Rente mit 63 soll weg, Aktienrente soll kommen
Wer heute in Deutschland arbeitet, könnte künftig einen Teil seiner Rentenbeiträge nicht mehr in den staatlichen Umlageweg, sondern in den Kapitalmarkt einzahlen. Die Rentenkommission der Bundesregierung empfiehlt diese grundlegende Änderung als Teil eines 33-Punkte-Pakets, auf das sich alle 13 Mitglieder verständigt haben. Am Dienstag übergeben die Vorsitzenden den Bericht an Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas.
Früher als geplant, einstimmig beschlossen
Die Kommission war Ende 2025 eingesetzt worden, der ursprüngliche Abschlusstermin war Ende Juni. Bereits am 23. Juni werden die Vorsitzenden Constanze Janda und Frank-Jürgen Weise den Bericht an Merz und Bas übergeben. Janda ist Professorin für Sozialrecht, Weise war früher Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit. Beide leiten gemeinsam eine 13-köpfige Kommission, die nach eigenen Angaben rund 150 Stunden beraten hat.
Dass alle 13 Mitglieder das Gesamtpaket gemeinsam tragen, ist bemerkenswert. Frühere Rentenkommissionen endeten häufig mit Sondervoten oder gespaltenen Mehrheiten. Bei einzelnen Empfehlungen soll es auch diesmal Gegenstimmen gegeben haben, das Gesamtpaket wird jedoch von Mitgliedern aus CDU, SPD, Wissenschaft und Arbeitgeberseite getragen. Das gibt Merz eine stabilere Verhandlungsgrundlage für den Koalitionsausschuss am 1. Juli als ursprünglich erwartet.
Drei Kernvorschläge, die das System verändern würden
Die sogenannte Rente mit 63 soll abgeschafft werden. Ihr offizieller Name ist Altersrente für besonders langjährig Versicherte und sie erlaubt nach 45 Beitragsjahren einen abschlagsfreien Rentenbeginn. Den Beinamen "mit 63" trägt sie noch aus dem Einführungsjahr 2014; faktisch liegt die Altersgrenze für den Geburtsjahrgang 1960 bereits bei 64 Jahren und 4 Monaten, für Jahrgänge ab 1964 bei 65 Jahren. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass eine Abschaffung die öffentlichen Kassen um 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang entlasten und dem Arbeitsmarkt rund 125.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung stellen würde.
Künftig soll das Renteneintrittsalter dynamisch an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Das Verhältnis beträgt dabei zwei zu eins: Steigt die durchschnittliche Lebenserwartung um ein Jahr, arbeiten Versicherte acht Monate länger und beziehen vier Monate mehr Rente. Zusätzlich soll ab 2042 das Eintrittsalter alle zehn Jahre um ein halbes Jahr steigen. Beide Mechanismen zusammen würden für jüngere Jahrgänge einen deutlich späteren Rentenbeginn bedeuten als das derzeit gesetzlich festgelegte Alter von 67 Jahren.
Die Kapitalkomponente nach schwedischem Vorbild
Der dritte Vorschlag ist der politisch weitreichendste: Ein Teil der Rentenbeiträge soll nicht mehr in den Umlageweg fließen, sondern am Kapitalmarkt investiert werden. Anfangs sollen 0,5 Prozent des Bruttolohns in diese neue Säule fließen, je zur Hälfte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Dieser Anteil soll schrittweise auf zwei Prozent des Bruttolohns steigen. Das Modell orientiert sich am schwedischen System, das seit den 1990er Jahren eine verpflichtende Fondssparkomponente enthält und nach dem alle Beitragszahler vom Zinseszinseffekt über Jahrzehnte profitieren sollen.
Auf der Einnahmeseite empfiehlt die Kommission, den Kreis der Beitragszahler zu erweitern. Selbstständige, Bundestagsabgeordnete und Vorstandsmitglieder von Aktiengesellschaften sollen künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Beamte sind laut Informationen aus Kommissionskreisen in diesem Schritt zunächst nicht vorgesehen. Das ist bemerkenswert, weil die SPD seit Jahren eine vollständige Erwerbstätigenversicherung fordert, die auch Beamte einschließen würde.
Widerstand von VdK und DGB ist bereits organisiert
Die Abschaffung der Frührente stößt bei Sozialverbänden auf entschiedenen Widerstand. Der Sozialverband VdK hat bereits vor der offiziellen Präsentation klargemacht, dass eine Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren nicht akzeptabel sei. Er verweist auf körperlich belastende Berufe wie Pflege, Baugewerbe und Handwerk: Wer seit dem 18. Lebensjahr schwer gearbeitet hat, erreicht mit 63 Jahren oft seine körperliche Belastungsgrenze, unabhängig davon, was das Rentenrecht formal vorsieht.
Der Deutsche Gewerkschaftsbund war aus der Regierungskommission von vornherein herausgehalten worden. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi reagierte darauf, indem sie eine eigene DGB-Rentenkommission einsetzte, die parallel arbeitet und ihre Ergebnisse im Sommer vorlegen will. Fahimi kritisiert, die Rentendebatte werde als "technisches Buchführungsproblem" behandelt statt als gesellschaftliche Prioritätsentscheidung. Der DGB warnt vor Sozialabbau, wenn Bürgerinnen und Bürger mit sinkenden Rentenerwartungen konfrontiert werden, ohne dass höhere Kapitaleinkommen oder Vermögen stärker zur Finanzierung herangezogen werden.
