ETH Zürich findet neuen Alzheimer-Auslöser
Forscher der ETH Zürich haben in Gehirnen von Alzheimer-Patienten ein Protein identifiziert, das bisher kaum beachtet wurde. Das Enzym GRK2 verklumpt in erkrankten Gehirnen, schädigt Mitochondrien und fördert die Bildung von Amyloid-Beta-Plaques. Ursula Quitterer, Professorin für Molekulare Pharmakologie an der ETH Zürich und ihr Team entwickelten einen Wirkstoff, der diesen Kreislauf in Tierversuchen unterbricht. Die Studie erschien im März 2026 im Fachjournal Cell Reports Medicine.
Was GRK2 im Gehirn anrichtet
Das Enzym GRK2, ausgeschrieben G-Protein-gekoppelte Rezeptorkinase 2, war Wissenschaftlern bisher als Regulator von Herzfunktionen und anderen Signalwegen bekannt. Das Züricher Team entdeckte, dass in Alzheimer-Gehirnen eine inaktive Form dieses Enzyms in ungewöhnlich hohen Konzentrationen vorliegt. Diese inaktiven GRK2-Moleküle aggregieren zu Eiweißklumpen.

Diese Aggregate sind nicht harmlos. Sie lagern sich an Mitochondrien an, den Energieproduzenten der Zellen und beeinträchtigen deren Funktion. Das führt zu einem Energiemangel in Nervenzellen. Gleichzeitig fördern die GRK2-Aggregate die Bildung von Amyloid-Beta, jener Eiweißablagerungen, die seit Jahrzehnten als kennzeichnendes Merkmal der Alzheimer-Pathologie gelten. Laut der Studie fördert Amyloid-Beta seinerseits die GRK2-Aggregation. Ein sich selbst verstärkender Kreislauf entsteht.
Wie Compound 10 diesen Kreislauf unterbricht
Um diesen Mechanismus zu blockieren, entwickelte das Züricher Team ein kleines Molekül namens Compound 10. Es verhindert die Aggregation von GRK2, ohne das Enzym selbst zu deaktivieren. In Versuchen mit menschlichem Hirngewebe und in Alzheimer-Mausmodellen zeigte der Wirkstoff mehrere Effekte: Die Mitochondrienfunktion verbesserte sich, die Amyloid-Beta-Ablagerungen gingen zurück, Nervenzellen blieben länger intakt und die behandelten Mäuse lebten länger als unbehandelte Kontrolltiere.
Überraschend waren Effekte außerhalb des Gehirns. Laut der Studie entwickelten behandelte Mäuse im Alter weniger graue Haare und zeigten eine verbesserte Herzfunktion. Die Autoren beschreiben das als Hinweis auf einen möglicherweise breiteren Einfluss auf Alterungsprozesse. Die Bedeutung dieser Beobachtungen für den Menschen ist noch unklar. Das Forschungsteam hat einen Patentantrag für Compound 10 gestellt.
Im Vergleich: Was andere Ansätze bisher gebracht haben
Die Alzheimer-Forschung hat sich seit den 1990er Jahren vor allem auf zwei Mechanismen konzentriert: Amyloid-Beta-Plaques und Tau-Proteine. Bei Amyloid-Beta haben Dutzende Antikörpertherapien klinische Studien durchlaufen, die meisten ohne Erfolg. Lecanemab (Leqembi) wurde 2023 von der US-Zulassungsbehörde FDA als erste amyloid-senkende Therapie regulär zugelassen. In klinischen Studien verlangsamte es das kognitive Nachlassen um rund 27 Prozent über eineinhalb Jahre. Das ist statistisch messbar, im Alltag der Betroffenen aber bisher kaum spürbar.
Weshalb GRK2 als Alzheimer-Faktor so lange übersehen wurde, erklärt sich zum Teil durch die Dominanz der Amyloid-Hypothese in der Forschungslandschaft. Sie absorbierte seit den frühen 1990er Jahren einen Großteil der Forschungsfinanzierung und klinischen Studienkapazitäten. GRK2 war kein unbekanntes Enzym, aber als eigenständiger Faktor der Neurodegeneration wurde es nicht systematisch untersucht. GRK2-Aggregation ist ein dritter Pfad, der einen anderen Angriffspunkt bietet als Lecanemab und damit theoretisch Kombinationstherapien ermöglicht.

Für Deutschland sind die Zahlen real: Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben derzeit rund 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, die meisten davon mit Alzheimer. Bis 2050 könnte diese Zahl auf 2,3 bis 2,7 Millionen steigen. Trotz jahrzehntelanger Forschung gibt es keine Therapie, die den Verlauf aufhält oder umkehrt.
Was aus Compound 10 einen Wirkstoff machen würde
Das Züricher Forschungsteam hat die Grundlagenforschung abgeschlossen und einen Patentantrag gestellt. Für den Weg zur klinischen Anwendung fehlen drei Schritte.
Erstens toxikologische Studien: Compound 10 muss zeigen, dass es beim Menschen keine unerwünschten Nebenwirkungen hat. Der beobachtete Herzeffekt aus den Mäuseexperimenten muss verstanden werden, bevor eine menschliche Studie beginnen kann.
Zweitens pharmakokinetische Daten: Der Wirkstoff muss in ausreichenden Konzentrationen ins Gehirn gelangen und dort aktiv bleiben. Viele Substanzen scheitern genau hier. Sie wirken in der Zellkultur und im Tiermodell, können aber die Blut-Hirn-Schranke nicht in therapeutisch relevanten Mengen überwinden.
Drittens ein Industriepartner: Akademische Labore entwickeln in der Regel nicht selbst bis zur Marktzulassung. Dafür braucht es ein Pharmaunternehmen, das die Kosten klinischer Studien trägt. Die Patentanmeldung ist der übliche erste Schritt, um industrielles Interesse zu wecken. Klinische Phase-1-Studien am Menschen könnten nach üblichem Zeitplan in drei bis fünf Jahren beginnen, sofern diese Voraussetzungen erfüllt sind.
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