsproblem, nicht auf biologische Ausrottung des Erregers, aber die Richtung ist dieselbe: systematische Unterbrechung von Übertragungsketten durch kombinierte Interventionen.
29 Länder wurden weltweit bereits zertifiziert, 30 gelten noch als endemisch. Die verbliebenen Fälle konzentrieren sich auf Subsahara-Afrika, wo fragile Gesundheitssysteme, anhaltende Konflikte und höhere Armutsraten die Umsetzung erschweren. Algerien zeigt, was möglich ist, wenn staatliches Gesundheitssystem und gezielte Programme jahrzehntelang ineinandergreifen.
Tunesien folgt drei Wochen später
Algeriens Nachbarland Tunesien wurde am 14. Mai 2026, knapp drei Wochen nach Algerien, von der WHO ebenfalls als trachomfrei zertifiziert. Damit haben beide nordafrikanischen Nachbarländer innerhalb weniger Wochen diesen Status erreicht. Beide Länder hatten ähnliche Ausgangsbedingungen: nordafrikanische Staaten mit Saharagebieten im Süden, früh aufgebauten nationalen Gesundheitssystemen und einer konsequenten Umsetzung der SAFE-Strategie über mehr als ein Jahrzehnt.
Das WHO-Ziel, Trachom bis 2030 weltweit als öffentliches Gesundheitsproblem zu eliminieren, bleibt erreichbar. Was Algerien und Tunesien zeigen: Wenn ein Gesundheitssystem hinter dem Programm steht, funktioniert die Strategie. Für die 30 noch endemischen Länder, deren Systeme fragiler sind, ist genau das die entscheidende Lücke. Der 94-prozentige Rückgang seit 2002 zeigt aber, dass die Dynamik stimmt.
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