Die Arbeitgeberverbände hingegen begrüßen die Richtung. Längere Lebensarbeitszeiten und eine Kapitalanlagekomponente sollen die Beitragszahler langfristig entlasten und das System gegen demografische Verwerfungen stabilisieren.
Koalitionsausschuss am 1. Juli entscheidet über Umsetzung
Der Bericht ist eine Empfehlung, kein Gesetz. Die politische Entscheidung fällt acht Tage nach der Übergabe: Beim Koalitionsausschuss am 1. Juli muss die Bundesregierung festlegen, welche der 33 Empfehlungen in Gesetzgebung überführt werden sollen. Am 10. Juli schließt der Bundestag seine Türen bis September.
Alles, was bis dahin nicht steht, kommt frühestens im Herbst. Das erzeugt besonders für die SPD Druck: Die Partei muss Gewerkschaften und Sozialverbänden erklären, warum sie Teilen eines Pakets zustimmt, das deren Kernforderungen widerspricht. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf hatte im Juni öffentlich gewarnt, nicht alle Reformfelder könnten bis zur Sommerpause abgeschlossen werden.
Merz wiederum braucht einen sichtbaren Erfolg. Das Gesamtpaket aus vier Feldern umfasst neben der Rente auch Einkommensteuer, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau und soll als Einheit beschlossen werden. Scheitert eines der Felder, scheitert das gesamte Paket. Die Einmütigkeit der Rentenkommission gibt ihm zumindest diesen Vorteil: einen unstrittigen 33-Punkte-Bericht als Ausgangsbasis für den 1. Juli.
Aktualisierungen
Update 22. Juni, 13:15 Uhr: Vor der für morgen Dienstag geplanten offiziellen Übergabe des Berichts haben auch die organisierten Großgewerkschaften Position bezogen. Verdi-Chef Frank Werneke bezeichnete die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren als 'vollständige Missachtung der Lebensleistung der Betroffenen'. Die IG Metall warnte vor 'massivem Widerstand' aus Betrieben der Metallindustrie und Elektroindustrie. Beide Gewerkschaften machen damit deutlich, dass die für den 1. Juli angesetzte Koalitionsausschuss-Sitzung keine formale Übungsveranstaltung wird. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft veröffentlichte unterdessen eine Prognos-Studie, die Finanzierungslücke der gesetzlichen Rentenversicherung ohne Reform auf 83 Milliarden Euro bis 2040 beziffert. Der DGB sieht in dieser Darstellung eine politisch motivierte Agenda, die Finanzierungsfrage auf Leistungskürzungen verengt, statt Finanzierungsquellen auf der Einnahmenseite zu erschließen.
Update 23. Juni, 07:08 Uhr: Am Dienstagmorgen wurden die 33 Empfehlungen der Rentenkommission offiziell an Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas im Kanzleramt übergeben. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi bezeichnete die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren als "eine Frage der Gerechtigkeit" und angekündigte, der DGB werde mit einer eigenen Rentenkommission ein Gegenkonzept erarbeiten, das allen Erwerbstätigen eine auskömmliche Rente sicherstellt. Der Abschlussbericht der DGB-Kommission ist für Sommer 2026 geplant. Der Sozialverband VdK warnte vor einem "heißen Rentenstreit-Sommer". Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung beziffert die fiskalischen Auswirkungen der Abschaffung: Pro Rentnerjahrgang würden 9,5 Milliarden Euro eingespart, weil Beschäftigte ihren Renteneintritt im Schnitt um zehn Monate verschieben würden. Außerdem stünden dem Arbeitsmarkt 125.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung.
Update 23. Juni, 17:10 Uhr: Nach der offiziellen Bericht-Übergabe haben sich Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas auf die vollständige Umsetzung aller 33 Empfehlungen festgelegt. Merz bezeichnete die geplante Kapitalrente als "geniale Idee" und erwartet davon "mindestens 30 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich in die Wirtschaft". Bas setzte ein Veto gegen selektive Übernahme: "Es gibt jetzt kein Rosinenpicken, es ist ein Gesamtkunstwerk." Als Zeitplan nannte sie Gesetzentwürfe nach der Sommerpause bis Ende 2026. Der Koalitionsausschuss am 1. Juli gilt als Nagelprobe: Dort soll das politische Bekenntnis aller Koalitionspartner zur Gesamtumsetzung bestätigt werden.
Update 26. Juni, 03:00 Uhr: Mit dem Koalitionsausschuss am 1. Juli kommen auch Oppositionsparteien lautstark in die Rentendebatte. Linke-Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek bezeichnete die Kapitalrente als 'Lotto mit dem Lebensabend': Kein Mensch wisse, wie sich die Märkte entwickeln würden. Linke-Fraktionsvorsitzender Sören Pellmann legte nach: Ein Rentenfondsertrag funktioniere nur, wenn Mieten, Pflegekosten und Rüstungsaktien stiegen, was den Fonds strukturell gegen die Interessen von Mietern und Pflegebedürftigen positioniere. Innerhalb der Koalition zeichnet sich eine neue Konfliktlinie ab: SPD-Finanzminister Lars Klingbeil signalisierte Sympathie für den DGB-Gegenvorschlag einer gesetzlichen Pflichtberufsrente, was die CDU ablehnt, weil es Arbeitgeber stärker belastet. Der Koalitionsausschuss am 1. Juli soll über alle vier Reformfelder als Einheit entscheiden: Rente, Einkommensteuer, Arbeitsmarkt und Bürokratieabbau.
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